Amerikanisch kurz

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Kurzbeschreibung des Verlags:

"Kort amerikaans" erschien 1962 in den Niederlanden und machte aus dem talentierten Bildhauer Wolkers auf einen Schlag einen erfolgreichen Schriftsteller. Der Roman rief Entsetzen und Bewunderung hervor. Viele waren von der unverblümten Sprache und der düsteren Thematik schockiert. Niemandem konnte jedoch entgehen, dass mit Wolkers eine neue, authentische Stimme in der Literatur erklungen war.
Der Roman avancierte schnell zu einem Klassiker der niederländischen Literatur.
Leiden in Südholland, 1944: Die Besatzungsherrschaft der Deutschen ist unerbittlich. Die Einberufungen zum Arbeitseinsatz, die willkürlichen Verhaftungen und die schlechte Versorgungslage prägen den Alltag und schüren die Angst.
Eric ist ein achtzehnjähriger Kunststudent und vor dem Arbeitseinsatz untergetaucht, sein Bruder ist im Widerstand. In einer Werkstatt bemalt Eric Lampenschirme zusammen mit dem jüdischen Mädchen Elly. Anders als seine katholische Freundin, die sich nur mit Widerwillen seiner ungestümen Sexualität hingibt, provoziert Elly die Avancen des jungen Studenten. Mit der Bedrohung des Krieges im Nacken kämpft er gegen seine Ängste und erotischen Obsessionen. Kurz vor der Befreiung durch die Allierten steuert die Geschichte auf ein dramatisches Finale zu.

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FALTER-Rezension

„Gäbe es nur Tiere, könnte man an Gott glauben“

In „Amerikanisch kurz“ hat Jan Wolkers (1925–2007) seine traumatischen Erlebnisse in den besetzten Niederlanden verarbeitet

Dieser Roman ist ein düsteres Buch. Er beschreibt die Geschichte des 18-jährigen angehenden Kunststudenten Eric, das Alter Ego des Schriftstellers und bildenden Künstlers Jan Wolkers, im letzten Kriegsjahr 1944/1945. Um sich der drohenden Rekrutierung zum Arbeitseinsatz in Deutschland zu entziehen, taucht Eric unter und verdient etwas Geld, indem er historische Szenerien auf Lampenschirme kopiert, eine Arbeit, die ihn anwidert.
Nachdem sich der nationalsozialistische Leiter der Kunstakademie Leiden aus dem Staub gemacht hat, haust Eric in den verlassenen Räumen. Zwischen Requisiten wie Totenschädeln oder dem Torso einer Venusstatue entwirft Wolkers ein Pandämonium aus sexueller Perversion und (Auto-)Aggressivität. Verstörend ist Erics ständige Bereitschaft, Gewalt vor allem gegen Frauen auszuüben. Es ist die Gewalt des Bedrohten, der zum Täter wird.

Das Manuskript zu dem Roman entstand 1961, erschienen ist er 1962. Dazu passt, dass Eric einen deutschen Wachsoldaten mit „Good morning, Sir“ begrüßt. Die Unverfrorenheit angesichts der materiellen und psychischen Verwüstungen ist eine Waffe, die Wolkers seinem „Helden“ mit auf dessen ziellose Wege gibt.
Eric ist ein Lügner und Vergewaltiger, er ist aber auch ein verzweifelt Trauernder. In der Wirklichkeit des Autors wie im Buch stirbt der Bruder 1944 an Diphterie. Eric reagiert darauf mit einer Skizze des sterbenden Bruders mit untergehender Sonne: „Die Sonne erlischt nicht mehr, dachte er. Bis in alle Ewigkeit steht sie auf meiner Zeichnung still.“ Die Direktheit solcher Sätze trug zum großen Erfolg des Romans bei, und Jan Wolkers schrieb sich in der Folge zahlreicher Auflagen in die niederländische Literatur nach 1945 ein.

Eric ist ein Gezeichneter, ein Antichrist: Neben Sex und Gewalt wird die blasphemische Lust an Attacken auf die bieder-verklemmte Religiosität seiner Umwelt zum bestimmenden Motivkomplex. Eine Brandwunde, mitverursacht durch die Unachtsamkeit der Eltern, hat auf der Schläfe des Kleinkindes eine große violett-braune Narbe hinterlassen. Der Titel zitiert die Anweisung der Eltern an den Friseur, der dem Heranwachsenden in kurzen Abständen die Haare „amerikanisch kurz“ schneiden sollte. Ein Gewaltakt, der sich als Stachel in Erics Bewusstsein festsetzt.
Die Erzählung subjektiven Unglücks ist geprägt von der Demoralisierung einer unter den Besatzern leidenden Bevölkerung, von Kollaboration, Repression und Willkür – ein Erfahrungshorizont, unter dem die Verworfenheit der Gattung Mensch als negativer Gottesbeweis gelesen wird: „Der Mensch ist ein trauriger Fall. Gäbe es nur Tiere, könnte man an Gott glauben. Der Mensch versaut alles.“ Das denkt Eric, nachdem er einen alten Mann von geringer körperlicher und charakterlicher Stärke mit verächtlichen Sätzen niedergemacht hat.

Der Verlag bewirbt die Neuauflage mit der „gnadenlosen Sprache“, die die zeitgenössische Rezeption dem Roman attestierte. Wir sind heute abgebrühter, die literarische Provokation wird kaum noch als Tabubruch wahrgenommen. Dennoch ist der Roman mehr als ein Zeitdokument. Er ist ein Beispiel für eine Literatur, die die Verstörtheit, die Aggressivität und die politische Inkorrektheit des potenziellen Opfers dem Terror einer unerträglichen Gegenwart entgegensetzt. Das völlig unerwartete dramatische Finale des Romans transformiert die persönliche Erfahrung des Autors in ein literarisches Ereignis. Jan Wolkers verweigert seinen Figuren einen Ausweg und seinen Leserinnen und Lesern eine Entlastung.
Das düstere Selbstporträt auf dem Buchtitel, eine Kohlezeichnung aus dem Jahr 1945, stellt den biografischen Komplex nochmals auf der Ebene des Verhältnisses zwischen Bild und Text aus. Hinzu kommen noch die „Studie eines Schädels“, ein grausiges Stillleben, und die erwähnte Tuschzeichnung der still stehenden Sonne, die im Anhang reproduziert sind. Die Stärke dieses Buches liegt darin, auf vergleichsweise wenigen Seiten ein dichtes Geflecht an Bezügen zu entwickeln, das an keiner Stelle den Eindruck der Überfrachtung hinterlässt. Kein Entkommen, nirgends.

Bernhard Fetz in Falter 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 22)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783895814211
Erscheinungsdatum 16.08.2016
Umfang 248 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Alexander
Übersetzung Rosemarie Still
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