Die zwei Gesichter der Arbeit
Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Übergangsgesellschaft

von Pierre Bourdieu

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: UVK
Format: Taschenbuch
Genre: Soziologie/Arbeitssoziologie, Wirtschaftssoziologie, Industriesoziologie
Umfang: 16 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.07.2000

Rezension aus FALTER 12/2001

Mitte der Neunzigerjahre machte der US-amerikanische Ökonom und Publizist Jeremy Rifkin die These vom "Ende der Arbeit" populär.Der Nachruf war verfrüht.Die Totgesagte entpuppt sich als Wiedergängerin in neuem Gewand.

Arbeit. Das war die zentrale Sinn stiftende Instanz der Moderne. In den philosophischen Anstrengungen des Industriezeitalters erscheint sie stets mit einem Doppelgesicht: einmal als Metapher für die Gewalttätigkeit des zivilisatorischen Prozesses, dann wieder als Losungswort für die Selbstverwirklichung des Menschen. Ihr hässliches Antlitz wurde vor allem dort thematisiert, wo die Permanenz der gesellschaftlichen Krise als historischer Ausnahmezustand wahrgenommen wurde.

Paul Lafargue, Karl Marx' Schwiegersohn, wählte als Exponent der Arbeiterbewegung noch vorsichtigerweise den Umweg der Satire, um zu bekennen, dass er die Arbeit für die "schrecklichste Geißel" hält, welche je die Menschheit getroffen". Friedrich Nietzsche hingegen war es bitter ernst, wenn er im Visavis der Industrie, einer virulenten Rationalisierung und Bürokratisierung, gegen eine moderne Sklavenmoral anschrieb und vermerkte, dass harte Arbeitsamkeit "die beste Polizei ist, dass sie jeden im Zaume hält und die Entwicklung der Vernunft, Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüsts kräftig zu hindern versteht".

Arbeit als Konstrukt

Dass die Arbeit einem ursprünglichen menschlichen Bedürfnis entspränge, ist kulturkonstitutive Ideologie des Westens. Spätestens seit den Anfängen der seriellen Produktion standardisierter Massengüter und der künstlichen Stimulierung des Konsums an der Schwelle zum 20. Jahrhundert ist offensichtlich, dass Arbeit in erster Linie sich selbst erzeugt. Und in den letzten beiden Dekaden stand ihr Sinn erneut zur Disposition. Eine industrielle Revolution auf der Basis von Nullen und Einsen sorgt für steigende Produktivität und technologische Arbeitslosigkeit in traditionellen Industriesparten, der digital-elektronisch gestützte Dienstleistungssektor weist ein beeindruckendes Wachstum auf und ist gleichzeitig einem beständigen Rationalisierungsdruck ausgesetzt. In welchem Ausmaß Arbeit ein kulturspezifisches und historisches Konstrukt ist, macht eine ebenso instruktive wie aufwendig illustrierte ikonographische Anthologie von Bildern der Arbeit sichtbar. Der Wuppertaler Soziologe Klaus Türk verschränkt darin kunst- und sozialhistorische Aspekte.

Historische Brüche und Kontinuitäten des Arbeitsbegriffs, wie die Ausdifferenzierung der Arbeit als eigenständiger sozialer Bereich im 15. Jahrhundert oder die bildliche Dominanz des männlichen Arbeitskörpers bis in die europäische Nachkriegszeit, werden durch wohl dosierten Text und starke visuelle Argumentation für ein auf Kultur- und Industriegeschichte spezialisiertes wie für ein nichtwissenschaftliches Publikum anschaulich gemacht.Gerade rechtzeitig für den Boom des Themas Arbeit auf dem Literaturmarkt wurden auch Pierre Bourdieus ethnologische Studien aus dem Algerien der frühen Sechzigerjahre übersetzt, durch ein aktuelles Vorwort Bourdieus aufgewärmt und mit dem marktgängigen Titel "Die zwei Gesichter der Arbeit" versehen. Trotz der Schwächen eines Autors, der am Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn steht, Schwächen, die sich bisweilen in umständlichen Formulierungen und einer überbetonten Soziologisierung von Sachverhalten äußern, ist diese Reanimation durchaus willkommen. Bourdieu untersucht das Aufeinanderprallen und Koexistieren zweier unterschiedlicher Wirtschaftssysteme: der traditionell bäuerlichen Gesellschaft der Kabylei einerseits, in der etwa Formen des symbolischen Tausches eine wichtige Rolle spielen, und moderner Wirtschaftsprinzipien als Exportgut des europäischen Kolonialismus andererseits. Interessant ist, wie der Ethnologe in seiner Untersuchung die beiden Ökonomien als Glaubenssysteme auffasst. Im Ausloten ihrer Unterschiede wird deutlich, dass es sich beim Homo oeconomicus um einen historischen Spezialfall handelt, für den fälschlicherweise eine ahistorische und universelle Gültigkeit behauptet wird.Völlig auf die Innovationsdynamik des digitalen Kapitalismus konzentriert sich ein "Kursbuch" zum Thema Arbeit, dessen Untertitel einen "Ausstieg aus der Jobholder-Gesellschaft" verkündet und nach dem "Start in eine neue Tätigkeitskultur" fragt. Im Vorwort verschreiben sich die Herausgeber im Jargon des trendigen Flexibilitätsgelabers aus dem Lifestyle-Journalismus ungeschminkt den Freiheitsverprechen der New Economy.

