Die Tutoren

von Bora Ćosić

€ 41,10
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Brigitte Döbert
Verlag: Schöffling
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 792 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.08.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Kein Volk spricht seine eigene Sprache

Mit den „Tutoren“ liegt das Opus magnum des serbischen Avantgardisten Bora Ćosić auf deutsch vor



Was ist ein Roman? Was ist ein Autor? Und was genau sind Tutoren?

„Die Tutoren“ sind der große avantgardistische Balkan-Roman des 1932 in Zagreb geborenen, in Belgrad aufgewachsenen, 1992 aus Protest gegen das Milošević-Regime in sein Sommerhaus in Rovinj auf der istrischen Halbinsel übersiedelten und seit 1995 in Berlin lebenden Autors Bora Ćosić. „Die Tutoren“ sind ungefähr so umfangreich wie James Joyce’ „Ulysses“, ungefähr so anspielungsreich wie diese Bibel der modernen Literatur und ungefähr so herausfordernd wie der irische Jahrhundertroman, mit dem das Buch aus den genannten Gründen oft verglichen wird.



Keine Angst vor der Avantgarde

Aber: Fürchtet Euch nicht! Die Früchte der Lektüre sind so vielfältig, so abseitig, so Geist und Herz erfrischend, dass die trivialitätenbeschwerten Romanständer auf den Flughäfen und Bahnhöfen im Nu in sich zusammenbrechen, kaum hat sie die Energie dieses Buches erfasst. Nur: Konventionell, vom Anfang bis zum Ende, von der Geburt bis zum Tod, von einem Ende der Geschichte bis zum anderen, lässt sich dieser Roman nicht lesen.

Er besitzt keine Handlung, auch wenn er als Familienroman in fünf Teilen konzipiert ist. Er verfügt über ein ausuferndes Figureninventar, auch wenn es lediglich fünf Figuren sind, denen jeder der fünf Teile gewidmet ist: Theodor (1828), Katharina (1871), Laura (1902), Lazar (1938), der Autor (1977). Er beschreibt keine klar bestimmbare Epoche, obwohl er in Zeitschnitten organisiert ist und einen Zeitraum von 150 Jahren umfasst.

Geografisch lassen sich die „Tutoren“ allerdings schon verorten. Es gibt zum Beispiel das Städtchen Grunt in Slawonien. Hierhin ist im Jahre 1828 der Urururgroßvater des Autors, der serbisch-orthodoxe Pope Theodor, vor den Türken geflüchtet; in einen Teil der Habsburgermonarchie, in dem vor allem katholische Kroaten lebten.

In der Zwischenkriegszeit dann verlagert sich die Familiengeschichte nach Belgrad, wo Bora, der Sohn des ambitionierten Wirtshausgehers, Handlungsgehilfen und späteren Eisenwarenhändlers Lazar, seine Kindheits- und Jugendjahre verbringt. Ein echtes Zentrum jedoch gibt es nicht, die Sprache und in ihrem Schlepptau die Geschichten führen auch nach Wien, Paris und viele andere Orte.



Brüder, Unbrüder, Kumpel, Feinde

Es ist frappierend, wie dieser in den 1970er-Jahren entstandene Roman zahllose Subtexte zur Konfliktgeschichte des Balkans liefert: „Serben und Kroaten werden zunächst Brüder sein, dann Unbrüder, dann wieder Brüder und Kumpel, dann gehen sie einander wieder mit dem Messer an die Gurgel, und am Ende tun sie so, als hätten sie sich noch nie gesehen.“

Wie so manch anderes große Werk der Avantgarde im 20. Jahrhundert bedürfen „Die Tutoren“ des Kommentars. Sinnvollerweise bietet der Verlag eine solche Publikation an, sie ist im Netz sogar frei verfügbar. Ohne einen solchen Rahmen bliebe dieses faszinierende Buch wahrscheinlich für die meisten nicht „jugoslawisch“ sozialisierten Leser einigermaßen rätselhaft. Was nicht heißt, dass es darauf ankäme, alles zu entschlüsseln. Auf Deutsch führt der Roman heute gewiss ein anderes Leben als 1978 bei seiner Veröffentlichung durch einen mutigen Verleger in Jugoslawien.

Bora Ćosić hat sein großes Sprach-Buch zwischen 1972 und 1977 in einer Art inneren Emigration in Belgrad verfasst. Der Autor satirischer Erzählungen mit dem wunderbaren Titel „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“ (1969), der Herausgeber der Avantgarde-Zeitschrift Rok (Rock), fällt in Ungnade, ohne direkt verfolgt zu werden, was so viel bedeutet wie: „sich unterstellen und warten, bis sich das Unwetter ausgetobt hat“.

Im Windschatten des großen Getriebes aber entdeckt der Autor Ungeheuerliches: ein Universum aus alten Kochbüchern, Ratgebern, Volkskalendern und Liebesromanen, aus Büchern über Meteorologie und Gartenbaulehre oder über die Geschichte des Turnerbundes Sokol im Königreich Jugoslawien; er studiert Auszüge aus Firmenregistern und alte Zeitschriften. Ein befreundeter Antiquar sorgt für ständigen Nachschub.



