An allem nagt der Zahn der Zeit
Vom Reiz der Vergänglichkeit

von Midas Dekkers, Claus Peymann

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Verlag: Karl Blessing
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Midas Dekkers beschäftigt sich mit den Reizen der Vergänglichkeit.

Als "Grzimek der Niederlande" vermarkten ihn seine deutschen Verleger – und tun ihm damit Unrecht: Denn im Gegensatz zu dem bieder-braven Professor aus Deutschland ist Dekkers ein brillanter Provokateur, ein Kulturphilosoph und Aufklärer, der mit seinen Publikationen treffsicher auf gesellschaftliche Tabuthemen zielt. So beschäftigte er sich in "Geliebtes Tier" (1992) mit den fließenden Übergängen zwischen Tierliebe und Sodomie, was ihm prompt zu internationaler Bekanntheit verhalf.
Sein neuestes Werk berührt abermals neuralgische Problemzonen unserer vor Vitalität nur so pulsierenden Spaßgesellschaft; Probleme, die wir in dem Maße, in dem sie uns betreffen, nicht zur Kenntnis nehmen wollen: Tod, Alter und Verfall des Körpers sowie der Dinge um uns herum. Dekkers ist dabei aber auf erfrischende Weise unkorrekt, seine beißende Gesellschaftskritik trifft alle, und jeder bekommt seinen Spiegel vorgehalten – egal, ob neokonservative Naturschützer, Restauratoren, Gourmets, Adepten des Schönheitskults oder auch nur der viel zitierte kleine Mann von der Straße: "Wenn nach den Feiertagen alle Niederländer ein Kilo abnehmen, dann wird die Atmosphäre mit 17 Millionen Kilo Abgasen (durch die Fettverbrennung) angereichert, umgerechnet sind das 200.000 gasförmige Landsleute, die zum Treibhauseffekt beitragen. Ob man sich selbst verbrennt oder ob der Chirurg das abgesaugte Fettgewebe zur Müllverbrennung transportieren lässt, macht letztendlich keinen Unterschied."
Was schon Karl May von den Genüssen der Neuen Welt berichtete, nämlich dass Bärensteaks erst dann wirklich köstlich seien, wenn Maden das Fleisch zur Reife gebracht hätten, scheint auch für den modernen Käseliebhaber zu gelten: "Käsemaden sind eigentlich Leichenfresser. Für sie muss die Erfindung sehr alten Käses ein Traum gewesen sein: keine widerlichen Haare oder harten Knochen mehr im Essen und dennoch der Geschmack, der sie intensiv an ein verlorenes Paradies erinnert. Der Geschmack nach früher."
Der Autor scheint dieses Buch als Folge einer Überdosierung von Koffein, Amphetamin und Kokain innerhalb weniger Tage in die Schreibmaschine geklopft zu haben, so schnell wechseln die Bezüge, springt er von Thema zu Thema und assoziiert er so wild darauf los, dass es eine wahre Freude ist. Innerhalb weniger Seiten kommt er vom richtigen Reifezustand der Bananen über die Patina alter Ziegelsteine auf die Dekadenz des Geldes zu sprechen – ohne dabei allerdings jemals wirr oder verwirrend zu wirken – und konfrontiert uns mit allen denkbaren Formen des Zerbröselns, der Zerstörung, des Verrottens und dem Zahn der Zeit, der uns mit der Zeit auch noch vom letzten Zahn befreit.

Auch das gewaltsame Ende, sei es durch Selbstmord oder Todesstrafe, weiß Dekkers mit anekdotenhafter Leichtigkeit zu illustrieren. So wurden in Italien nicht nur Menschen, sondern auch deren Gebäude zur Strafe enthauptet. In vielen Städten standen im Mittelalter schlanke Türme von vierzig bis hundert Meter Höhe, deren Höhe dem Ansehen des jeweiligen Besitzers entsprach. Fiel dieser in Ungnade, dann wurden auch die obersten Etagen des Turms geköpft. Ein großartiges Buch, das sich durchaus eine etwas liebevollere Aufmachung seitens des Verlags verdient hätte. Explizite Empfehlung, und zwar nicht nur für Endzeitapostel, Totengräber oder Suizidanwärter.Der Klappentext verspricht ein "elegantes kleines Buch der menschlichen Obsessionen". Und das bietet uns Stephen Gould, der eloquente Paläontologe und "linke" Evolutionsbiologe auch. In dem für ihn typischen lockeren Erzählstil erklärt er uns in "Der Jahrtausendzahlenzauber", was alles anders wäre, wenn Menschen nur acht Finger an den Händen hätten, erkundet, welche Systeme den verschiedenen numerischen Ordnungen zugrunde liegen, legt die Konsequenzen dar, die sich für Kulturen ergeben, die ihr Jahr nach dem Mondkalender einteilen, und befreit die Apokalyptiker von ihren Endzeit-Ängsten.

Peter Iwaniewicz in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 35)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Jahrtausendzahlenzauber (Stephen Jay Gould, Stefan Münker)

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