Die kritische Analyse beschränkt sich hier auf die pflichtgemäße Erwähnung von Reibungsverlusten der Modernisierung. Ökonomie wird gründlich entpolitisiert und die soziale Frage zur Ungleichzeitigkeit von Arbeitskulturen verflacht. Der Aufbruch aus dem Gefängnis der "planetary work machine" ist angesagt, ein Lob des kreativen Ungehorsams und der subjektiven Unverbindlichkeit angestimmt. Allerdings nicht, ohne pflichtschuldig das Wachstum der Informations- und Kommunikationsbranche zu bewundern und sie als "gut geölte Jobmaschine" zu bezeichnen. Deutlich sind die Anleihen bei der poststrukturalistisch-modischen Rede vom unbestimmten, fließenden Subjekt der Achtzigerjahre, mit der erzwungene Mobilität in selbstbestimmtes Nomadentum umgedeutet wurde. Die Metapher vom Flughafen als dem neuen Nicht-Ort der Postmoderne wird von den Herausgebern aufgegriffen und auf den "neuen Arbeitsnomaden" übertragen. Drei Überschriften, die "economyclass", "working class" und "business class" lauten, ordnen vierzig Aufsätze verschiedener Autoren, die dann allerdings die unterschiedlichsten Positionen zu den Erscheinungsweisen des digitalen Neoliberalismus einnehmen.

Zwischen Parolen wie "The home office gets funky" und "Proletarier aller Länder entspannt euch!" (Bob Black) mischen sich Einsprüche gegen die Flexibilisierungseuphorie, die vor allem von der alten Generation der philosophischen Linken wie Andre Gorz, Richard Sennett oder Oskar Negt vorgebracht werden. Dieses Patchwork aus Fortschrittspropaganda, ihrer harschen Kritik, differenzierten arbeitswissenschaftlichen Studien und einigen Porträts post-fordistischer Arbeitskrafttypen macht das Kursbuch dann doch zu einem interessanten Reader.

Quer durch die zahlreichen Neuerscheinungen zur Krise der Arbeitsgesellschaft lassen sich immer wieder zwei grundsätzliche Positionen auffinden: Während die zeitgenössischen Yuppie-Philosophien die Figur eines durchsetzungsfähigen Subjekts skizzieren, das als computerisierter Arbeitskraftunternehmer endlich seine libidinösen Energien zu nutzen versteht, möchten die alten Linken die Lohnarbeit durch eine gemeinschaftsorientierte Tätigkeitskultur, durch selbstverwirklichende "Eigenarbeit" oder eine "Bürgergesellschaft" abseits von Marktzwängen abgelöst sehen. Unthematisiert bleibt allerdings, wie gut sich beide Positionen miteinander vertragen, wie gut sich beide zur gesteigerten Nutzung der Ressource Mensch in der Industriemaschine eignen. Mindestens ebenso wichtig wie Computertechnologie sind dafür Technologien des Selbst mit einem Touch von Gemeinschaftssinn. Lesbar wird dies, wo die einschlägige Werbung arbeitswillige Subjektivität propagiert: "Be inspired!" heißt einer ihrer individualistischen Slogans, auf den die soziale Aufforderung "Stifte Frieden!" folgt.

Fritz Betz in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 34)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Kursbuch Arbeit (Jan Engelmann, Michael Wiedemeyer)
Bilder der Arbeit (Klaus Türk)

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