Im Osten – Neue Musik Territorien in Europa
Reportagen aus Ländern im Umbruch

von Susanna Niedermayr

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Pfau-Vlg
Genre: Musik/Musikgeschichte
Erscheinungsdatum: 13.02.2003

Rezension aus FALTER 3/2003

Die beiden Ö1-Mitarbeiter Susanna Niedermayr und Christian Scheib haben sich im Zuge ihrer Recherchen für die Radioreihe "Nebenan" durch Aussagen wie diese daher keineswegs beirren lassen und allenfalls ein wenig tiefer gebohrt. Ihre vielseitige Vermittlerfunktion - im Rahmen der Sendung "Zeitton", als Betreuer der "line-in@rhiz"-Konzertschiene und als Verfasser von musikalischen Stadtreportagen für die Musikzeitschrift Skug, die nun auch als Buch erschienen sind - zielt im Grunde nur auf eines ab: Werbung zu machen für Musik aus osteuropäischen Ländern, die im tagtäglichen Musikbetrieb zwischen Pop und Avantgarde momentan so gut wie gar nicht vorkommt.

Dabei ist ein kulturelles Zusammenrücken von Ost und West anlässlich der anstehenden EU-Osterweiterung ohnedies unumgänglich, wie Susanna Niedermayr ausführt: "Das Interesse des Westens war unmittelbar nach dem Ende des Ostblocks sicher größer. Der Austausch beginnt erst jetzt wieder vermehrt stattzufinden. Uns geht es darum, diese Prozesse anzukurbeln, denn schon bald haben wir ein großes Europa - und spätestens dann sind Zuschreibungen wie Ost und West sowieso obsolet."

Bei ihren Reisen in Länder wie Ungarn, Slowenien, Kroatien, Polen, Bulgarien oder eben die Slowakei konnten die beiden Journalisten feststellen, dass es auch dort eine beachtliche musikalische Breite und stilistische Vielfalt gibt. Von obskurer Improvisationsmusik über strengen HipHop bis zu Hardcore-Elektronik entsteht viel hörenswerte Musik, die es aufgrund fehlender Kontakte und Vertriebsnetze in der Regel jedoch nicht über die Grenzen des Ursprungslands hinaus schaffen. Wobei Ausnahmen wie der slowenische Technostar Umek oder der letztes Jahr im Rahmen von "line-in@rhiz" gastierende und seitdem fast ständig tourende ungarische Elektronikact Tigrics (der Falter berichtete) beweisen, dass es eben doch geht - vorausgesetzt eben, dass man seine Fühler nur weit genug ausstreckt und auch wirklich Hochwertiges und Eigenständiges zu bieten hat.

Stichwort Originalität: Nach mittlerweile mehrjähriger Erfahrung teilt Niedermayr osteuropäische Musiker in drei Gruppen ein. "Zunächst gibt es die Kopisten, die zum Beispiel Aphex Twin perfekt nachahmen. Einerseits ist das musikalisch nicht wirklich interessant, aber Kopistentum nur als Vorwurf zu verstehen, ist auch absurd, denn das hat es schon immer und überall gegeben. Dann gibt es die Folklorebewegung, die ,back to the roots' geht, was sich vor allem aus der wirtschaftlich sehr schlechten Situation erklären lässt. Solche Leute versuchen, im Westen mit dem Exotenbonus zu reüssieren. Und schließlich finden sich auch genügend Künstler, die einen ganz eigenen Weg gehen - interessanterweise gehören die aber fast alle zur älteren Generation."

Was wohl damit zusammenhängt, dass die jungen Musiker durch Musikfernsehen und Napster bereits in einem globalisierten Musikdorf aufgewachsen sind und mit MTV-Pop dementsprechend vertraut sind, ihre eigene Kultur aber kaum kennen. Das gilt für alle Ostländer im gleichen Ausmaß. Unterschiede wurden für Niedermayr jedoch dort bemerkbar, wo sich Musiker auf die heimische Tradition berufen: "In Bulgarien klingt es dann schnell orientalisch, während die Slowakei immer schon sehr westlich war. Die Bulgaren können auch mit unseren Begriffen wenig anfangen: Als wir experimentelle Musik hören wollten, haben sie uns ganz schlechten Kommerz vorgespielt. Experimentelle Musik nennt man dort das, was sich schlecht verkauft, eben weil es schlecht ist."

Ganz anders ist, wie gesagt, die Situation in der Slowakei, der der nächste musikalische Abend im rhiz gewidmet ist. Im nahen Bratislava wurde schon in den Achtzigerjahren begierig die in der progressiven Ö3-"Musicbox" gespielte Musik rezipiert. Von dieser beeinflusst hat etwa Martin Burlas, eine der Zentralfiguren der slowakischen Szene, seinen Eigenbrötlerpop entwickelt. Abgesehen von einer seit Jahrzehnten ungebrochenen Improvisationstradition sind vor allem die junge Technoszene um das Label Olga+Jozef und der U-Club hervorzuheben, dessen Besuch einen kleinen Wochenendausflug wert ist. Wie dieser und fast alle wichtigeren Acts ist auch das in Wien gastierende Elektronik-Duo p00 in Bratislava ansässig: junge Herren, die mit Musik von Autechre und dem Mego-Label aufgewachsen sein dürften und im Elektronik-Tempel am Gürtel entsprechend gut aufgehoben sind.

Sebastian Fasthuber in FALTER 3/2003 vom 17.01.2003 (S. 61)


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