Finale Berlin

von Heinz Rein, Fritz J. Raddatz

€ 25,70
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Verlag: Schöffling
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 760 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.01.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Die letzten Kriegstage in Berlin

Heinz Reins ursprünglich 1947 erschienener Roman "Finale Berlin" ist eine grandiose Wiederentdeckung

Der Jubiläumskalender ist zum absoluten Herrscher des literarischen Lebens avanciert. Es regiert der Terror der runden Zahl. Je einfallsloser die Verlage, desto bereitwilliger delegieren sie ihre Programmpolitik an den Kalender, desto mechanischer bedienen sie Gedenktage mit den dazu passenden Büchern.
Zum Glück gibt es Ausnahmen. Am 8. Mai wird der Zweite Weltkrieg in ­Europa seit 70 Jahren zu Ende sein. Zum Jahrestag hat sich Schöffling etwas ­wirklich Originelles einfallen lassen. Statt in der Flut der Konjunkturbücher gedankenlos mitzupaddeln, hat der Frankfurter ­Verlag eine Wiederentdeckung an Land ­gezogen: einen der ersten literarischen Texte über den Untergang Berlins in den ­letzten Kriegstagen.

Mit der Wiederauflage des Romans "Finale Berlin" aus dem Jahr 1947 macht der Verlag auf das Werk eines fast vergessenen Autors aufmerksam – des Erzählers und Journalisten Heinz Rein, der 1906 in Berlin geboren, 1933 als Linker von den Nazis mit Schreibverbot belegt und zeitweise in Gestapo-Haft genommen wurde. Nach dem Krieg arbeitete er als freier Schriftsteller in der DDR, ehe er nach endlosen Querelen und dem Bruch mit der SED in den 1950ern nach Baden-Baden zog, wo er 1991 starb.
"Finale Berlin" wurde unmittelbar nach Kriegsende geschrieben, offenbar in größtem Tempo, als Heinz Reins Erinnerungen an die letzten Tage Berlins noch akut und lebendig und die Eindrücke vom Alltag der Zivilbevölkerung in der untergehenden Reichshauptstadt noch frisch waren. Das würde auch manche dramaturgische Unbeholfenheit und sprachlich-stilistische Nachlässigkeit im Text erklären.
Allein was tut's, wenn wir Leser doch augenblicklich hineingezogen werden. Der Roman liest sich packend, roh, atemlos und ungestüm. Die Unmittelbarkeit des Erlebens springt einen aus jeder Seite an. Aus den fast 800 Seiten dieser dokumentarischen Romanchronik über die letzten zwei Wochen vor der Kapitulation Berlins am 2. Mai 1945 schlagen uns Sirenengeheul, Bombengetöse und Geschützdonner entgegen, der Lärm zusammenkrachender Häuser, das Prasseln ungelöschter Brände, das Dröhnen der Artillerieeinschläge der herannahenden Roten Armee, die sich immer weiter ins Stadtzentrum vorkämpft.
Dazwischen sind die gebellten Befehle fanatischer SS-Kämpfer zu hören, die bis zum letzten Moment noch Jugendliche und alte Männer als "Verteidiger von Berlin" in den Straßenkampf gegen die Sowjetsoldaten hetzen, "Werwölfe" losschicken und Jagd auf Deserteure machen, um sie an den Laternenpfählen aufzuknüpfen.
Aus den Volksempfängern kreischen die Stimmen der Nazi-Führer mit ihren hysterischen Durchhalteparolen. Der ­Panzerbär, das "Kampfblatt für die Verteidiger von Groß-Berlin", überzieht den eingekesselten Stadtkern mit blindwütiger Propaganda. Rein streut solche Radio- und Zeitungsmeldungen im dokumentarischen Wortlaut ein. Trümmerstaub, Bunkermief, modrige Kellerluft und der Gestank verwesender Leichen in den Straßen legen sich erstickend über die Romanseiten.

Ganz hautnah und bedrängend erlebt der Leser mit, was es für die ausgehungerte und verängstigte Zivilbevölkerung der Stadt hieß, zwischen Mitte April und dem Tag der Kapitulation im umkämpften und völlig zerstörten Zentrum der Reichshauptstadt, der Hauptkampfzone der letzten Tage, ausharren zu müssen. Die Menschen haben Todesangst: Sie fürchten sich vor den Sowjets und sehnen sie doch herbei. Wann kommen endlich die Russen und machen dem Schrecken ein schreckliches Ende? (Dass sie nicht nur als Befreier, sondern auch als Plünderer, Uhrenräuber und Vergewaltiger kamen, verschweigt der Autor nicht.)
Heinz Reins Tagebuch-Roman erschien erstmals zwei Jahre nach Kriegsende. Bereits 1947 druckte der Ostberliner SED-Parteiverlag Dietz trotz Papierknappheit das umfangreiche Werk in 80.000 Exemplaren. "Finale Berlin" wurde zu einem der ersten Bestseller der Nachkriegszeit. 1980 brachte die Büchergilde Gutenberg eine Neuausgabe heraus, doch danach geriet der Roman in Vergessenheit.
Zu Unrecht. "Finale Berlin" liest sich überwach, aufsässig, wütend, empört über die sinnlosen Grausamkeiten der Nazi-Kämpfer, die in einer Untergangsraserei ihrer offenkundig verlorenen Sache noch zahllose Menschen opferten. In seiner Tag-für-Tag-Chronik erzählt Rein von einer kleinen Gruppe von Nazi-Gegnern, die sich konspirativ in einer Kneipe in Berlins zerstörter Mitte zusammenfindet. Ihr gehören neben dem Kneipenwirt auch ein untergetauchter kommunistischer Gewerkschaftler und ein sozialdemokratischer Arzt an.
Hauptfigur ist ein junger Soldat, der von seiner Kompanie desertiert ist und von der Gruppe versteckt wird. Mit äußerster Vorsicht, Umsicht und List sucht sich diese über die Tage des Endkampfes zu retten. Alle wollen nur noch am Leben bleiben. Trotzdem führen sie weiterhin Sabotageakte durch, helfen Illegalen und verteilen heimlich Flugblätter mit Aufrufen zur Kapitulation.

Als gefährlichste Feinde stehen ihnen die verbissenen SS-Leute gegenüber, die in ihrer gnadenlosen Suche nach Untergetauchten und Deserteuren die Straßen und die Schutzkeller durchpflügen. Dazu kommen die Denunzianten, die noch in letzter Stunde bereit sind, buchstäblich jeden als verdächtig bei der Gestapo anzuzeigen.
Heinz Rein arbeitet sich vor allem an der dumpf duldenden Willfährigkeit der Deutschen ab, die zwölf Jahre Nazi-Terror gefügig mitmachten – bis zum Untergang. Gelegentlich geht der linke Volkspädagoge mit ihm durch. Das schlägt sich in Form didaktisch belehrender Passagen nieder, auf die der heutige Leser lieber verzichten würde. Das tut aber der zeithistorischen Bedeutung dieses bemerkenswerten Romans keinen Abbruch.

Sigrid Löffler in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 20)


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