Das Lächeln der Henker
Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918

von Anton Holzer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Primus
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Unter seinem Galgen grinste Österreich

Anfang des Jahres lud der Falter Kuratoren und Forscher ein, Ausstellungskonzepte für Museen zu veröffentlichen, die ihre Aufgaben nur mangelhaft erfüllen. Der Fotohistoriker Anton Holzer nahm das Heeresgeschichtliche Museum unter die Lupe und urteilte: "Eigentlich müsste man es schließen." Unhinterfragt würden hier die Heldenmythen der Habsburger wiedergegeben. Nun legt Holzer eine Materialsammlung vor, die seinen Unmut begründet. Sie dokumentiert die während des Ersten Weltkriegs in erster Linie an der Zivilbevölkerung begangenen Verbrechen der k. u. k. Armee.
Im Zuge einer Anklage gegen einen bayrischen Wehrmachtssoldaten tauchten die Bilder erst kürzlich in den Zeitungen auf: Partisanen baumeln an den Ästen von Bäumen, die die Einfahrtsstraßen norditalienischer Städte säumen. Unbekannt ist, dass diese Bäume bereits 30 Jahre vorher als Galgen benutzt wurden. Holzer belegt dies mit Aufnahmen von tschechischen Legionären, die auf Seiten der Italiener kämpften, den Österreichern in die Hände fielen und als Verräter zum Tode verurteilt wurden. "Die Früchte der österreichischen Kultur in Italien", schrieb ein unbekannter Archivar auf das Bild eines gehängten Legionärs.

Als Trophäen von Soldaten aufgenommen oder als abschreckende Beispiele von der Armee in Umlauf gebracht konnten diese Fotografien sich auch gegen ihre Urheber richten. Der Schweizer Kriminologe Rodolphe Archibald Reiss prangerte anhand von Hinrichtungsszenen in Serbien, die als Bildpostkarten Verbreitung fanden, die Verbrechen der Österreicher und Ungarn an. "Erkennen sie denn nicht, dass diese Dokumente eine gewaltige Anklage gegen das barbarische Vorgehen dieser Leute bilden?"
"Der Krieg gegen die Zivilbevölkerung ist kein Randphänomen", schreibt Holzer. "Er bildete die Kehrseite des Krieges." Zum ersten Mal in der Geschichte geraten im Ersten Weltkrieg Bauern, Priester und Bürger zwischen die Fronten. Tausende von Männern, Frauen und auch Kindern werden vor allem im Osten und Südosten Europas hingerichtet, ohne Prozess und Verteidigungsmöglichkeit. Die Hinrichtung am Galgen galt in der Militärjustiz als angemessene Strafe für "Spione" und "Verräter". Holzer legt dutzende Fotos vor, die das wahllose Morden belegen.
Warum das Bild eines harten, aber dennoch sauberen Kriegs sich bis heute erhalten hat? In den 30.000 Aufnahmen der k. u. k. Propagandaabteilung fand Holzer kein einziges Foto, das dem "anständigen" Image der Armee widerspricht. Fündig wurde er in osteuropäischen Archiven, wo die Fotografien nach Kriegsende als Beweisstücke für die brutale Kriegsführung der Mittelmächte zusammengetragen wurden. Dennoch war der Historiker auf andere Quellen wie Briefe, Erinnerungen und Romane angewiesen, um die Geschichte dieser Bilder zu rekonstruieren, denn in der eigenen Zunft wurde das Thema ausgespart. Die Fotos verschwanden in privaten Fotoalben und wurden damit unsichtbar.
Nach 1945 geschah ein weiterer Verdrängungsschub. "Die Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg wurden durch die Masse an Kriegsbildern aus dem Zweiten Weltkrieg überlagert", schreibt Holzer.

Ausführlich geht Holzer auf Karl Kraus als Historiker ein. Als einer der Ersten beschäftigte er sich nach dem Krieg mit der Gewalt dieser Bilder. Er wählte ein Hinrichtungsfoto als fotografisches Frontispiz für sein Anti­kriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit" (1919/22). Es zeigt den italienischen Irredentisten Cesare Battisti nach seiner Hinrichtung am 12. Juli 1916 in Trient.
Kraus erkennt im Grinsen des Henkers und der sich ins Bild drängenden Personen eine perverse Schaulust. Holzer fand zahlreiche Fotos von der Szene, Schnappschüsse vom Sterben. Unberührt vom Geschehenen, grinsend und triumphierend, posieren auch in Galizien und Serbien Soldaten und Zivilisten neben den Galgen. Gewalt und Kamera fanden auf unheimliche Weise zueinander.
Holzer versucht am Ende seines Buches plausibel zu machen, dass die von ihm gesammelten Hinrichtungsfotos nicht nur historischen Wert besitzen. Fotografische Gewaltbilder üben heute einen sexuellen Reiz aus, mehr denn je.
Die Folterbilder aus dem Militärgefängnis von Abu Ghraib etwa entstanden als voyeuristische Beutestücke, ehe sie sich als Beweismittel gegen ihre Urheber richteten. Die Gewaltvoyeure bekommen ihren Stoff nicht mehr mit der Feldpost geliefert, sondern finden ihn im Internet.

Matthias Dusini in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 50)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb