Der Außenseiter

von Sadie Jones, Brigitte Walitzek

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Schöffling & Co.
Erscheinungsdatum: 01.07.2008

Rezension aus FALTER 51/2008

Diese Coming-of-Age-Geschichte erzählt davon, wie Gilbert nach dem Unfalltod seiner Mutter, den er als Bub miterleben muss, nicht wieder Tritt zu fassen vermag. Das (auch erotisch) angespannte Verhältnis zur Stiefmutter, die Entfremdung vom Vater, der Konservativismus der Upper Middleclass in der Countryside der unmittelbaren Nachkriegszeit setzen ihm zu, Erleichterung bieten die Flucht nach London, der Alkohol und Selbstverstümmelung. Auch wenn der Roman im letzten Drittel gar kolportagehaft wird und nichts mehr auslässt, ein weitgehend gelungenes, spannendes und süffig zu lesendes Debüt.

Klaus Nüchtern in FALTER 51/2008 vom 19.12.2008 (S. 20)


Rezension aus FALTER 42/2008

Ich fühle mich von den 50ern angezogen

Mit ihrem in der suburbanen Familienhölle der 50er-Jahre angesiedelten Erstling "Der Außen­seiter" (im Original "The Outcast") hat Sadie Jones in Großbritannien auf Anhieb einen Bestseller gelandet. Der Falter traf sie im Soho Hotel in London, nahe einem der Hauptschauplätze der Geschichte.

