In Troja ist kein Zimmer frei
Bildungs- und Vergnügungsreisen in der Antike

von Tony Perrottet, Enrico Heinemann, Karin Schuller

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Blessing
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Heißer Kandidat für das Sachbuch des Jahres: Alexander Stille beschreibt in seinen "Reisen an das Ende der Geschichte" gleichermaßen eindringlich und leichtfüßig das widersprüchliche Verhältnis des Menschen zu seiner Kultur.

Die Revolution in Somalia bediente sich batteriebetriebener Kassettenrekorder. In der nach wie vor weitgehend schriftlosen Gesellschaft verbreitete sich die Kritik am korrupten Regime des Siad Barre in den Siebzigerjahren über das aufgenommene und tausendfach reproduzierte Wort. Die Wortführer waren keine klassischen Oppositionellen, sondern Dichter, die sich wie zu Homers Zeiten lyrische Duelle lieferten.

Mohammed Ibrahim Warsame gilt als einer der Anstifter des poetischen Widerstands und genießt als Dichter landesweite Verehrung. Das Video seiner letzten Hochzeit wurde zu einem Verkaufsschlager. Traditionelle Nomadenkultur und elektronische Medien gehen am Horn von Afrika eine Allianz voller Widersprüche ein. Warsame verdammt die moderne Technik und kann doch nur dank ihrer weite Kreise der Bevölkerung erreichen. Er trauert einer rein mündlichen Kultur nach, in der aus dem Gedächtnis rezitiert wurde, wettert gegen die Verschriftlichung und lässt gleichzeitig seine Gedichte abtippen.

Die Geschichte von Warsames Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft ist eine der elf Perlen, die Alexander Stille in seinen "Reisen an das Ende der Geschichte" aufgereiht hat. Der Originaltitel "The Future of the Past" bringt das übergreifende Thema auf den Punkt. Stille fragt stets aufs Neue, wie die Menschen mit ihrer Geschichte und ihren Traditionen in einer Welt umgehen, in der dafür kaum noch Platz mehr zu sein scheint: Die Pyramiden sind durch die Ausdünstungen der Touristen dem Verfall preisgegeben, die Grabräuber erleichtern Sizilien um sein antikes Erbe, die Kunst des Kanuschnitzens auf der abgelegenen Insel Kitawa südlich von Papua-Neuguinea geht durch den Kontakt mit Außenwelt unweigerlich verloren.

In jeder dieser Geschichten steht eine Figur wie der Dichter Warsame im Zentrum, in der sich der Konflikt zwischen Bewahren und Modernisieren, zwischen kultureller Identität und Verwestlichung und Ökonomie spiegelt.

Der Inder Veer Bhadra Mishra ist in Personalunion von Geburt an "Mahant", eine Art Hohepriester, und Universitätsprofessor für Wasserbau. Er ist einerseits führender Repräsentant einer Kultur, die qua Leichenverbrennung mit zur Verschmutzung des Ganges beiträgt, und entwirft andererseits "intelligent" Kläranlagen. Für Mishra ist der Fluss heilig, das tägliche Bad darin Pflicht, und gleichzeitig ermittelt er im Labor die erschreckend hohe Konzentration fäkalcoliformer Keime.

Der US-amerikanische Karmeliterpater Reginald Foster aus Milwaukee ist ranghöchster Latinist des Vatikans. Er übersetzt nicht nur die päpstlichen Briefe, sondern gehört auch zu den besten Lateinsprechern weltweit und vermag verschiedene Stile, ja selbst Dialekte flüssig von sich zu geben. Seine Liebe zum Latein hat ihn auch zum Sprachmissionar werden lassen: Statt Deklinationen und Konjugationen abzufragen, unternimmt er Exkursionen zum Wohnhaus Horaz' oder in die graffitiverzierten Scheißhäuser des Alten Rom, wobei dabei Latein gesprochen, gelesen und gesungen wird. Der charismatische Lehrer vermag eine wachsende Zahl von Schülern für die vermeintlich tote Sprache zu begeistern. Einen Nachfolger wird es aber nicht geben.

