Knochenarbeit

von Kathy Reichs, Klaus Berr

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Blessing
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 49/1999

Kaiserschnitt im Horizont

Fünf Frauen schreiben in zumindest vier verschiedenen Sprachen fünf zumindest sehr brauchbare Krimis. Vorweihnachtliche Harmonie zwischen Rezensent und Nachbarin.

Das ist brauchbar!, sagt die Nachbarin, das ist sehr brauchbar, sagt sie, da gibt es zum Beispiel eine brauchbare Mutter-Tochter-Beziehung, da gibt es sehr, sehr spannende Beschreibungen von Gefühlen, es gibt eine Nachdenklichkeit, und aus dieser Nachdenklichkeit entstehen Personen. Sympathische Hauptfiguren, bestätige ich. Sensationell! Rasant und spannend, sage ich bei Kaffee und Mohngebäck. Wir reden von fünf Büchern, die alle fünf Dolche verdienen und allesamt aus Frauenhand stammen.

Hilal Sezgin hat einen historischen Krimi geschrieben, der vergnügt und leichtfüßig daherkommt und so ganz nebenbei zeigt, in welchem Ausmaß die Gesellschaft sich seither verändert hat. "Der Tod des Maßschneiders" spielt im Jahr 1885 in Frankfurt am Main. "Der 22. Juli dieses Jahres war ein Datum, das die Frankfurter noch am selben Tag für denkwürdig, historisch, gar unauslöschlich erklärt hatten. Dabei hatte die Frankfurter Bürgerschaft bloß einen aus ihrer Mitte in Frieden zu Grabe tragen wollen: Hugo Hiller, Ziseliermeister und Sozialdemokrat."

Die bismarckschen Sozialistengesetze, die unter anderem die Redefreiheit einschränken, sind in Kraft. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind denn auch die heimlichen Schlagworte einer Arbeiterschaft, die sich trotzdem zu organisieren versucht: Die industrielle Revolution, die England längst erobert hat, fasst nun auch in Deutschland Fuß. Ein Schneidermeister wird umgebracht. Die Polizei verdächtigt einen Gesellen, obwohl doch gerade die soziale Haltung des Meisters vorbildlich gewesen sein soll In die Ermittlungen mischt sich Karoline Stern, eine junge, von emanzipatorischem Gedankengut faszinierte Dame, die die prüden Gebote der Schicklichkeit ziemlich lächerlich findet. Unbekümmert verstört sie auch den korrekten und konservativen Kommissar Staben, der selber mit genug Problemen zu kämpfen hat, weil er nämlich kein Frankfurter ist, sondern Preuße.

Brauchbar!, sagt die Nachbarin, und für brauchbar! hält sie erwartungsgemäß auch "Alta Moda" von Magdalen Nabb. Maresciallo Salvatore Guarnaccia, der seine Fälle bedächtig und mit Hausverstand löst, genießt ja schon Kultstatus. Diesmal schildert Nabb uns einen Fall nicht nur aus der Perspektive des Ermittlers, sondern auch aus der des Opfers: Die Contessa Brunamonti, ein amerikanisches Ex-Model, versucht sich im italienischen Modegeschäft mit eigener Kollektion zu behaupten. Da wird sie entführt. "Als nächstes haben sie mir jedenfalls die Uhr abgenommen, und da ich weder sehen noch hören konnte, war meine Wahrnehmung zeitweise ziemlich verschwommen, und wer weiß, ob mir nicht Minuten oder Tage, vielleicht sogar Wochen abhanden gekommen sind", gibt sie später zu Protokoll. Was nahe geht, sagt die Nachbarin, ist die Darstellung der Angst und der Versuche, diese Angst zu bezwingen; sind die kleinen Wahrnehmungen der Entführten, die Kontakte, die sich mit den Bewachern ergeben, und die Selbstverständlichkeit, mit der diese Kontakte sich entwickeln. Brauchbar!, sagt die Nachbarin.

