Bei Anbruch der Nacht

von Kazuo Ishiguro

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Verlag: Karl Blessing
Erscheinungsdatum: 24.08.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Satte Geigenklänge und ein bluesiges Horn

Da ist keine Musik drin: Kazuo Ishiguros Erzählband "Bei Anbruch der Nacht" bietet Kitsch und Peinlichkeiten

Music is the best", sagt Frank Zappa und hat damit vermutlich Recht. Keine Kunst berührt uns so unmittelbar wie die Musik, und alle anderen Künste sind neidisch wie die Sau: Seit circa 1982 will jeder, der einen Pinsel halten kann, eigentlich in einer Synthiepopband spielen, bei den Literaten sieht's ähnlich aus, und am allerärgsten sind die Metallplastiker, die ihre Daumen drum geben würden, wenn sie Hackbrett oder Fagott spielen könnten.

Kazuo Ishiguro, der für seinen Roman "Was vom Tage übrig blieb" 1989 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, hat nun unter dem Titel "Bei Anbruch der Nacht" ("Nocturnes. Five Stories of Music and Nightfall", 2009) einen Band mit fünf Erzählungen veröffentlicht, in dem die Gitarristen zart im Vorteil sind, aber das ist nicht so wichtig.
Wir treffen auf Musiker und Musikliebhaber unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Geschmacks, wobei sie vom Autor gerne in eigenartigen Paar- und Dreiecksbeziehungen arrangiert werden. So soll der Ich-Erzähler aus dem Opener "Crooner", der sein Geld als Einspring-Gitarrist in den diversen Kaffeehausbands von Venedig verdient, dem von seiner Mutter verehrten Sänger Tony Gardner bei einem Ständchen für dessen Frau assistieren – wobei die Trennung des Ehepaars längst ausgemachte Sache ist.
Die Ehe von Charlie und Emily ist ebenfalls am Zerbröseln, nur dass Charlie diese dadurch kitten möchte, dass er Ray, einen gemeinsamen Freund aus Studientagen, als Gast in der gemeinsamen Wohnung einquartiert, während er für ein paar Tage auf eine erfundene Geschäftsreise verschwindet. Ray, 47 Jahre alt, mit einer Alkoholikerin als Frau und einem wenig aufregenden Job ausgestattet, soll quasi als abschreckendes Beispiel das Image von Charlie wieder aufbessern: Emily findet ihren Gatten nämlich etwas unterambitioniert.
Wer diese Idee absurd findet, sollte erst einmal die ganze Geschichte lesen. Sie kulminiert in einer Szene, in der Ray auf allen Vieren das Wohnzimmer seiner beiden Freunde verwüstet, während in der Küche ein alter Stiefel gesotten wird. Das ist leider entschieden weniger lustig, als es klingt – wie Humor überhaupt nicht zu Ishiguros Stärken zählt: Immer dort, wo er offenbar Slapstick und Allotria im Sinn hat, wird es noch dämlicher, als es ohnedies schon ist.

Die Titelgeschichte etwa beruht auf dem verqueren Einfall, dass ein begnadeter Saxofonist sich einer Schönheitsoperation unterziehen soll, um endlich die Karriere zu machen, die er eigentlich verdienen würde (also ob ein Lester Young oder Ben Webster ihrer tollen Erscheinung wegen berühmt gewesen wären). In der Luxusklinik lernt Steve die Sängerin Lindy Gardner kennen (dem Leser schon als zukünftige Exgattin von Tony Gardner aus "Crooner" ein Begriff), und obwohl er sie als Musiker eigentlich verachtet, freunden sich die beiden miteinander an. Am, nun ja, "komischen Höhepunkt" der Erzählung versenkt Lindy eine entwendete Trophäe im Arsch eines Truthahns (gebraten) und entwindet sich so der unangenehmen Entlarvung als Diebin. Über eine Schlusspointe verfügt die umständliche, aber dennoch unergiebige und mit herzlich peinlichen Dialogen ("Hol sie in dein Team, krieg dein neues Gesicht, es werden sich alle möglichen Türen für dich öffnen. In null Komma nix bist du Oberliga") gesegnete Story nicht.

Es gehört zu den Klischees der Kritik, die Musikalität eines Autors insbesondere dann zu preisen, wenn dieser über Musik schreibt. Dazu herrscht hier freilich wenig Anlass. Ishiguro, so wie ihn Barbara Schaden übersetzt hat, klingt mitunter wie ein mediokrer Musikjournalist (ein Raum füllt sich "mit satten Geigenklängen, einem bluesigen Horn und Sarah Vaughns Stimme") oder nach Coelho-Kitsch: "Und irgendetwas (…) ließ ihn Töne erzeugen, die ganz neue Tiefen, ganz neue Anklänge enthielten."
"Cellisten", aus der das Zitat stammt, ist die letzte Geschichte des Bandes und schafft es souverän, das Niveau der vorangegangenen zu unterschreiten – was fast schon als sportliche Leistung gelten darf.

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 8)


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