Es sind die Don Quichottes der Kulturgüter und der Traditionen, die es Stille angetan haben. Der italienische Anthropologe Giancarlo Scoditti hat Jahre auf Kitawa verbracht. Die Eingeborenen nennen ihn den "Mann, der sich erinnert". Der Forscher ist unversehens zum Nachlassverwalter ihrer Lebensweise geworden: Viele der kulturellen Eigenheiten sind in den letzten 25 Jahren verloren gegangen, die rituellen Tänze der Erntedankfeiern etwa existieren nur noch in Scodittis Aufzeichnungen und in seinem Gedächtnis.

Stille fragt am Beispiel des umstrittenen Neubaus der antiken Bibliothek von Alexandria und der "Ökonomisierung" der Schätze der Vatikanischen Bibliothek (Bildrechte gegen Geld und Computer) auch nach den Chancen und Fallstricken zeitgenössischer Kulturpolitik. Und er erinnert uns daran, dass andere Kulturen andere Vorstellungen vom Bewahren haben: Den Chinesen ist die "westliche" Unterscheidung von Kopie und Original fremd. Sie finden nichts dabei, moderne Abgüsse der berühmten Terrakottasoldaten auf Europatournee zu schicken, solange auch sie ein paar Lehmspuren aufweisen.

Stille, freier Journalist in New York, knüpft an beste Traditionen der Reisebeschreibung an, die über das individuell Gesehene und Erlebte in einer Art und Weise zu reflektieren weiß, die weit über das unmittelbar Beschriebene hinausreicht. Sicher wechselt er zwischen Makro- und Mikroperspektive, liefert die richtige Dichte an Details und Kontext. Die Geschichten ergeben in ihrer Gesamtheit das Porträt einer Welt im Umbruch. Die journalistische Reportage wird nicht nur zum Lesevergnügen, sondern auch zum Erkenntnisinstrument. Eine Antwort auf die Frage, wie wir mit unserem kulturellen Erbe umgehen sollen, gibt Stille nicht. Aber selten wurde die Frage eindringlicher und bewegender gestellt.Auch Anthony Perrottet, wie Stille Wahl-New-Yorker, hat sich auf eine Reise an das Ende der Geschichte begeben, an den Beginn unserer Zeitrechnung. Die ersten beiden Jahrhunderte nach Christus sind gekennzeichnet von einer stabilen Pax Romana und zunehmend besseren und sichereren Verkehrsverbindungen zu Wasser und zu Lande: beste Voraussetzungen für die Entstehung des Tourismus.

Perrottet reist gemeinsam mit seiner schwangeren Frau von Süditalien über Griechenland und die heutige Türkei bis nach Ägypten, ausgestattet mit dem Pausanias, dem antiken Baedeker, und bestens vertraut mit Seneca, Juvenal und Petronius. Bereits in der Antike sind die Klagen über aufdringliche Souvenirverkäufer, schlechtes Essen und Herbergen voller Wanzen Legion.

"In Troja ist kein Zimmer frei" ist flott und vergnüglich geschrieben und lebt vom Hin-und-her-Blenden zwischen den Jahrtausenden, von Anekdoten über Reiseungemach und unerwarteten Begegnungen. In Pompeji suchen sie wie die antiken Freier nach an die Wand gemalten Penissen, die den Weg zum Bordell weisen. Damals wie heute treten sich die Touristen auf der Akropolis und in Delphi auf die Sandalen. Und wie weiland Cäsar und Kleopatra schippern die Perrottets in einem riesigen, mit allem Luxus ausgestatteten Kahn den Nil bis Luxor hinunter, verzückt vom Anblick der Pyramiden.

Die Parallelen mit den antiken Touristen haben freilich ihre Grenzen. Zu Augustus' Zeiten konnte sich nur die reiche Oberschicht Reisen leisten, die in der Regel mehrere Jahre dauerten. Mehrtägige Orgien - junge Knaben inklusive - und das Darbringen religiöser Opfer werden von Neckermann und Co auch nicht angeboten. Und in Olympia mussten die Zuschauer anno 67 dem kaiserlichen Touristen Nero zujubeln, der die neu eingeführten Disziplinen tragische Dichtung und Harfenspiel sicher gewann und auch im Wagenrennen triumphierte, obwohl er als Letzter ins Ziel gelangte.

Oliver Hochadel in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 35)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Reisen an das Ende der Geschichte (Karl-Heinz Siber, Alexander Stille)

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