Der amerikanische Virus
Wie verhindern wir den nächsten Crash

von Rainer Hank

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Karl Blessing
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 14/2009

Der amerikanische Virus hat die Welt infiziert

Meteorologen, Demoskopen und neuerdings Finanzjournalisten: Sie alle haben Erklärungsbedarf, wenn ihre Einschätzungen danebengehen. Letztere nur dann, wenn sie nicht zu der Sorte Journalisten gehören, die "nachher immer alles vorher schon gewusst haben" (Karl Kraus). Spott ist jedoch nicht angebracht, schließlich haben auch die Hohepriester des ­Laisser-faire-Kapitalismus wie Alan Greenspan die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht kommen sehen. So mancher Leser wird aber das Buch "Der amerikanische Virus" des deutschen Finanzjournalisten Rainer Hank mit jener Skepsis aufschlagen, die man etwa einem Kochbuch entgegenbringt, dessen Rezepte beim Nachkochen bisher nichts geworden sind, zumal das Werk mit der Frage "Wie verhindern wir den nächsten Crash?" untertitelt ist.

Hank spannt einen weiten Bogen vom liberalen Kapitalismus von 1890 bis in die 1920er-Jahre, vom New Deal Franklin D. Roosevelts bis zum dynamischen Wettbewerbsmarkt, der mit Reagan begann und bis heute andauert. Es ist, als versuche Amerika sich selbst immer wieder von der "Selbstinfizierung des amerikanischen ­Virus zu kurieren", dieser Mischung aus Zupackertum, Wagemut, Gottvertrauen und dem ungestümen, von Gier getriebenen Streben nach Glück und Erfolg. Einer Periode ir­rationalen Überschwangs folgt die Zähmung der Dynamik des amerikanischen Kapitalismus, eine Art Wechselspiel von Spekulation und Askese. Gewiss, es passieren auch Spekulationsexzesse, aber die Eisenbahn- oder Internetrevolution hätte es ohne diese nicht gegeben. Die Erfinder neuer Finanzprodukte und die zeitgenössische Kunst eint der Begriff der Avantgarde, was unter anderem der Millionenerlös einer Versteigerung von Werken – unter anderen eine in Formaldehyd eingelegte Kuh – des britischen Künstlers ­Damien Hirst bei Sotheby's belegt, just an jenem Tag, an dem die Investmentbank Lehman Brothers zusammenkrachte, eine Bank, die besonders durch ihr Mäzenatentum hervorstach.
Als Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und in Foren wie der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung oder in TV-Sonntagsdebatten trat Hank stets für wirtschaftlichen Liberalismus und einen schlanken Sozialstaat ein. Erst ein Staat, dem die "sozialpolitische Besessenheit" ausgetrieben worden sei, ermögliche gesellschaftliches Glück und wirtschaftliche Dynamik. Daher verwundert es nicht, wenn Hank die Ursache der Finanzkrise des beginnenden 21. Jahrhunderts auch in einem sozialpolitischen Verschulden des amerikanischen Staates sieht, nämlich in dem Versuch, auch den Ärmsten den Traum vom eigenen Heim auf risikoarme Weise zu erfüllen, mittels staatlicher Unterstützung bei der Beschaffung von Hypothekarkrediten. Über die Verbriefung dieser bald notleidend werdenden Kredite ist die Immobilienkrise nach Deutschland übergeschwappt.
Gleichzeitig fordert Hank aber einen starken Rechtsstaat, auch weil er den Unternehmern misstraut. Er warnt, dass die "schlimmste Bedrohung freier Märkte nicht von Sozialisten kommt, sondern von den Kapitalisten". In Wirklichkeit seien die Kapitalisten bloß Egoisten, die geschickt ihren persönlichen Vorteil drapieren und die Politik zu Subventionen verführen oder den Wettbewerbern den Marktzutritt verwehren wollen. Hilfe für Opel? Nein, plädiert Hank für Wirtschaftsdarwinismus, so mache sich der Staat zum Büttel der Unternehmerlobby. Die jetzige Rückkehr des spendablen Staates hält er für gefährlich, die Einzelfallwohltaten seien die Belastungen von morgen. Die betroffenen Opel-Arbeiter und deren Familien bleiben in der Hank'schen Betrachtung ausgespart.

Wie den nächsten Crash verhindern? Das sei nicht möglich, denn die Zukunft ist eine spontane Ordnung im Sinne Friedrich Hayeks, also ein Ergebnis menschlichen Handelns und nicht menschlichen Entwurfs. Konsequenterweise formuliert Hank bloß eine Liste goldener Haftungs- und Transparenzregeln und keinen Katalog mit strengen Regulierungsmaßnahmen, um einen künftigen Crash zu verhindern. Im Gegenteil, der "Zeitgeist
liegt falsch, wenn jetzt aus Rache die gesamte Finanzindustrie in die Schranken gewiesen werden soll", schließlich habe die Finanzmarktliberalisierung ungeachtet der Jahrhundertkrise auch zu einem höheren Wachstum beigetragen. Ob es das wert war?

Richard Wimmer in FALTER 14/2009 vom 03.04.2009 (S. 16)


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