Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie

von Chalmers Johnson, Hans Freundl, Thomas Pfeiffer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Blessing
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Die USA heute sehen dem Alten Rom verdammt ähnlich, findet Peter Bender in einem erstaunlichen Essay. Bloß kann Washington nicht herrschen, meint Michael Mann in seiner wohl fundierten Kritik an der einzigen Weltmacht. Vier neue Bücher zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Bild von der Politik des Hegemons.

Mit der Kehrtwendung der US-Politik zur kraftstrotzenden Arroganz nach dem Wende-Datum 9/11 bekam die Diskussion über die neue Weltordnung einen neuen Drive. Dabei erstaunt zunächst die Renaissance des Interesses an der Antike. Hatten sich die Feuilletonisten und Kommentatoren bisher darauf beschränkt, eher mit ein paar grellen Pinselstrichen die Analogien zwischen dem Weltreich der Römer und dem Machtnetz der USA zu zeichnen, so hat der deutsche Althistoriker und emeritierte Journalist Peter Bender nun den Versuch einer großen essayistischen Parallelgeschichtsschreibung des Imperium Romanum und des Imperium Americanum unternommen. Herausgekommen ist ein erstaunlicher Traktat, der so grandios wie knapp auf 260 Seiten Differenzen, vor allem aber Analogien herausarbeitet.

In Benders Deutung sind Rom und die Vereinigten Staaten zwei Kolonisatorengesellschaften, die, durch ihre nahezu insulare Lage geschützt, jahrhundertelang Zeit hatten, ihre Machtgrundlage zu schaffen. Beide öffneten sich für alles, was zu ihnen passte. Beide ruhten lange am westlichen Rand der politischen Zentren ihrer Zeit, jenseits von Hellas das eine, jenseits von Europa das andere. Beide wagten als Händlernationen den Schritt aufs Meer und verstrickten sich eher widerwillig in die Händel ihrer Zeitgenossen.

Was für die Römer der erste Krieg mit Karthago war, war für die USA der Erste Weltkrieg, der Kampf gegen Deutschland - beide sahen sich zum großen Waffengang eher genötigt. Beiden lag ursprünglich wenig daran, ein Imperium zu begründen, sie haben sich ihr Reich eher zufällig zusammenverteidigt. Beide konnten sich den Folgen der Fakten, die sie geschaffen hatten, auf Dauer nicht entziehen. Nach dem zweiten großen Krieg waren beide die ersten Weltmächte ihrer Zeit. Sie hatten nicht nur Macht errungen, sie hatten auch - von ihrem Habitus her eher provinzielle Mächte - Weltläufigkeit gewonnen.

Die Römer waren nach und nach auch Garantiemacht des alten Griechenland geworden, die US-Amerikaner nahezu über Nacht Protektor des "Alten Europa". Plötzlich hatten sie Verantwortung; und wenn auch bisweilen wenig Interessen im Spiel waren (für die Römer in Kleinasien, für die USA zum Beispiel in Korea), so doch immer Prestige und Glaubwürdigkeit. Sie färbten die innere Ordnung ihrer Satelliten spezifisch ein. "Rom-Knechte" und "Rom-Feinde" beäugten sich im öffentlichen Leben der Schutzbefohlenen skeptisch. Wie die Römer beklagen auch die US-Amerikaner die Undankbarkeit ihrer Verbündeten. Was heute Peripherie ist, muss morgen verteidigt und um einen neuen Sicherheitsgürtel erweitert werden.

"Einzige Weltmacht zu sein ist eine Charakterprobe ohne Beispiel", schreibt Bender gegen Ende seines historischen Traktats. "Was immer man tut, die Welt muss es hinnehmen . Kein Regime, gleich welcher Art, erträgt diese Stellung, ohne sich zu verändern." Für Römer wie US-Amerikaner gilt: "Sie wurden herrischer und gewalttätiger, aber sie stifteten auch Frieden und sorgten für geordnete Verhältnisse."

Militärische Übermacht neigt dazu, sich militärischer Mittel zu bedienen. Die Gefahr besteht, dass das innere Gefüge der Weltmacht selbst infiziert wird: Wer überall auf der Welt für Ordnung sorgen muss, wird eine Kriegerkaste entwickeln, deren Gewicht auch auf der Binnenpolitik lastet. Der Ruhm, der den äußeren Aktivitäten entsprang, qualifizierte in Rom dazu, politische Karriere zu machen. Das gilt für die USA nur bedingt, dennoch ist zumindest die Außenpolitik heute mehr Sache des Pentagon, nicht so sehr die der Diplomatie. Heute steht US-Amerika, so resümiert Bender, erst auf der ersten Stufe zur Weltmacht: "Es kann gegen den Protest der halben Welt so ziemlich alles tun, was es will." Die zweite Stufe wird US-Amerika kaum erreichen können: "Es kann nicht alle zwingen zu tun, was es will."

So frappierend die Analogien zwischen Rom und den Vereinigten Staaten sind, so signifikant sind freilich auch die Differenzen: So unterhalten die USA zwar Militärstützpunkte und haben Verbündete, sie haben aber kaum Provinzen, in denen sie direkt regieren. Was beide verbindet (und auch mit anderen Imperien vereint) ist die imperiale Handlungslogik - sozusagen der Druck, wenn man A sagt, auch B sagen zu müssen -, der "normale" Nationalstaaten eben nicht unterliegen.