Falter: Wir sitzen hier in Soho, wo Ihr Romanheld Lewis den Sex und ein neues Ich entdeckt. Haben Sie eine spezielle Beziehung zu diesem Stadtteil?
Sadie Jones: Vermutlich ja. Soho ist einfach der Ort, wo man als junger Mensch in London hingeht. Es ist anders als überall sonst. Es gibt zwar Leute, die hier leben, aber man trifft nie jemand, der sagt: Ich bin verheiratet, habe Kinder und wohne in der Wardour Street. Soho ist von dieser Welt des Wohnens getrennt, es hat Bars und Clubs, die Filmindustrie, Fotografen, all das, nur nicht die Art von Gesellschaft, aus der wir alle kommen. Für Lewis ist dieses Nirgendwo etwas Wundervolles.
Ein Nirgendwo, das nur eine kurze Bahnfahrt von Lewis' Wohnort im ländlichen
Surrey entfernt ist, wo ja heute noch die von Ihnen beschriebene erstickende Atmo­sphäre herrscht.
Jones: Allerdings. Es ist erstaunlich, wie viele Leute mir das gesagt haben: Es ist immer noch so! Ich versuchte ja auch nicht, eine Sozialgeschichte zu schreiben. Ich verwendete die 50er-Jahre nur, um meine Geschichte zu erzählen. Die Leute reden auch heute nicht miteinander, schlagen einander und trinken.
Weil Sie gerade die Rolle des Alkohols erwähnt haben: Die britischen Medien haben ja unlängst mit großem Erstaunen reagiert, als eine aktuelle Studie den Alkoholismus des gehobenen Mittelstands aufdeckte.
Jones: Ja, wer hätte das gedacht? (Lacht.) Ich sehe den Alkohol als ein handelndes Element der Geschichte – genauso wie das Dorf und den Fluss. Manchmal hat er einen guten Einfluss, er hilft Lewis weiter. Er ist natürlich auch eine destruktive Kraft, aber ich wollte keinen Kommentar über den Mittelstand abgeben. Das war einfach das Milieu, in dem sich diese Geschichte ereignet.
Mich hat bei der Lektüre überrascht, dass sich die Leute selbst in den Jahren der Lebensmittelrationierung ganz gutes Essen leisten konnten. Wie war das möglich?
Jones: Was die Einkäufe für den eigenen Haushalt anging, saßen tatsächlich alle im selben Boot. Essensmarken waren ein hervorragender Gleichmacher. Aber dann habe ich erfahren, dass Restaurants von der Rationierung ausgenommen waren. Wenn man genug Geld hatte, konnte man also jeden Abend Fleisch essen. Aber diese Recherchen hab ich erst im Nachhinein angestellt. Während ich schrieb, war ich mir sicher, dass ich die Welt kannte, in der ich mich bewegte. Im Moment schreibe ich dagegen ein Buch, wo ich alles im Vorhinein recherchieren musste und das im selben Jahr, während der damaligen Militärkrise in Zypern, spielt. Ich fühle mich sehr von den 50er-Jahren angezogen, aber falls ich noch ein Buch schreibe, muss ich wohl das Jahrzehnt wechseln.
In "Der Außenseiter" gibt es Szenen der Selbstverletzung. Das ist etwas, was üblicherweise eher mit Mädchen in Verbindung gebracht wird.
Jones: Ich hatte einfach ein instinktives Gefühl, dass Lewis ein Selbstverletzer sein könnte. Und als ich auf Lesereise in Kanada war, erzählte mir ein Journalist, der lange in einem Jugendgefängnis gearbeitet hat, dass die Rate von Selbstverletzungen unter Burschen entgegen der allgemeinen Annahme sogar noch höher als bei den Mädchen war. In Wahrheit ist ja auch eine Gefängnistätowierung nur eine getarnte Selbstverletzung. Wir fürchten uns vor gewalttätigen jungen Männern. Und doch wissen wir, dass sie die Gruppe mit der höchsten Selbstmordrate sind. Wir haben keinen Platz für sie. Und darum sollte es auch gehen in meinem Buch. Die Fifties boten sich als eine gute Periode an, um solche Diskussionen anzureißen, denn damals begannen sich die Männer und Frauen neuzuerfinden. Lewis ist verloren in dieser Gesellschaft. Gott sei Dank werden ihm die 60er-Jahre zu Hilfe kommen.
Wissen Sie denn, was mit ihm später passieren wird? Werden er und seine Partnerin dann ein befreites Leben führen?
Jones: Ich weiß genau, was mit den beiden passiert. Während des Schreibens hörte ich im Radio "Paint It Black" – ein fantastischer Song. Und ich dachte: "Oh mein Gott, Lewis würde das lieben." Aber natürlich kann er das zu seiner Zeit noch nicht hören. Er weiß nicht einmal, dass er ein Teenager ist, er glaubt, er wäre ein versagender Erwachsener.
Ein anderes großes Thema in Ihrem Buch ist Gewalt in der Familie. Da ist ein Mann, der eine gewisse Scham dafür empfindet, dass er seine Frau schlägt. Seine Kinder zu schlagen findet er dagegen ganz in Ordnung.
Jones: Es ist ihm wichtig, sein eigenes Benehmen zu sanktionieren. In dieser Gesellschaft gibt es das Gefühl, dass man unter dem Deckmantel der Disziplin alles rechtfertigen kann.
Unterdrückte Sexualität?
Jones: Genau.
Bevor Sie dieses Buch geschrieben haben, arbeiteten Sie als Drehbuchautorin. Wie geht es eigentlich den Plänen zur Verfilmung von "Der Außenseiter"?
Jones: Der Stoff war ja ursprünglich auch ein Drehbuch. Aber nachdem ich ihn zu einem Buch gemacht habe, muss ich jetzt noch einmal von vorne anfangen. Ich sehe beim Schreiben immer alles dreidimensional und in Farbe vor mir, ich kann nicht anders.
Was für Drehbücher haben Sie denn geschrieben?
Jones: Nichts, was je produziert wurde – bis auf einen Entwurf für einen Film mit ­Jacqueline Bisset, den ich nie gesehen habe. Ich weiß nicht einmal mehr, wie er geheißen hat. Ich habe allerhand Scripts geschrieben, die zum Teil angenommen, aber dann nie verwendet wurden – so wie das im Fernsehen ja zu 99 Prozent der Fall ist. Um ehrlich zu sein, bin ich auch nicht gut im Schreiben von Ärztedramen. Mir war einfach nie der Gedanke gekommen, ein Buch zu schreiben. Aber aus diesem Stoff musste ich einfach etwas machen, und irgendwann war mir klar, dass das Buch wesentlich bessere Chancen auf Erfolg hatte, also schob ich das Drehbuch schnell wieder zurück in die Schreibtischlade.
Sie kommen ja aus einer künstlerischen Familie …
Jones: Mein Vater war Dichter, Romanschriftsteller, Dramatiker und Drehbuchschreiber, meine Mutter Schauspielerin. Ich wuchs also in einem sehr liberalen, kunstsinnigen London auf. Wir kannten keine Banker oder Anwälte, sondern lauter Leute, die immer hofften, dass alles gutgehen würde, aber auch damit leben mussten, wenn es nicht so war. Ich bin das Auf und Ab also gewohnt.
In einigen Rezensionen von "Der Außenseiter" wurden Vergleiche mit Ian McEwan angestellt.
Jones: Ich habe fast meine Zunge geschluckt, als ich das las. Sehen Sie den Zusammenhang zwischen den zwei Büchern?
Ich kann mir schon vorstellen, wie man darauf kommt. Es kommen Schwestern vor …
Jones: … und der Wald …
… und es gibt eine Schuldfrage.
Jones: Allerdings. Aber lässt sich das nicht von der Hälfte aller Geschichten sagen? Es ist sehr schmeichelhaft, aber auch ärgerlich, wenn manche meinen, ich sei von Ian McEwan beeinflusst. Wenn dem so wäre, wäre ich eine viel bessere Schreiberin. Und ich hatte "Abbitte" noch nicht einmal gelesen, als "Der Außenseiter" schon fertig war.
Immerhin gibt es im Gegensatz zu einigen von McEwans letzten Werken in Ihrem Buch angenehmerweise keine seitenlangen Passage, auf der Sie die Früchte Ihrer Recherchen ausbreiten.
Jones: Ich hab das nicht so gerne. Entweder eine Welt erwacht zum Leben oder nicht. Die Information, dass jemandes Schuhbänder zu 20 Prozent aus Nylon sind, nützt da nichts.
Glauben Sie, dass die Leser die Welt verstehen werden, die Sie beschreiben?
Jones: Ich hoffe, dass es ihnen etwas über ihre eigene Welt sagen wird und nicht bloß eine touristische Erfahrung bleibt.
Österreicher werden zumindest das Thema des geheimen Missbrauchs innerhalb der Familie wiedererkennen, der nach dem Fall F. ja weithin als österreichische Spezialität enthüllt wurde.
Jones: Ich glaube, das gibt es überall auf der Welt. Welche Familie würde Missbrauch schon öffentlich machen? Das ist doch per Definition eine geheime Sache. Es ist so ein schnell verfügbares Klischee: Was geht hinter der verschlossenen Tür vor, hinter den zuckenden Netzvorhängen der Vorstadt? In jeder Gesellschaft tun Menschen einander in ihren Häusern furchtbare Dinge an.
Wird es eine Fortsetzung zu "Der Außenseiter" geben? Die würde sich ja durchaus anbieten.
Jones: Nein. Ich glaube nicht, dass Lewis noch eine Episode braucht, um mit sich ins Reine zu kommen. Er hat seine Krise hinter sich. Aber ich weiß, wie gesagt, genau, wie es mit ihm weitergegangen ist. Und ich verspüre immer den Drang, es den Leuten zu erzählen.
Sie können's ja mir sagen.
Jones: Nein. Ich behalte das für mich.

Robert Rotifer in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 19)


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