Das Methusalem-Komplott

von Frank Schirrmacher

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Blessing
Erscheinungsdatum: 01.01.2004

Rezension aus FALTER 36/2004

In seinem Buch "Das Methusalem-Komplott" warnt "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher vor der Generalmobilmachung gegen unjunge Menschen. Der "Falter" fragte nach.

Dieser Tage wird Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 45 Jahre alt. Anlass zum Feiern? Wohl kaum. Denn dem Krieg der Generationen werden selbst die heute 20- und 30-Jährigen nicht entkommen. Das Armageddon der "Alten", es steht unmittelbar bevor.

Falter: Herr Schirrmacher, Sie rufen auf zu einer geistigen Verschwörung der Alten und derer, die es irgendwann werden. Sie haben mit dem "Methusalem-Komplott" ein markantes Stück Kulturkritik vorgelegt.

Frank Schirrmacher: Was Sie gelesen haben, ist kein kulturkritisches Pamphlet. Es ist eher der Versuch, ein Selbstgespräch zu befeuern, das Sie zum Mitverschwörer gegen die Herrschaft einer wahrhaft tödlichen Ideologie macht. Die Katastrophe, die auf uns zukommt, wenn wir die rassistische Diskriminierung der Älteren nicht bekämpfen, trifft uns selbst.

Falter: Kann man in diesem unserem Land nicht einmal ein Problem ohne Katastrophenalarm behandeln?

Frank Schirrmacher: Die große Mobilmachung hat begonnen. Im Krieg der Generationen sind Sie dabei.

Falter: Ich habe aber noch gar keinen Einberufungsbefehl erhalten.

Frank Schirrmacher: Wir werden einberufen, ob wir wollen oder nicht. Sammeln Sie sich, und seien Sie getrost: Sie gehören auf die Seite der Menschen, denen es in den nächsten Jahrzehnten aufgegeben ist, eine Revolution anzuzetteln.

Falter: Die letzte Revolution, bei der ich glaubte, dabei zu sein, ist Gott sei Dank ausgefallen.

Frank Schirrmacher: Es klingt dramatisch, und das ist es auch. Mütter schieben ihre Kinderwagen. Man hört noch keine Einschläge, die Front ist noch fern.

Falter: Aber wo genau steht denn der Feind, gegen den es zu kämpfen gilt?

Frank Schirrmacher: Eine der erbittertsten Streitmächte, die es je gegeben hat, marschiert auf uns zu, die wir heute zwanzig, dreißig oder sechzig Jahre sind. Wenn der Krieg beginnt, werden wir die Älteren sein. Und die Gesellschaft, die wir geschaffen haben, nimmt dem Alternden alles: Selbstbewusstsein, Arbeitsplatz, die Biografie.

Falter: Sie denken an einen Feind in Gestalt einer totalitären Gefahr?

Frank Schirrmacher: Irgendwann ist Schlangenzunge bei uns gelandet.

Falter: Ist das nicht eine Figur aus dem "Herrn der Ringe"?

Frank Schirrmacher: Die Geschichte der Entwürdigung des Menschen durch Dämonisierung des Alters ist ein Tolkien mit anderen Mitteln. Wie die Hobbits im Auenlande leben wir ahnungslos dahin, bei Spiegeleiern, ...

Falter: Dabei sollten wir doch auf die Cholesterinwerte achten ...

Frank Schirrmacher: ... Pfeifentabak ...

Falter: Damit finanzieren wir aber den Kampf gegen den Terrorismus ...

Frank Schirrmacher: ... und all dem, was zur Wärme des Lebens gehört.

Falter: Was ist das nun mit Schlangenzunge?

Frank Schirrmacher: Schlangenzunge trat im Laufe der Jahrhunderte in vielerlei Verkleidung auf. Er legte seine Fallen überall aus. Er vergiftete unsere Filme, Musik, unsere Werbung, unsere Witze, Gespräche, Grußkarten. Es ist ihm gelungen, mit seinen Einflüsterungen unser Selbstbewusstsein zu versklaven und unsere Körper zu ruinieren.

Falter: Bisher wusste ich von ihm nur als einer Romanfigur. Sie glauben an seinen realen Einfluss?

Frank Schirrmacher: Die Auseinandersetzung beginnt als psychologische Kriegsführung, ehe es zum wirklichen Krieg kommt. Unser Charakter wird sich verändern. Unsere Nachkommen werden uns hartherzig und egoistisch und schandbar finden, und wir werden mit diesem Urteil nicht leben wollen. Wir müssen etwas aufgeben, etwas, das uns wie Tolkiens Ring der Macht seinen Willen aufzwingt und knechtet und bindet und uns sogar gegen die eigenen Interessen handeln lässt.

Falter: Aber was kann ich dagegen nur tun?

Frank Schirrmacher: Vor allem müssen Sie leben, so merkwürdig Ihnen dieser Appell heute erscheinen mag.

