Generation Golf zwei

von Florian Illies

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Blessing
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 32/2003

Alexander Sistenich treibt in "Wir werden wie Riesen sein" seinen Spaß mit dem Achtzigerrevival und schaler Erinnerungsliteratur.

Niemand hat die Absicht, die Vergangenheit zu verklären! Die Welt war halt kompliziert, Golffahrer waren polierte Lackaffen, Not und Gefahr im Übermaß präsent und die Kausalitäten zwingend - Modern Talking sangen ,Scherrischerrilady', Papa fällte den ollen Kirschbaum im Garten, Nicole sang ,Ein bisschen Frieden', die Amerikaner schenkten uns fabrikneue Pörschings, Trio sangen ,Da da da', Papa rief ,Wo wo wo?', Karl May (wohl eher Reinhard, Anm. d. Red.) sang ,Über den Wolken', und wenig später ist ein tollkühner Belgier mit seinem Heißluftballon in unsere Äcker gestürzt und starb in lauter Einzelteilen."

Keine Verklärung will er betreiben und auch "kein Resümee, nix" ziehen für die von Florian Illies ausgerufene und mittlerweile in die zweite Runde gegangene "Generation Golf" (siehe Kasten). Stattdessen serviert der deutsche Neo-Autor Alexander Sistenich mit seinem kurzweiligen Buch "Wir werden wie Riesen sein" eine wunderbare Jugendgeschichte für Leser, denen in puncto Achtziger-Reminiszenzen nach mehr als "Wickie, Slime & Paiper" gelüstet. Das Wort erteilt er einem herrlich naiven Icherzähler, der seine ersten Sexerlebnisse und Festtagsräusche nicht in Berlin, sondern in einem Dorf in der Eifel erlebt; dort, wo kein normaler Mensch Golf fährt, sondern Mofa oder Ford Escort - und überhaupt vieles ein wenig anders war als in den Büchern von "Benjamin oder Florian".

Sistenich und sein Protagonist, der staunend seinen Weg durch die Welt und in die Mädchenzimmer geht, erweisen sich dabei im Gegensatz zu Illies & Co, weniger als Erfinder von Generationskonzepten denn als Helden des Alltags. Für sie ist jenes Weiterwursteln angesagt, das wir alle vom tagtäglichen Scheitern und seinen Minierfolgserlebnissen kennen. Der implizit über so vielen Erinnerungstexten von Thirty-Somethings schwebenden Stumpfbotschaft "Früher war alles besser" hält der 33-jährige Autor denn auch ein sympathisch pragmatisches "Alles war immer schon doof - und irgendwie trotzdem in Ordnung" entgegen. Nützt ja nichts, muss immer weitergehen.

Serviert wird das alles in einer herrlich kruden Kunstsprache, die einen vermeintlich erwachsenen, in Wahrheit aber furchtbar in die Hose gegangen Prosastil (wie ihn sich ein Halbstarker auf Identitätssuche eben vorstellen muss) mit Regionaljargon und fast schon Helge Schneider'schen Absurditäten paart. Fragt man sich anfangs noch, ob Sistenich überhaupt weiß, was er da mit den jungen Menschen und der deutschen Sprache anstellt, folgt nach einigen Kapiteln die amüsierte Erkenntnis: Doch, er weiß es - aber das hält ihn vor immer neuen Wahnsinnstaten auch nicht zurück.

Bei aller sprachlichen Eigenständigkeit und trotz der ungewöhnlich gelungenen Schilderungen sexueller Jugendnöte und -freuden hat Sistenich dabei ein inhaltlich verhältnismäßig konventionelles Buch geschrieben. Will sagen: Von der Klassenfahrt über die Reise in die Ostzone und das Fummeln mit der französischen Austauschschülerin bis zum Mauerfall setzt der Autor seinen Helden in Situationen, von denen man eigentlich bereits zur Genüge lesen durfte. So großen Spaß ohne schalen Nachgeschmack hat Erinnerungsliteratur jedoch selten zuvor gemacht: "Einmal, da wird der Tag kommen, an dem du denkst: Es war einmal, da stand mein Leben am Anfang, aber das ist mir erst später bewusst geworden."Mir geht es gut", begann Florian Illies vor drei Jahren sein Erfolgsbuch "Generation Golf. Eine Inspektion", mit dem der damals 28-Jährige bereits ein Resümee über seine Altersgenossen vorlegte - die das Geldverdienen ihren Aktien überließen und sich ansonsten in einer heilen Achtziger-Erinnerungswelt einrichteten.

"Uns ging es nicht so gut", umreißt der deutsche Journalist die mittlerweile - angesichts von Börsencrash, 11. September und einer kriselnden Weltwirtschaft - gekippte Stimmung. Wer meinte, mit dreißig schon die Weichen für ein Leben mit wenig Arbeit und großem Wohlstand gestellt zu haben, sitzt nun plötzlich ohne Job in seiner Designerwohnung und wundert sich über so viel Tagesfreizeit.

Da hat man Zeit zum Nachdenken und entdeckt prompt Symptome der in den USA bereits heftig proklamierten Quarterlife-Crisis - "jene Erschöpfung, die einen beschleicht, weil man nicht weiß, wofür man eigentlich kämpfen soll", beschreibt Illies die eigene, zu Selbstmitleid und Tatenlosigkeit neigende Generation, die die Antikriegsdemonstranten höchstens interessiert aus dem Café beobachtet. Dabei sei gerade politische Aktivität gegen die Selbstabsicherungstendenzen der 1968er auf Kosten der Jüngeren dringend nötig.

Keine Frage: Illies ist ein Profi, dessen humorig vorgetragene Analysen zumeist zutreffend sind. Nur neigt er in "Generation Golf zwei" - offenbar als Ausgleich zu der dominierenden Katerstimmung - mitunter auch zu unmotivierten Witzchen, die einem Schüler Harald Schmidts nicht passieren dürften. "Ich könnte mir vorstellen, auch mal was ganz anderes zu machen", wie es leitmotivisch immer wieder heißt, mag sich auch der Autor an seinem Schreibtisch von Zeit zu Zeit gedacht haben. Andererseits: Bei einer Startauflage von 80.000 Büchern will man ihm das nicht so recht abnehmen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 32/2003 vom 08.08.2003 (S. 51)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Wir werden wie Riesen sein (Alexander Sistenich)

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