Noch ein Glas mit Pan Tadeusz
Krakauer Geschichten

von Michael Zeller

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Verlag: ars vivendi
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2000

Ein Jahr lang lebte Michael Zeller in Krakau, der polnischen Kulturmetropole, und war dort Tag für Tag unterwegs. Er hat den Alltag in dieser alteuropäischen Stadt miterlebt, hat Menschen aus den verschiedensten Milieus getroffen und nun ein buntes Kaleidoskop bewegter Bilder und bewegender Momente vorgelegt. Egal, ob Michael Zeller führende Politiker im Wahlkampf beobachtet oder radikalen Randalierern am Nationalfeiertag nachspürt, ob er Papst Johannes Paul II. bei der Pastoralvisite in seiner alten Heimat begleitet oder vom Auftritt der Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska in Krakau erzählt – immer fühlt sich der Leser mit in das Geschehen und in diese wunderbare poetischen Impressionen hineingenommen, in denen die langen Schatten der Vergangenheit ebenso zu Tage treten wie Polens reiche Kulturgeschichte. Michael Zeller, 1944 in Breslau geboren, lebt als freier Schriftsteller in Wuppertal. Bis 1984 war er Universitätsdozent für Literatur. Er wurde für sein vielgestaltiges literarisches Werk mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2008 mit dem 'Von-der-Heydt-Kulturpreis' der Stadt Wuppertal.

Rezension aus FALTER 42/2000

Polens Geschichte ist vom vergeblichen Ringen um die Würde des Einzelnen gezeichnet wie die Geschichte kaum eines anderen europäischen Landes. In den Krakau-Geschichten von Michael Zeller geht es um all das: um Polens Anteil am Erbe Europas; um Kopernikus und das Ende kirchlicher Allmacht; um die dreimalige Teilung des Landes; um das verzweifelte Konstrukt des Nationalstaates, einer vermeintlich menschenfreundlichen Alternative zu den Fürstenhäusern; um Auschwitz; um das leidvolle Kapitel der Vertreibung.
Michael Zeller ist ein weitgehend unbekannter Schriftsteller, der seine Universitätskarriere im bayerischen Erlangen gegen das Abenteuer des freien Autorenlebens eingetauscht und mithilfe eines Stipendiums ein Jahr im Land seiner Herkunft verbracht hat. In "Noch ein Glas mit Pan Tadeusz" führt ihn seine Spurensuche ins Krakau der Neunziger. Er schleicht sich in ein Schriftstellerhaus zur Nobelpreisfeier für Waszla Szymborska ein; oder sucht vergeblich nach einer Ersten-Mai-Feier, um hernach in einem disziplinierten Stimmungsbericht zu zeigen, wie sich die Geschichte kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhanges fortschreibt. Die Frage nach der Ersten-Mai-Feier löst nur größte Verlegenheit aus: "Nein, in Krakau gäbe es keine Kundgebung zum Ersten Mai. Vielleicht habe im letzten Jahr eine stattgefunden, er wisse es nicht mehr genau . Hier sei eine Demonstration der Rechten angekündigt, der Republikanischen Liga, am Rynek, vormittags - wenn ich mir das unbedingt antuen wolle "
Lieber nicht. Es ist belastend genug, Zellers soziopsychologisch interessierte Seelenanalyse ehemaliger Zwangsgenossen folgen zu müssen. Der Autor der Krakau-Geschichten ist ein literarischer Realist, und die Realität Polens ist nun einmal keine besonders freundliche.Von Gleiwitz aus (wo sich die aus Lemberg vertriebene Familie Zagajewski 1945 niederlässt) führt derin der Pariser Emigration lebende Dichter Zagajewski durch bildungsgeschwängerte Aphorismen, philosophische Reflexionen, erinnerte Bilder und Anekdoten in die Kulturhauptstadt Polens: In Krakau besiegt er seinen inneren Schweinehund und lässt sich so weit auf den verhassten Kommunismus ein, dass ihm ein Universitätsstudium möglich ist. Zagajewskis Biografie ist typisch für einen freidenkerischen Intellektuellen des ehemaligen Ostblocks. Die Hoffnung, sein Stimmungsbild aus dem bleischweren Polen der Sechziger- und Siebzigerjahre würde Erkenntnisse des Lesers befördern, trügt allerdings. "Unsere Verschwörung", so Zagajewski, "hatte keinen politischen Charakter, sie reichte über die Politik hinaus; hier ging es um eine wahrhaft kosmische Dimension."
Die Experten für polnische Dichtung und Zeitgeschichte, denen Zagajewski nichts mehr über den inneren Widerstand in Polen erzählen muss, werden nachdenklich die Köpfe wiegen, wer mit den politischen Details der beschriebenen Zeit nicht näher vertraut ist, der läuft Gefahr, sich in Zagajewskis monoton aneinander Episoden gereihten zu verlaufen.Schade, denn die Gedichte, die Zagajewski berühmt gemacht haben, sind so griffig und klar wie Michael Zellers Geschichten. "Ich bin wohl ein gewöhnlicher Bürgerrechtler, das Wort Freiheit verstehe ich ohne klassenspezifische Einschränkungen ich weiß, wie herrlich das ist mit anderen mitzulaufen; danach bleib ich allein, den Geschmack der Asche im Mund, und spür meine Schläfen unter den Fingern, die Schädelwölbung, des Vaterlands hartes Ufer."(Aus dem von Karl Dedecius herausgegebenen und übersetzten, bei Hauser 1989 erschienenen Band "Gedichte")

Martin Droschke in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 6)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ich schwebe über Krakau (Adam Zagajewski, Henryk Bereska)

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