Heißt lieben

von Margit Schreiner

€ 19,50
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Verlag: Schöffling
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 152 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.07.2003

Rezension aus FALTER 37/2003

Margit Schreiner und Walter Müller schreiben aus der Sicht der Kinder über sterbende Mütter und verstorbene Väter.

Die einen fliehen die Mütter, die anderen suchen die Väter; entkommen kann man in keinem Fall: nicht den Müttern, nicht den Vätern und schon gar nicht ihrer Abwesenheit.


"Wir werden erwachsen, wenn die Mütter sterben", erklärt die Protagonistin von "Heißt lieben", dem jüngsten Buch der Linzer Schriftstellerin Margit Schreiner, Jahrgang 1953. Dass die Mutter bald sterben wird, kann sie allerdings noch nicht wissen, als sie während der gefürchteten Weihnachtsfeiertage den Notarzt holen muss, weil die Mutter das Festessen wieder auskotzt. Eine Hepatitis-C-Erkrankung hindert sie nämlich weder am Konsum von Weihnachtsgans und Heringssalat, noch daran, die Hinweise auf eine etwaige Ansteckungsgefahr in den Wind zu schlagen: "Die Mütter tun unsere Bedenken ja immer mit einem Lachen ab. Einerseits haben sie selbst vor allem und jedem Angst und warnen uns ununterbrochen: vor dem Straßenverkehr, vor schlechter Gesellschaft, vor Drogen, dem anderen Geschlecht, verdorbenen Mahlzeiten, Hundekot auf den Straßen, den Folgen von Masern, dem Lesen bei schlechtem Licht, Mangel an Frischluft und so weiter und so fort, andererseits akzeptieren sie nicht die geringsten Einwände unsererseits. Wir sollen uns unseren Müttern mit Haut und Haar ausliefern. Darauf läuft alles hinaus."

Die gefräßige Liebe und der Widerstand dagegen setzen ein libidinöses Drama in Gang, das selbst mit dem Tod der Mutter kein Ende hat. Fühlt sich die Tochter neben der - buchstäblich schrumpfenden - Mutter seit langem wieder wohl ("Ich bin froh, dass ich sie füttern durfte und frisieren und dass ich ihre Hand halten durfte beim Fernsehen"), so bleibt der Kannibalismus als Modell der Liebe doch über den Tod der Mutter hinaus wirkungsmächtig. Fünf Tage nach dem Ableben sickert aus der Leiche noch immer hellrotes Blut, und das hört dann in den beiden letzten Kapitel dieses recht disparaten, mal amüsanten, mal berührenden, mal pathetischen Text-Tryptichons ("Tod", "Hochzeit", "Und eine Geburt") auch gar nicht mehr zu fließen auf: von der ersten Regelblutung bis zur Nachgeburt, von den hölzernen Blutstropfen, die dem geschnitzten Heiland entquellen, bis zu den realen, die aus der Rasierwunde des Vaters stammen. Dazwischen wird der frische Geliebte ("Mann meines Lebens"), mit dem die Protagonistin im Hotelbett liegt, als sie die Nachricht vom Tod der Mutter ereilt, mit Haut und Haar konsumiert: "Meine Finger suchen Haare auf deinem Kopf, die ich noch nicht gekostet habe."

"Als Mutter verlosch, flammte Vater auf. Vater aus der Asche. Mutter Richtung Erde. Mutter verschwand, Vater kam zum Vorschein. Wie im Wetterhäuschen." Der Salzburger Schriftsteller Walter Müller, Jahrgang 1950, schickt in "Die Häuser meines Vaters" seinen Ich-Erzähler auf die Suche nach einem Phantom - dem seines Vaters. Krämer jr. ist 28 Jahre alt, als er im "verrückten" Jahr 1978 von seiner Frau geschieden wird, seinen Arbeitsplatz verliert, seinen ersten Literaturpreis erhält und vom Tod seines Vaters erfährt: "Robert Krämer, Maurerpolier i.R., 55." - "Ist er das?, fragte ich Mutter am Telefon. Das ist er, sagte sie."

Was dem Sohn bleibt, ist eine Todesanzeige, ein Scheidungsprotokoll und ein Sterbebildchen, das den Vater als jenen Mann ausweist, dem er immer wieder im Bus begegnet ist. Krämer jr. wird dem Begräbnis anonym beiwohnen, aber erst 22 Jahre später, als ihm "einfach so" die Decke auf den Kopf fällt und er einen Therapeuten aufsucht, wird er die Mutter zum ersten Mal nach dem Vater fragen. Viel wird er nicht in Erfahrung bringen können, und wenig später ist die Mutter tot, lässt den Sohn mit der spärlichen Hinterlassenschaft und seinen Fantasien allein.

Wenn die Gier nach Liebe kein Fleisch zu fassen bekommt, muss sie sich an die eigene Imagination halten. Und die hat in Walter Müllers Roman gleich einen doppelten Boden: Der mittlerweile fünfzigjährige Sohn fantasiert sich als Buben, der sich einen Vater fantasiert: als tollkühnen Puch-350er-Fahrer, als unwiderstehlichen Frauenliebling, romantischen Hallodri, Saufkopf und Stepptänzer. Wobei das gewählte Register nicht immer konsistent ist: "Outfit" und "Einchecken" haben in einer Kindheit der späten Fünfzigerjahre nicht viel verloren, "Himbeerlimo", "Kumpel" und "Sperlinge" sind wohl ein Zugeständnis an das Primärpublikum des deutschen Verlags.

Dennoch gelingt es Müller, die Aporien der Vaterlosigkeit in kurzen Kapiteln schlaglichtartig auszuleuchten: Der Sohn muss sich zum Bauchredner des imaginierten Vaters machen und leistet auch noch für die Schuldgefühle Abbitte, die er diesem in den Kopf legt. Dass sich der Autor dabei mitunter einer allzu aufgelegten Metaphorik bedient - der Vater leidet an den Phantomschmerzen eines abgenommen Beines so wie der Sohn an denjenigen seines verschwundenen Erzeugers -, mag man ihm nachsehen.

Am Ende verhilft Krämer jr. einer seiner fantasierten Vaterfiguren durch den gezielten Einsatz einer Beasts-of-Bourbon-Nummer zu zeitlich begrenzter Flucht vor dem strengen Regime des Pensionistenheims. Auf die Dauer aber gibt es kein Entkommen. Die Sehnsüchte und Versäumnisse der Eltern leben in den Kindern weiter, und die Scham, die der Blick der Mutter in uns entzündet, wird auch nach deren Tod noch brennen. Wie heißt es doch so treffend bei Margit Schreiner: "Weil wir sie nicht so lieben, wie sie uns liebt, ist es uns unangenehm, dass sie uns immer anschaut."

Klaus Nüchtern in FALTER 37/2003 vom 12.09.2003 (S. 63)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Häuser meines Vaters (Walter Müller)

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