Großartig!, sage ich und meine jetzt "Morituri" von Yasmina Khadra. "Blutüberströmt liegt der Horizont da und bringt durch einen Kaiserschnitt einen Tag zur Welt, für den sich die Mühe letztlich nicht gelohnt haben wird. Ich wälze mich aus den Federn, völlig geschafft von einem unruhigen Schlaf, aus dem ich beim leisesten Geräusch hochgeschreckt bin. Die Zeiten sind hart: Wie schnell ist ein Unglück geschehen." Wenn ein Buch schon so beginnt! Der Mensch, der an diesem Tag erwacht, ist Commissaire Llob, und sein Revier ist Algier, die Hauptstadt des von blutigem Fanatismus erschütterten Algerien. In diesem beklemmenden Realkriegkrimi findet Commissaire Llob seine Gegner bei den Bürgerkriegsgewinnlern, die in schwer bewachten Luxusvillen ihre Feste feiern. Atemberaubend!, sage ich.

Brauchbar!, insistiert die Nachbarin. Die Sprache ist nicht spekulativ, sondern sehr sachlich, weil die Autorin mit Sachverstand schreibt. Sie meint Kathy Reichs. Deren Heldin, die forensische Anthropologin Tempe Brennan, ist eigentlich für länger Zurückliegendes zuständig, für die Alters- und Geschlechtsbestimmung von Skeletten - eine "Knochenarbeit", wie denn der Titel des Romans auch lautet. Brennan untersucht die Knochen einer Nonne, als sie zu einem Tatort in der Nähe von Quebec gerufen wird - ein Haus ist niedergebrannt. "Wenn es Leichen gibt, dürften die stark verbrannt sein. Vielleicht nur noch kalzinierte Knochen und Zähne. Es könnte eine schwierige Bergung werden." Und eine makabere obendrein: Gefunden werden nämlich ein verkohltes Paar im Schlafzimmer, eine tote alte Frau, erschossen, ein junges Paar mit tödlichen Stichwunden und zwei Kleinkinder, denen man das Herz herausgeschnitten hat. Ich habe, sagt die Nachbarin, eigentlich nur den kleinen Einwand, dass der Schluss zu amerikanisch ist, zu politisch korrekt, aber sonst, wirklich Ja, unterbreche ich. Und ja!, sage ich auch zu Patricia Melo. Darin gibt es zum einen den Schriftsteller Jose Guber, der Groschenromane verfasst und sich im Moment überlegt, welche Gifte sich für einen Mord eignen könnten. Und dann gibt es Fulvia, die Schlangenzüchterin, die ihm bei der Recherche hilft. Diese Arbeitsbeziehung gerät allerdings sehr schnell aus allen geregelten Bahnen: "Du bist ein Mann", beklagt sich Fulvia, "du verführst mich, ich habe dir absolut alles beigebracht, was ich über Schlangen, über Gifte, Toxine wusste, du verführst mich, du hattest keine Ahnung von Toxinen, von grausamen Todesarten, ich war deine Lehrerin, ich habe dir eine Schlange geschenkt, ein Sucuri, und jetzt erzählst du mir, dass du meinen Mann nicht umbringen willst?"

"Wer lügt gewinnt" ist oft irrwitzig komisch, Sprache und Sprachtempo sind schlicht hinreißend, ein Muss, sage ich, eine Trüffel im Herbstbücherwald. Und frage die Nachbarin zum Schluss, wieso so viele Frauen so viele gute Krimis schreiben. Aber das ist doch ganz einfach, erklärt sie. Das liegt daran, dass Frauen ganz einfach die brauchbareren Menschen sind. Sie stellt ihre Kaffeetasse hin, lächelt mich niedlich an und befiehlt: Aber das nächste Mal schreiben wir über Schund.

Christoph Braendle in FALTER 49/1999 vom 10.12.1999 (S. 66)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Alta Moda (Magdalen Nabb, Christa E. Seibicke)
Der Tod des Maßschneiders (Hilal Sezgin)
Wer lügt gewinnt (Patricia Melo, Barbara Mesquita)
Morituri (Yasmina Khadra)

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