Das menschliche Gleichgewicht

von Margit Schreiner

€ 20,60
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Verlag: Schöffling
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.08.2015

Rezension aus FALTER 39/2015

Die heikle Balance zwischen Urlaub und Tragik

Die österreichische Herbstliteratur erzählt heuer viel von kroatischen Inseln. Bei Margit Schreiner allerdings kann von Urlaubslektüre eher keine Rede sein. Ihr Roman basiert auf einer Kurzgeschichte aus dem Jahr 2013, diese wiederum auf einer wahren Begebenheit: Ein befreundetes Ehepaar, das nach Israel ausgewandert war, wurde vom eigenen Sohn ermordet, bevor die Polizei ihn erschoss.
Die Erzählerin in „Das menschliche Gleichgewicht“ ist eine 60-jährige Schriftstellerin, jung geblieben, aber desillusioniert, was ihre weitere Karriere angeht. Sie ist auf dem Sprung in den Urlaub, den sie mit dem frisch pensionierten Partner und Freunden auf einer einsamen Insel verbringt.
Ihre Hoffnung, zum Schreiben zu kommen, zerschlägt sich, als plötzlich Sarah, 20, vor der Tür steht. Deren Eltern und Halbbruder sind tot, vor sieben Monaten hat sich auch ihr Bruder umgebracht. Es kommen also Psychopharmaka ins Gepäck und Sarah mit auf die Insel.
Von da an wechselt sich der geradlinige Bericht der Erzählerin mit Auszügen aus Sarahs „Krankentagebuch“ ab, das sie in der Jugendpsychiatrie geschrieben hat. Urlaubsfreuden und Traumata: Schreiner zeigt, wie wenig Alltag und Ungeheuerlichkeit trennt.
Seit jeher ist ihr Schreiben durch die eigene Biografie bestimmt, so auch hier: „Es hat Zeiten gegeben, da habe ich alle Schriftsteller beneidet, die ihre Existenz hinter Erfundenem verbergen konnten.“ Im Lauf der Zeit hat sie aber die Fiktionalität der eigenen Existenz erkannt. Erinnerungen sind trügerisch, die Biografie ist eine selbstgetextete Erfindung.
Schreiner will die Wirklichkeit sprachlich nicht entschärfen und bleibt stilistisch trocken. Dabei legt sie ihre Spätsommergeschichte nicht unidyllisch an, die beiden Familien sind einander innig zugetan, man trinkt, lacht, es springt auch der eine oder andere Delfin aus dem Meer.
Zentrale Einsicht der Erzählerin: „Kein Roman ist es wert, dachte ich beim zweiten Glas Weißwein, ihm etwas Lebendiges zu opfern.“ Dieser Roman aber lohnt die Zeit, die man seiner Lektüre opfert.

Dominika Meindl in FALTER 39/2015 vom 25.09.2015 (S. 34)


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