Das Tierreich

von David Albahari

€ 20,60
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Übersetzung: Mirjana und Klaus Wittmann
Verlag: Schöffling
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.02.2017


Rezension aus FALTER 11/2017

Der abstoßende Sadismus des Waschbären

In seinem schmalen Roman „Das Tierreich“ erstellt David Albahari eine Phänomenologie menschlicher Gemeinheit

Im Juni 1968 gingen auch in Jugoslawien die Studenten gegen das versteinerte Regime der Partei auf die Straße. Halbherzig räumte Tito Versäumnisse ein, der Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei zwei Monate später befreite ihn freilich von seinem Versprechen, den Forderungen nach mehr Liberalität und Transparenz nachzukommen.
Wer sich der Revolte angeschlossen hatte, war nun für lange Zeit Verfolgung und Repression ausgesetzt – wie Miša, der tragische Held in David Albaharis neuem Roman. Jahre nach den Protesten muss er zum Militär, wo es sein Vorgesetzter Dimitrije lustig findet, seine Rekruten nach Tieren zu benennen: Er selbst ist der Waschbär, die anderen heißen Tiger, Zecke und Schlange. Miša nennen sie Spatz.

Tiger, der Ich-Erzähler, wird am Ende der einzige Überlebende einer Gewaltorgie sein. Er ist ein Einzelgänger, der sich am liebsten in die Bibliotheksbaracke zurückzieht. Die Großmäuligkeit und der Sadismus
des Waschbären stoßen ihn ab. Er weiß sich unauffällig mit den Verhältnissen zu arrangieren, auch wenn ihn das den einen oder anderen moralischen Kompromiss kostet.
Diese Möglichkeit bleibt Miša verwehrt. Vom ersten Tag an hat ihn Dimitrije zum Opfer auserkoren. Zufall? Oder weiß Dimitrije etwa, was der Tiger allein zu wissen glaubt, nämlich dass Miša eine führende Rolle bei den Studentenunruhen spielte, und sieht nun den Augenblick der Rache gekommen? Diese entscheidende Frage wird unbeantwortet bleiben. Dimitrijes Tierreich steht unter dem Gesetz der Gewalt, für Wahrheit oder Aufrichtigkeit ist da kein Platz. Und die stumme Drohung hat sich schon immer als Mittel der Einschüchterung bewährt.

In diesem doch recht schmalen Roman wütet die Gewalt in allen nur denkbaren Ausprägungen: politisch, körperlich, sexuell und schließlich tödlich. Die Übergänge von der einen in die andere Form der Erniedrigung sind fließend.
Die Erzählung selbst ist von den Spuren dieser Gewalt durchzogen: Angeblich wurde ihr Manuskript im Jahre 2005 in einem Abfalleimer am Flughafen von Belgrad gefunden, der Ich-Erzähler deutet an, dass er nicht allein für dessen Niederschrift verantwortlich sei, ein Apparat von Anmerkungen präzisiert und relativiert die Behauptungen des Textes.
Und wenn Dimitrije, vermutlich kurz nach der Jahrtausendwende, einem Racheakt zum Opfer fällt, dann wird diese Hinrichtung in zwei einander widersprechenden Varianten erzählt.
Man sollte diese raffinierten, rätselhaften Volten nicht mit postmodernen Manierismen oder gar „alternativen Fakten“ verwechseln. Die Erfahrung der Gewalt setzt den Erzähler ganz offenbar außerstande, in einer konsistenten, den Tatsachen verpflichteten Geschichte Zeugnis von seinen Erlebnissen abzulegen.
Gewalt erzeugt eigene Geschichten und wahrscheinlich, spekuliert der Erzähler in einer Anmerkung, „müsste man ein für alle Mal klären, ob eine Erzählung von einem Erzähler erzählt wird oder ob sie sich selbst erzählt. Dabei weiß jeder, dass die Erzählungen unabhängige Wesen sind, die sich selbst die Menschen aussuchen, die sie hören und aufzeichnen wollen.“
Wenn das stimmt, dann braucht eine Erzählung niemanden, der sie erzählt, vielmehr braucht der Erzähler ganz existenziell eine Erzählung, die ihm ein schlüssiges Bild der Welt präsentiert, die ihm Verantwortung abnimmt, die sein Handeln rechtfertigt.

Erzählungen puffern die schmerzhaften Erfahrungen der Realität ab. Sie können aber auch ein Eigenleben entwickeln, stark genug, in die Realität einzugreifen: Nicht nur die Geschichte des Balkans liefert dafür abschreckende Beispiele.
Ein Roman kann aber auch zeigen, wie Gewalt und Lüge menschliche Würde zerstören, er kann die Logik von Tätern und Opfern einander gegenüberstellen, er kann gegen die Lüge und das Verschweigen seine eigene Wahrheit setzen: immerhin ein Hoffnungsschimmer am Ende von Albaharis Exkursion in die Abgründe menschlicher Gemeinheit.

Tobias Heyl in FALTER 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 28)


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