Fremde Sprache voller Floskel

Außerdem flaniert Ćosić stundenlang durch die Straßen und hört einfach nur zu, wenn die Leute reden. Und geredet wird ununterbrochen, fast immer und fast überall. Solchermaßen „vogelfrei“, schreibt der Autor im Nachwort, „öffnete sich vor mir das große Proletariat der Sprache“. Es entstand ein „Familienroman“ après la lettre: „Was ich in meiner fröhlichen Einsamkeit schriftlich auszuarbeiten begann, war kein Familienroman, sondern eine Sottie über die Sprache. Kein Volk, das stand für mich fest, spricht seine eigene Sprache, sie sprechen alle eine fremde Sprache, ihnen übergestülpt, voll vorgefertigter Floskeln.“

Das ist der Ausgangspunkt ohne Endpunkt eines Romans, dessen Hauptakteurin die Sprache ist. Sie treibt Autor, Leserin und Leser, sie treibt auch die großartige Übersetzung von Brigitte Döbert vor sich her. Die Sprache ist nie ganz bei sich, das heißt bei der Sache, sondern ständig anderswo.

Im letzten, dem Autor gewidmeten Kapitel findet sich die Poetik dieses Buches, eingewoben in Alltagssentenzen und die Beschreibung von Straßenszenen. Da heißt es: „Der modernistischste Roman ist eigentlich das Telefonbuch.“ Nur: „Ein Narr, wer sagt, es gefiele ihm, nur um das Gesicht zu wahren.“ Was tun? „Man müsste sich eben eine Handlung zwischen allen einfallen lassen. Art des Auftritts von der alphabetischen Ordnung geregelt.“

Besser noch ist es, sich verschiedene Ebenen auszudenken, die Ordnung in das Chaos an Notizen bringen. Neben dem Alphabet geben Listen Struktur, neben diesen verleiht die Zuordnung von Genres zu den einzelnen Kapiteln dem babylonischen Sprachraum die unterschiedlichsten Konturen: Das erste Kapitel ist in Form eines Lexikons abgefasst. Theodors, des Popen Weltsicht, entfaltet sich entlang von Stichwörtern wie zum Beispiel: „WELT: alles, was es gibt und ohne das es nichts gäbe. Draußen ein Loch, drinnen die W., und in der Gutes und Böses, mehr Böses als Gutes, wo auch sonst, wenn nicht auf der W. Haufen von allen Sachen, solchen und solchen. Zum anschauen, sich freuen und zum weinen. Man kann nicht heraus, es ist, wie es ist.“ Damit wäre eigentlich alles gesagt, wenn es nicht so unendlich viel zu sagen gäbe über „BEAMTE“, über „UMGEBUNG“, über „HEUTE“, über „WESPE“ oder „GARTEN“.



Mit allen Wassern der Weltliteratur

An diesem Beispiel wird deutlich, wie Ćosić der Sprache zu Leibe rückt, ohne dabei zu belehren. Man weiß nicht so genau, ob es sich da jetzt um eine bedenkenswerte Weisheit eines gelehrten Autors oder um eine Spruchweisheit aus dem 19. Jahrhundert handelt, die durch den Kopf eines katholischen Priesters hindurchgegangen ist. Bei der Sprache weiß man nie so genau,

woran man ist. Je mehr man jedoch darüber weiß, wie diese funktioniert, desto mehr weiß man von der Welt. Darin ist dieses Buch ein großartiger Lehrmeister.

Das zweite Kapitel mit der Hauptperson Katharina, einer starken und kämpferischen Frau, die ihren abwesenden Mann mehr als ersetzt, folgt dem Stil eines Bauernkalenders. Im dritten Kapitel hat Laura, die verehrte Großmutter, das Heft ganz buchstäblich in der Hand. Sie schreibt nämlich alles, was sie gelesen, gehört, erfahren hat, in ein Heft, das sich der Autor und Enkel zunutze macht. Im vierten Kapitel dominieren Monologe, Redensarten, Umgangssprache, aber auch Sprachmuster aus Abenteuerromanen und Western. Im letzten Kapitel denkt der Autor über sich und das Leben, über sein Werk und die Literatur nach.

Von diesem am Ende liegenden Kapitel aus erscheint das Vorherige nochmals in einem anderen Licht – im Licht eines vom Surrealismus geprägten, mit allen Wassern der Weltliteratur, der Kunst- und Kulturgeschichte (inklusive ihrer trivialen Seiten) gewaschenen Autors, der Philosophie studierte und als Schriftsteller und Übersetzer von Autoren wie Majakowski und Chlebnikow zur Belgrader Avantgarde zählte.



Franzengländer & Apostelschaben

Gibt es einen Autor hinter folgender Wörterliste, die dem Prinzip des Aufzählens frönt? „Die Schrecklichen, Pomodori, Neandertaler, Idiotenbrüder, liebe Brassen und Brasserien, Franzengländer, Nickelodeons, Zugeher, Stradivari-Schafe, Graf Ortho, Junikäfer, Apostelschaben, Schneider und Kassiererinnen, Weihenstefansorden, Lungenkranke, U-Boote, Bergbauern, Abschreiberlinge, Salzburger Löffler, Kaiserkrümmler, Krabbelkinder, Blaustrümpfe, Dotterblumen, Mamasöhnchen, Böhmische Knödel, Schnapsdrosseln.“

Das alles gibt es und noch vieles mehr!

Lässt sich so ein Buch übersetzen? Ja, wenn man bedenkt, was der Autor über seine Übersetzerin sagt: Sie hat ein Buch vorgelegt, „das sie mit kritischen, schrägen Blicken in mein altes Manuskript selbst verfasste“. Nicht auszudenken, was herauskäme, übersetzte man die Übersetzung wieder ins Serbische zurück.

Bernhard Fetz in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 16)


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