Look at Me

von Jennifer Egan, Gabriele Haefs

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Schöffling & Co.
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Terroristenporträt, Teenagergeschichte und noch viel mehr: Jennifer Egans Roman "Look at Me" zeigt ein Amerika der Außenseiter, die auf der Suche nach sich selbst sind.

Manchmal passiert es, dass die Realität jede noch so kühne Fiktion überholt. Als die amerikanische Erzählerin Jennifer Egan 1995 mit der Arbeit an ihrem jüngsten, über 500 Seiten starken Roman "Look at Me" begonnen hatte, schien ihr die Idee, dass sich ganz gewöhnliche Menschen im Internet rund um die Uhr bei ihrem Leben beobachten lassen, noch fiktiv und satirisch zugespitzt. Wenige Jahre später musste Egan in einem Interview resigniert feststellen: "Jetzt wirkt das Ganze weder lustig noch verrückt, es liest sich heute wie ein sozialer Kommentar."

Als irritierend aktuell stellte sich nach den Anschlägen auf das World Trade Center im letzten Jahr hingegen ein anderer Erzählstrang heraus. Bei Egan geistert ein gewisser Z., ein fundamentalistischer Schläfer, durch die Geschichte und wechselt Identitäten, Orte und Berufe wie die Unterwäsche. Z. erfindet sich jedes Mal so gekonnt neu, dass er letztendlich seinen Hass gegen die USA aufgeben und sich eingestehen muss: Ich bin der perfekte Amerikaner. Schließlich verkörpert er den zutiefst amerikanischen Traum vom Selfmademan, der bei null anfängt und es aus eigener Kraft bis an die Spitze schafft - an welche auch immer.

Die Handlung von "Look at Me" lässt sich nicht nur aufgrund der verästelten Handlungsstränge, die Egan dennoch souverän zusammenhält, schwer wiedergeben. Im Zentrum steht ein Model, dessen Gesicht nach einem dramatischen Autounfall und einer zwölfstündigen Operation von achtzig Titanschrauben zusammengehalten wird. Charlotte Swenson sieht zwar immer noch aus wie ein Model, nur eben ein anderes als zuvor - der Großteil ihrer alten Kollegen erkennt sie nicht wieder, und auch die Jobs bleiben aus, sieht man von einem Auftrag ab, bei dem ihr Gesicht mit Rasierklingen geritzt werden soll (Modefotografie auf der Suche nach dem Reality-Kick, eine Schiene, die sich allerdings auch nicht mehr taufrisch anhört). Allerdings befand sich Charlottes Modelkarriere bereits vor dem Unfall im Sinkflug Richtung Kaufhauskataloge und steuerte nun auf den absoluten Tiefpunkt zu, wäre da nicht diese Internetgeschichte, die aus ihr unverhofft eine Legende macht.

Jennifer Egan, die für "Look at Me" für den National Book Award nominiert wurde, liebt komplizierte Plots: Ihr Debütroman "The Invisible Circus", verfilmt mit Cameron Diaz, schickt seine Heldin auf die Suche nach dem Lebensgefühl der Sechzigerjahre, im Zuge deren diese herausfindet, dass ihre verstorbene Schwester dem RAF-Kreis angehörte. Egans Figuren suchen stets nach ihrer Identität und verstricken sich dabei in einem Netz aus inneren und äußeren Zwängen. Doch so konstruiert kann eine Geschichten gar nicht sein, dass es Egan nicht gelänge, ihre Figuren mit großer Genauigkeit in ihrem sozialen Umfeld und mit all ihren Ambivalenzen zu porträtieren.

Im Kern ist "Look at Me" - ebenso wie Jonathan Franzens hochgelobter Roman "Die Korrekturen" - eine gut erzählte Familiengeschichte. Wobei Jennifer Egan den Begriff Familie nicht bloß durch die Abstammung definiert sieht: Eher handelt es sich um eine Art Wahlverwandtschaft, die alle irgendwie suchen, aber nur zeitweilig finden - und länger sowieso nicht ertragen würden.

Alle Wege kreuzen sich in Rockford/Illinois. Neben dem Model Charlotte, die aus ihrer einstigen Heimatstadt geflohen ist, lebt dort auch ein Teenager gleichen Namens: Die junge Charlotte ist eine schulische Außenseiterin, die mit ihren Eltern kaum redet und in der Affäre mit ihrem neuen Lehrer mit mehr als den situationsbedingten Geheimnissen konfrontiert wird. Überraschenderweise findet die 16-Jährige für kurze Zeit einen Verbündeten in dem eigenbrötlerischen und psychisch labilen Onkel Moose, der an einer umfassenden Geschichte der amerikanischen Industrialisierung arbeitet. Als ehemaliger Universitätsprofessor hätte er in einem Experiment mit Studenten beinahe den ganzen Campus in die Luft gesprengt.

Die USA sind bei Jennifer Egan ein Land voller sympathischer Außenseiter, die ihre innere Sicherheit suchen. Mehr und mehr entdecken sie, dass die werbewirksamen Angebote an äußerer Sicherheit ihnen dabei nur wenig helfen, da es nur eines zu akzeptieren gilt: das wirkliche, wahnsinnige und verwirrende eigene Leben.

Karin Cerny in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 17)


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