Den Umstand, dass dies lange verdrängt wurde, nennt der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler "Imperiumsvergessenheit". Dieses lange Desinteresse an der inneren Logik von Imperien, schreibt Münkler (im lesenswerten Sammelband "Empire Amerika"), habe zu strukturellen Missverständnissen geführt. US-Amerikas Partner glaubten, sie hätten ein Recht auf Gleichbehandlung, und das internationale Recht hat diese Illusion noch verstärkt: Dabei besteht für Münkler der wichtigste Unterschied zwischen staatlicher und imperialer Macht darin, "dass sich Staaten gegenüber anderen Staaten in einem reziproken Verhältnis befinden und es zum Wesen der Staatlichkeit gehört, diese Reziprozitätsbeziehung auch anzuerkennen, während dies bei Imperien gerade nicht der Fall ist".

Wie die Imperiumsdebatte diesen blinden Fleck aufhellt, so entspringt der zunehmend wohlwollende Gebrauch der Rede vom "American Empire" in den USA selbst nur zu einer Hälfte einem Großmannsgehabe, zur anderen aber Problembewusstsein, was die Lektüre der einzelnen Aufsätze des erwähnten Sammelbandes verdeutlicht. So stellt der renommierte New Yorker Essayist und Reporter Michael Ignatieff besorgt die Frage, ob denn US-Amerika "mächtig genug ist" für die Aufgaben, die es sich stellt, und ob es seine Macht nicht untergräbt, "wenn es im Ausland in wachsendem Maße bewaffnet, uniformiert, hinter Stacheldraht und hohen Mauern verschanzt in Erscheinung" tritt. Dass in dem Band auch ein paar neokonservative Revolverhelden wie Max Boot zu Wort kommen, verstärkt noch den dokumentarischen Nutzen der Aufsatzsammlung. Die Vereinigten Staaten verfügen über die besten Waffen der Welt, und selbst der Hinweis, dass das Militärbudget der USA so viele Dollars verschlingt wie das der 18 folgenden Nationen zusammen, verschleiert mehr, als er verdeutlicht: Die anderen Nationen verfügen nicht nur über weniger militärische Machtmittel als die USA, sie verfügen schlicht über keine, die mit denen der USA auch nur verglichen werden können (sieht man von den russischen Atomsprengköpfen ab). Amerika nennt militärische Einrichtungen, meist Basen, in 132 Ländern der Welt sein Eigen.

Dennoch sind die USA, bekundet der angloamerikanische Politologe Michael Mann, ein paradoxes Imperium, eine ohnmächtige Supermacht: Sie stellt sich Aufgaben, die sie nicht zu erfüllen vermag; sie greift mit nie da gewesener Feuerkraft ihre Feinde - vermeintliche und wirkliche - an, ohne bereit zu sein, "permanent über fremde Länder zu herrschen"; sie hofft, indirekt und informell Einfluss nehmen zu können, sie nistet sich ein und kapselt sich doch ab. Selten gelingt die Befriedung einer "Problemzone", wie gerade das Fiasko im Irak zeigt - für das Engagement und die Mannschaftsstärken, die dafür nötig wären, fehlt zu Hause die Unterstützung.

Der Blutzoll, den eine imperiale Befriedung forderte, wäre zudem in jeder Hinsicht schwer zu verkaufen. Die Stützpunkte, die die USA unterhalten, dienen praktisch nie der direkten Herrschaftsausübung und führen nicht selten zu Antiamerikanismus und damit auch zur Destabilisierung der verbündeten Regierungen - "Imperialismus aus dem Stegreif", so Manns Verdikt. Wer nach einer Kritik an der US-Politik sucht, die sowohl entschieden und doch nicht maßlos ist und in der in jedem Fall die Fakten stimmen, der ist bei Mann an der richtigen Adresse.

Zum Herrschen verschworen haben sich die USA nicht; eher im Gegenteil. Dennoch haben sie eine imperiale Herrschaft eigener Art entwickelt, die von Widersprüchen wahrhaftig nicht frei ist. Vom "Selbstmord der amerikanischen Demokratie" zu sprechen, wie das Chalmers Johnson tut, ist darum doch zumindest ein wenig übertrieben, auch wenn sich schwer bestreiten lässt, dass das Gewicht des Militärs innerhalb der US-Politik größer wird, die Special Forces zu einer Privatarmee des Präsidenten zu werden drohen und der zupackende Invasionssoldat in zunehmendem Maße zu einem Role-Model stilisiert wird.

Der Machtraum der USA ist jede Region, aus der Gefahr drohen könnte - also die ganze Welt. Für das US-Militär - wie für alle Bürokratien - gilt: Niemals wird es freiwillig eine Stellung räumen, auch wenn man nicht immer genau weiß, wozu sie noch nötig ist. US-Militärstützpunkte werden zu Staaten in Staaten. Die zugleich vorgeschobenen imperialen Posten sind auch Vergnügungsparks für Tausende Einwohner - militärisches Personal, aber auch ziviles, vom Putzdienst über den Discobetreiber bis zum Gartenpfleger.

Die imperiale Struktur gewinnt so gewissermaßen ein Eigenleben. Hat die Politik einmal militärische Schlagseite, ist das schwer rückgängig zu machen. Die Problemlösungen von gestern und heute werden mit hoher Wahrscheinlichkeit schon der Gewohnheit wegen auch die Lösungen von morgen sein. So wie aus diesen so genannten Lösungen ganz gewiss die Probleme von morgen und übermorgen resultieren. Bei den Römern war es nicht anders.

Robert Misik in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 26)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Empire Amerika (Ulrich Speck, Natan Sznaider, Michael Adrian, Bettina Engels)
Die ohnmächtige Supermacht (Michael Mann, Thomas Atzert)
Weltmacht Amerika (Peter Bender)

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