Die Farbe der Erinnerung
Roman

von Jennifer Egan

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Schöffling & Co.
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Jennifer Egan hat einen Bestseller geschrieben, der auch wie ein Bestseller aussieht. Und dennoch ist "Die Farbe der Erinnerung" mehr als bloß ein flotter Roman.

Der Verlag Schöffling & Co. hat den wagemutigen Versuch unternommen, einen Bestseller zu konstruieren. Von außen besehen gehts nicht mehr peinlicher: Das Cover ziert ein nackter Mädchenrücken, der absolut nichts mit dem Inhalt zu tun hat, ein glitschig-überscharfes Autorinnenfoto im Brigitte-Stil bedeckt die gesamte Rückseite. Und dann wurde der Roman der Amerikanerin Jennifer Egan (im Original "The Invisible Circus") zu allem Überfluss unter dem Titel "Die Farbe der Erinnerung" auf den Markt geschmissen. Natürlich darf am Klappentext der Hinweis nicht fehlen, das Buch werde "zur Zeit mit Cameron Diaz in der Hauptrolle verfilmt".
Die Hauptrolle spielt die 18-jährige Phoebe aus San Francisco. Wir schreiben das Jahr 1978, und Phoebe hat meistens den Eindruck, sie käme zu spät. Vom Leben und von den Siebzigern ist sie ohnehin bestraft worden: Zuerst starb der geliebte Vater, IBM-Manager und Hobbymaler im Umfeld des Beat-Poeten Lawrence Ferlinghetti. Dann sprang ihre drogensüchtige, um acht Jahre ältere Schwester Faith in Italien von einer Klippe. Nun wohnt Phoebe in Faiths Zimmer, trägt deren Kleider, ist zu einer seltsam vorsichtig-frühreifen Frau geworden, die noch nicht genau weiß, ob sie genau weiß, was sie will.
Phoebe begibt sich auf einen Europatrip, verfolgt anhand der Ansichtskarten die Reisestationen ihrer Schwester: London, Amsterdam, Paris. In München trifft sie zufällig Faiths Ex-Freund Wolf, und der rückt schrittweise mit einer haarsträubenden Geschichte heraus: Faith sei Anfang der Siebziger in Berlin Botenmädchen für die Rote Armee Fraktion geworden, habe sich von ihm entfernt. Phoebe ist hartnäckig. In hartnäckiger und wochenlanger Kleinarbeit entlockt Phoebe Wolf eine schreckliche Wahrheit. Dazu ist schmerzhaftes Erwachsenwerden nötig, ein Sommertrip, der die längste Zeit um Corniglia herum- und an Corniglia vorbeiführt, und eine wilde Obsession ohne Happy-End.

Jennifer Egan hat ihren John Irving gut gelesen: ein sprachlich schnörkelloser, mitreißender Text, ein Bestseller im besten Sinn, ein amerikanisches Familienepos (einschließlich der für Europäer schwer erträglichen schmalzigen Beziehung zu den Eltern) mit einer vielschichtigen Protagonistin, die was zu sagen hat. Nebenbei wird jener Generation ein Denkmal gesetzt, die (wie Phoebe) um 1960 geboren wurde und der das wilde Leben der frühen Siebziger von großen Brüdern und großen Schwestern als Heldenepos überliefert wurde.
Für Faith ist Europa ein bunter Spielplatz mit Sex, Drogen und Politik gewesen. Phoebe kriegt es nicht mehr so billig: Jedes Erlebnis wird grausam erkauft, inmitten der großen Leidenschaft ist von Leichtigkeit keine Spur mehr, und auf den Rausch folgt die Realität mit abgelaufenen Fristen und neu auszufüllenden Bewerbungsbögen. Die Suche nach der Schwester ist nichts als die Suche nach der eigenen Identität gewesen, und am Ende bleibt für Phoebe nur Fruchtmüsli, Spießertum und Weltpolitik: "Phoebe gewöhnte sich an, jeden Tag die Zeitung zu lesen. Präsident Carter, Idi Amin, Bürgermeister Moscone – sie beschäftigte sich intensiv mit allem, was diese Leute sagten oder taten. Johannes Paul I. stirbt nach vierunddreißig Tagen als Papst, der Goldpreis auf Rekordniveau, Isaak Bashevis Singer erhält den Nobelpreis. Sid Vicious wird angeklagt, Nancy ermordet zu haben. Sadat und Begin schließen Frieden. (...) Je mehr sie über die Welt wusste, desto weniger schmerzhaft war ihre Abwesenheit."
Dass Egans Text mehr als ein flotter Roman geworden ist, verdankt er nicht zuletzt der glasklaren Sprache des Übersetzers Günter Ohnemus.

Martin Amanshauser in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 8)


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