Das Lexikon der Tabubrüche
Gewagtheiten, Skandale, Provokationen: Von Harald Schmidt bis Marilyn Manson, von Lindenstrasse bis Spatterpunk, von ... von Jesus Christus bis Peter Sloterdijk...

von Arne Hoffmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
Genre: Geschichte
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 28/2003

Welches Tabu brach noch mal 1996 der Kultfilm "Trainspotting" nach dem gleichnamigen Roman des schottischen Schriftstellers Irvine Welsh? Richtig: gar keines! Aufsehen erregte das Kinostück, das sich inhaltlich kaum einen Zentimeter von der fast fünf Jahrzehnte davor gelebten Drogenrevolte der Beatgeneration entfernt hatte, lediglich durch seine exzentrische Kameraführung. Trotzdem behauptet Arne Hoffmann in seinem "Lexikon der Tabubrüche", "Trainspotting" hätte mit der revolutionären Behauptung schockiert, dass "die bürgerliche Existenz mindestens ebenso entfremdet und seelenlos" sei "wie das Leben als Junkie". Wen das schockiert? Alle, die wie Hoffmann anscheinend nie etwas von Allen Ginsberg & Co gehört haben, "T" wie "Trainspotting" folglich für lexikontauglich halten; und denen im Gegenzug der Name Oskar Panizza nichts sagt, weswegen der im Lexikon auch fehlen darf.
1894 beschlagnahmte der Münchner Staatsanwalt Panizzas Theaterstück "Das Liebeskonzil" und dessen antiklerikales kulturgeschichtliches Pamphlet "Der teutsche Michel und der römische Papst". Zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt, geriet Panizza in den Ruf eines der radikalsten Tabubrecher der literarischen Moderne. Der Reprint seines "Teutschen Michels" vermag auch nach über hundert Jahren zu provozieren. Nicht aufgrund seiner historisch längst überholten, pubertär anmutenden Inhalte, sondern weil der Kämpfer gegen jedwede Bevormundung durch jedwede Obrigkeit, den die Linke seit 1968 als einen Wegbereiter für sich reklamiert, darin mit chauvinistisch-deutschnationalen Parolen um sich wirft. Kaum jemand weiß, dass Panizza bis 1945 als Wegbereiter von Hitlers Rechten editiert wurde und dass Hitlers Vertrauter und Sekretär, der antiklerikal eingestellte Martin Bormann persönlich befahl, den "Teutschen Michel" massenhaft zu verbreiten.

Martin Droschke in FALTER 28/2003 vom 11.07.2003 (S. 62)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der teutsche Michel und der römische Papst (Oskar Panizza)

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