Die Erfindung des Balkans
Europas bequemes Vorurteil

von Maria Todorova, Josef Cap

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Verlag: Primus
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Maria Todorova dekonstruiert in "Die Erfindung des Balkans" jene negativen Vorurteile gegenüber dem europäischen Südosten, die das übrige Europa seit der Jahrhundertwende beharrlich tradiert.

Das Timing des Verlags war perfekt: Die deutsche Übersetzung von Maria Todorovas "Imagining the Balkans" (orig. 1997) erscheint zu einer Zeit, als der Südosten Europas wieder einmal im Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit steht. Nachdem im Frühjahr die NATO-Intervention auf dem Balkan die Weltöffentlichkeit beschäftigte, folgte im Sommer dieses Jahres der Stabilitätspakt – ein Versuch der so genannten internationalen Gemeinschaft, die ganze Region politisch umzugestalten und in absehbarer Zeit der EU anzuschließen.
Das Jahrhundert, das im weltpolitischen Sinne mit einer zum Ersten Weltkrieg eskalierten Balkankrise angefangen hat, musste mit dem ersten europäischen "Nachkriegskrieg" wieder auf der Balkan-Halbinsel enden. Was in diesem historischen Circulus vitiosus eingesperrt blieb und was Todorova zum Thema ihres Buches gemacht hat, ist der Balkan als das europäische kulturelle und politische Vorurteil par excellence.
Der gegenwärtige Balkanbegriff, erläutert die Autorin, ist aus dem Geist des Schimpfwortes entstanden – und zwar viel später, als man meint. Erst ab dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der Begriff "Balkan" negativ konnotiert: aufgrund politischer Morde wie jener von Aleksandar und Draga Obrenovic in Serbien (1903), welche unter britischen und österreichisch-ungarischen Royalisten als besonders abscheulich empfunden wurden; aufgrund der zwei blutigen balkanischen Kriege 1912 und 1913 und schließlich aufgrund des Attentats in Sarajevo und dem ihm folgenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Das prägte das Bild vom Balkan, das bis heute gilt – sein gesellschaftliches, politisches und kulturelles Leben entspräche einfach nicht den Standards der so genannten zivilisierten Welt: Er sei barbarisch, primitiv, gewalttätig, unstabil, unvoraussehbar, regressiv, rückständig. Obwohl geografisch von Europa nicht abtrennbar, wurde der Balkan kulturell als sein Anderes konstruiert, als seine "dunkle innere Seite". Zur Illustration dieses europäischen Vorurteils bedient sich Maria Todorova einer Fülle von dokumentarischem Material: Journalistische Quellen werden ebenso benützt wie die europäische Belletristik und akademische Studien. Egal, ob es sich um Reiseberichte oder diplomatische Dokumente handelt – Todorova findet eindrucksvollste Belege für ihre Thesen.
"Die Erfindung des Balkans" ist kein trockener akademischer Text. Gepackt von der scharfsinnigen Ironie der Autorin und ihrer erzählerischen Geschicklichkeit, ist der Leser versucht, einem weiteren Balkanstereotyp aufzusitzen: dem des berühmten balkanischen Charmes, der angeblich für jeden "richtigen" Europäer unwiderstehlich wirkt. Wesentlich ist aber vor allem der Anspruch dieses Buches, den heutzutage nur wenige wissenschaftliche Arbeiten teilen: Todorova fordert praktische Konsequenzen aus ihren Erkenntnissen. Nirgendwo kommt das so offen zum Vorschein wie in ihrer Stellungnahme zu den von ihr so bezeichneten "jugoslawischen Erbfolgekriegen".
Gemeint ist der noch immer aktuelle kriegerische Zerfall Jugoslawiens. Die Autorin widerspricht vehement dem geläufigen Argument, diese Kriege seien die Folge einer eingeborenen balkanischen Kriegs- und Gewaltneigung. Für Todorova ist es vielmehr die endgültige Europäisierung der Halbinsel, die in erster Linie für die rezenten Auseinandersetzungen verantwortlich gemacht werden muss. Denn die Gründung ethnisch homogenisierter Staaten ist keine exklusiv balkanische Idee. Es waren nämlich gerade die Europäer, die anlässlich der balkanischen Multikulturalität von dem "Handicap der Heterogenität" gesprochen haben – und die jetzt das tragische Schicksal des geteilten Bosnien und des zerstörten Sarajevo beweinen.
Der Balkanismus ist für Todorova nicht einfach eine strukturelle Variante des "Orientalismus", wie andere Autoren behaupten. Dafür führt sie etliche gute Gründe an: Der Balkanbegriff sei konkret und nicht so unbestimmt und nebelig wie jener des Orients; der Orientalismus sei eine Zuflucht vor den Entfremdungen der Industrialisierung, eine Metapher des Verbotenen, ja des Weiblich-Sensuellen. Am Balkanismus gäbe es kaum etwas Verbotenes oder Sensuelles. Er sei männlich, primitiv, grob, schmutzig; der Balkanismus sei ein Übergangskonzept, etwas, das noch nicht europäisch sei; die Selbstperzeption der balkanischen Völker sei nicht kolonial; der Orientalismus postuliere den Islam als das Andere, während der Balkanismus mit dem Christentum zu tun habe; der Orientalismus sei im Grunde genommen rassistisch, beziehe sich auf die Nichtweißen, während der Balkanismus die Weißen betreffe; die Identität des Balkans würde als Antagonismus zum Orient konstruiert.

Wenn es den Balkan nicht gäbe, müsste man ihn erfinden", schrieb 1928 Graf Hermann Keyserling. Bis zum heutigen Tag dient der Balkan Europa als eine Art Verwahrungsort für all jene negativen Eigenschaften, gegenüber denen es sein positives, selbstgefälliges "European Image" konstruieren konnte. Nichts entlastet das heutige Europa von seinem schlechten geschichtlichen Gewissen so sehr wie der böse Balkan. So schrieb Robert Kaplan in "Balkan Ghosts" (1993), dass "der Nationalsozialismus zum Beispiel balkanische Ursprünge vorweisen kann. In den Übernachtungsheimen Wiens, einer Brutstätte ethnischer Ressentiments ganz in der Nähe der südslawischen Welt, lernte Hitler so ansteckend zu hassen."
Europa hat aber nicht nur den Rassismus geschaffen, sondern auch einen Antirassismus, nicht nur die Misogynie, sondern auch den Feminismus, nicht nur den Antisemitismus, sondern auch seine Bekämpfung. Wann aber wird dieses Europa seinem eigenen Balkanismus einen Antipoden entgegensetzen? Das ist die Frage, die Todorova ihren europäischen Lesern zur Beantwortung offen lässt.

Boris Buden in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 25)


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