Falter: Stimmt. Ein bisschen merkwürdig schon.

Frank Schirrmacher: Sie müssen lernen, fünfzig und sechzig Jahre alt zu werden.

Falter: Warum nicht älter?

Frank Schirrmacher: Ihre künftigen Geburtstage werden durch die veränderte Zusammensetzung unserer Gesellschaft ein ganz neues Gewicht bekommen. Und Sie müssen lernen, was es heißt, siebzig, achtzig oder neunzig Jahre alt zu werden, ohne dabei zu verstummen.

Falter: Oh, da besteht, glaube ich, keine Gefahr. Ich sage nur: "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!"

Frank Schirrmacher: Die Propaganda der Feinde wird versuchen, Sie davon abzubringen, an Ihre Mission zu glauben.

Falter: Das sollen sie mal versuchen, diese jungen Rotzlöffel.

Frank Schirrmacher: Der Zweifel an Ihrem Gehirn sitzt wie Gift in Ihrem Körper. Schon der 35-Jährige gilt in vielen Betrieben als "festgelegt"; später bemängelt man fehlende Ideen und Inspirationen.

Falter: Das würde ich mir aber an Ihrer Stelle nicht bieten lassen als "FAZ"-Herausgeber!

Frank Schirrmacher: Es geht aber buchstäblich um Ihren Kopf. Ihr Bewusstsein und Ihre Gehirnstruktur sind die Angriffsziele des Altersrassismus.

Falter: Unfassbar!

Frank Schirrmacher: Beenden Sie die Gehirnwäsche: Ihr künftiges Selbst steht schon heute auf dem Spiel.

Falter: Herr Schirrmacher, es ist seltsam, aber mir flüstert seit kurzem eine Stimme zu: "Kommt Zeit, kommt Rat", und "Da fließt noch viel Wasser die Donau hinunter".

Frank Schirrmacher: Diese Stimme hat nichts anderes im Sinn als Sabotage. Sie will die Entschlossenheit schwächen, ...

Falter: Würden Sie darin eher eine defätistische Abweichung oder linksopportunistisches Kapitulantentum sehen?

Frank Schirrmacher: ... das Ziel verwischen. Die Weltgeschichte kennt viele Kriege. Kriege mit der Faust und mit dem Speer oder mit den bloßen Zähnen, ...

Falter: Wann war der noch mal?

Frank Schirrmacher: ... solche mit Feuerwaffen oder Bomben, Verteidigungs- und Vernichtungskriege, ...

Falter: Feuilletonkriege?

Frank Schirrmacher: ... Bürgerkriege und Zivilisationskriege. Und es gibt den Krieg der Generationen.

Falter: Das habe ich nun verstanden. Und wir müssen mobilmachen, gell?

Frank Schirrmacher: Wie die Tiere in der Steppe werden die Älteren nach dem Verlust ihres Prestiges in einer umfassenden Jagd zur Erschöpfung getrieben.

Falter: Aber wenn wir nicht in den Vorruhestand wollen - Sie als Herausgeber, ich als Kleingewerbetreibender - dann kann uns doch keiner -, oder?

Frank Schirrmacher: Das geschieht durch Andeutungen, durch Angriff von allen Seiten.

Falter: Also auch aus der eigenen Redaktion?

Frank Schirrmacher: Unsere Gesellschaften züchten in uns das Gefühl, wir würden im Laufe unseres Lebens ausgetauscht werden. Wie Aliens, die sich der Körper des Menschen bemächtigen, steckt plötzlich im Menschen ein anderer Mensch: launisch, fantasielos, gierig, müde, krank - die Forschung hat ganze Horrorkataloge dieser Beschreibungen aufgelistet.

Falter: Die Leute haben einfach zu viel Blödsinn im Kopf. Und jeder Trend hat doch seinen Gegentrend?

Frank Schirrmacher: Diese Vorurteile lösen in einem nie zum Stillstand kommenden Teufelskreis überhaupt erst die Selbsteinschätzungen, Handlungen und Minderwertigkeitskomplexe aus, die sie unterstellen; ein verborgener Mechanismus, der in dem Augenblick ausgelöst wird, in dem das fast zu Tode gehetzte Tier aus der Steppe in die Falle tappt.

Falter: Herr Schirrmacher, ich wünsche Ihnen viele, viele Jahre als Herausgeber der "FAZ", als Denker, Wahrheitssucher und nicht zuletzt ganz plan als Mensch. Wer es gewagt hat, sich derart unerschrocken den geistigen Stahlgewittern der Zeit zu stellen, der verdient es, der Unsterblichkeit nahe zu kommen.

Alle Antworten sind wörtliche Zitate aus dem Buch:
Das Methusalem-Komplott.

Albert Christian Sellner in FALTER 36/2004 vom 03.09.2004 (S. 55)


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