Schöner wird's nicht

von David Sedaris, Georg Deggerich

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Blessing, Karl
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Erscheinungsdatum: 22.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Diese Stories enthalten 97% Wahrheit

Essays" nennt David Sedaris seine stark autobiografisch getönten Kurzgeschichten, die ihn in den letzten zehn Jahren als erstklassigen Humoristen berühmt gemacht haben und von denen nun eine weitere Sammlung vorliegt.
Zu 97 % seien die Stories wahr, behauptet der Autor in einem Interview. Das mag wohl ein bisschen hoch gegriffen sein. Denn wenn all das mehr oder weniger stimmt, was Sedaris in seinen Texten, Theaterstücken und Radiogeschichten über sich, seine Eltern und Geschwister oder seinen Lebensgefährten preisgibt, dann müsste er schon in einem außerordentlich seltsamen Umfeld leben.

Glaubt man eine Erzählung im neuen Band, so unterstützten Sedaris' Eltern zunächst seine frühen Schreibversuche und ermunterten ihn geradezu, Selbsterlebtes als Material zu verwenden. Sie änderten ihre Haltung jedoch, als eine der ersten Veröffentlichungen beschrieb, wie der Vater einst in den Brunnen des Nachbarn geschissen hatte. Nach dem Beginn der Lektüre "standen sie auf und zogen die Vorhänge zu. Nach den nächsten 50 Seiten vernagelten sie die Haustür und überlegten, wie sie sich am besten verkleiden konnten. Anderen Leuten gefielen meine Geschichten, aber die beiden wussten partout nichts damit anzufangen."
Das wird auch für jene feine Geschichte gelten, die vom Versuch der Eltern handelt, sich als Kunstsammler zu geben. Schon bald stellt sich freilich heraus, dass die Heimat der Familie, das östliche North Carolina, "kein fruchtbarer Boden für künstlerische Genies" ist. Das hindert aber nicht am eifrigen Erwerb von "der Art von Kunst, die zusammen mit Windspielen in Galerien ausgestellt wurden, die Namen wie ‚Kunst und Meer' oder ‚Sonnentanz' hatten und fast immer in Ferienorten lagen."
Die Veralberung der engsten Umgebung verzeiht man Sedaris, weil er mit niemandem so hart ins Gericht geht wie mit sich selbst. Jede kleinste eigene Schwäche kann zum Thema eines Essays werden. Da ist etwa seine Vorliebe für Accessoires, die ihn einen "Stadium Pal" kaufen lässt.
Dieser Stadion-Freund ist ein an der Wade befestigtes Behältnis, das mittels eines Schlauchs mit dem Penis verbunden ist und eine beträchtliche Menge Harn aufnehmen kann – sehr nützlich nicht nur für Besucher von ausgedehnten Sportveranstaltungen, sondern auch für längere Lesungen oder überbuchte Flüge. Sollte man meinen.
"Ich musste sehr bald feststellen, dass ein Katheter im Krankenhaus angebracht sein mag, im alltäglichen Gebrauch aber eher unpraktisch ist. In einem Freiluftstadion mag ein dampfend heißer 1-Liter-Beutel Urin unbemerkt bleiben, nicht aber in einem engen Flugzeug oder einem vollbesetzten Buchladen. Eine Stunde, nachdem ich ihn eingeweiht hatte, roch ich wie ein Pflegeheim."
Auf ernstere Schwächen bezieht sich die mit Abstand längste Geschichte des Bandes. Sedaris beschreibt das aufwendige Vorhaben, sich das Rauchen abzugewöhnen. Es gelingt letztlich, fällt aber deutlich schwerer, als sich vormals von Drogen und Alkohol zu verabschieden. Da waren die Ausfallserscheinungen nach kombiniertem Konsum freilich schon beträchtlich:

"Rief mich jemand um elf Uhr abends an, hatte ich nach etwa einer Minute vergessen, wer am Apparat war. Dann fiel es mir wieder ein und aus lauter Freude darüber zog ich erst einmal kräftig an meinem Bong. Noch schlimmer war es, wenn ich der Anrufer war. ‚Ja', sagte ich. ‚Kann ich bitte mit … äh, na, du weißt schon. Der mit den braunen Haaren? Fährt einen Van mit seinem Namen drauf?'
‚Ist da David?'
‚Ja.'
‚Und du möchtest deinen Bruder Paul haben?'
‚Genau.'"
Auf dem Weg zum Nichtraucher hat Sedaris viele witzige Begegnungen, gleichzeitig ufert aber das Erzählen hier unnötig aus und stört jene Prägnanz, die sonst zu den großen Stärken des Autors gehört. Darüber hinaus zieht sich nicht nur durch diese Geschichte eine gewisse Midlife-Weinerlichkeit des Autors. Gerade in der Rückschau auf die eigene Kindheit entwickelt sich daraus eine verklärende, manchmal schwer erträgliche Sentimentalität.
Das Lesevergnügen wird dadurch aber nur unwesentlich geschmälert. Sedaris gelingt einmal mehr ein gutes lustiges Buch. Das ist keine kleine Leistung.

Karl A. Duffek in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 21)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb