Höllenangst

von Frank Goyke

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Verlag: be.bra
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Peter Michalzik erzählt in seiner von Suhrkamp beanstandeten Biografie das Leben Siegfried Unselds als Vater-Sohn-Drama eines Mannes, der mehr sein will, als er ist.

Ludwig Pilgrim ist tot. Der große Verleger in Martin Walsers umstrittenem Roman "Tod eines Kritikers" starb sang- und klanglos als Nebenfigur. Manche Kritiker wollten in dieser Gestalt den realen Siegfried Unseld erkannt haben und fanden dieses Spiel Walsers besonders geschmacklos. Denn Unseld war, als der Roman erschien, schwer erkrankt und konnte sich zur Debatte nicht äußern. Dass es nur wenig Gemeinsamkeiten zwischen Ludwig Pilgrim und Siegfried Unseld gibt, störte die Kombattanten ebenso wenig wie die Tatsache, dass Walser seinen Roman schon vor der Erkrankung Unselds beendet hatte. Unseld habe den Text als Erster gelesen und ihn als "Meisterwerk" bezeichnet, beteuerte Walser. Unseld habe Einwände gehabt, munkelten andere. Der Journalist Peter Michalzik schließt sich nun der zweiten Lesart an. Er hat ein Buch mit dem schlichten Titel "Unseld" vorgelegt, das mit dem Skandal um Walsers Roman endet. Der kranke Siegfried Unseld kann sich auch dazu nicht äußern, weil er nichts von den Aufregungen um ihn herum mitbekommen darf.

Stattdessen hat der Suhrkamp Verlag an sämtliche Redaktionen des Landes eine lange Liste der Irrtümer, Schlampigkeiten und Fehler verschickt, die dem Autor unterlaufen sind. Dabei hatte Suhrkamp die Vorgangsweise, ein Buch schon vor seinem Erscheinen zu kritisieren, ein paar Monate zuvor noch mit gutem Grund abgelehnt, als es um den "Tod eines Kritikers" ging. Bei den Beanstandungen handelt es sich zwar überwiegend um Kleinigkeiten und Detailkrämerei - ob Uwe Johnson und Günter Eich nun am ersten oder am zweiten Verlagsabend der Buchmesse 1959 lasen, ist nicht wirklich entscheidend; trotzdem untergräbt die Erratasammlung den Gebrauchswert des Buches als Dokumentation, die gerade auf das Faktische und den Materialreichtum Wert legt. Man wird den Eindruck nicht ganz los, dass damit ein Autor, der ins Allerheiligste der bundesdeutschen Literaturgeschichte vorgedrungen ist, nun vom Kirchenpersonal abgestraft und aus den heiligen Hallen wieder hinausgeworfen werden soll.

Dabei ist Michalziks Darstellung keineswegs respektlos. Er hat lediglich versucht, Geistesgeschichte in Augenhöhe und ohne den üblichen Orgelton der Ehrfurcht zu beschreiben. Dass der Verleger dabei weniger als Visionär denn als gewitzter Geschäftsmann erscheint, mag Nachlassverwaltern missfallen, ist aber durchaus zu diskutieren.

Lesern, die die Suhrkamp-Liste nicht kennen, die aber auf Faktentreue Wert legen, muss nun von der Lektüre des Buches abgeraten werden. Oder sie lesen es als das, was jede Biografie im Grunde ist: als fiktionales Gebilde mit konstruierten Zusammenhängen, die im Rückblick dann ein Leben ausmachen. Als Roman betrachtet, hat Michalziks Buch durchaus seine Stärken. Zu verstehen wäre er dann als Psychogramm eines Helden, der stets versuchte, "mehr zu werden, als er ist oder war". Darin sieht Michalzik "die zentrale Bewegung, das Motiv dieses Lebens", aus dem er eine griechische Tragödie macht, die vom Vaterverlust über die Vatersuche bis zum Drama des alten Mannes reicht, der seinen Sohn verstößt.

Unselds Vater war Verwaltungsbeamter in Ulm, ein strenges Familienoberhaupt, NSDAP-Mitglied und in der Reichspogromnacht von 1938 aktiv an der Zerstörung von Synagogen beteiligt. Dafür wurde er in der Nachkriegszeit angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auf seine Schuld wurde in der Familie mit Scham und Schweigen reagiert. Siegfried Unseld brachte es im Jungvolk der Hitlerjugend immerhin zum "Stammführer", der das Kommando über 600 Jungen hatte. Der Vater starb 1951, wenige Tage nachdem der Sohn mit einer Arbeit über Hermann Hesse die Promotion erfolgreich abgeschlossen hatte. Das ergibt eine schöne Pointe für den Biografen: Der Sohn, groß und stark, tritt ins Leben hinaus, während der einst so mächtige Vater am Boden liegt.

Doch mit dem Tod ist man den Vater nicht los. Michalzik versteht Unselds rastloses Erfolgsstreben als fortgesetzte Vatersuche und führt Hermann Hesse als den wohl wichtigsten seiner Ersatzväter ein. Ohne Hesses Fürsprache wäre Unseld wohl kaum Nachfolger Peter Suhrkamps geworden. Der Suhrkamp Verlag war von Anfang an eine Glaubensgemeinschaft, so wie sie Hesse in seinem Roman "Das Glasperlenspiel" imaginiert hatte. Michalzik bezeichnet das "Glasperlenspiel" treffend als inoffizielles Gründungsmanifest des Suhrkamp Verlages, als "das Buch für alle, die sich in trüben Zeiten in eine bessere Welt zurückziehen wollten".

Die Geschichte des Suhrkamp Verlages ist aber keine Geschichte des Rückzugs, sondern eine unglaubliche Erfolgsgeschichte ökonomischer Expansion und geistiger Hegemonie. Wo linke Intellektuelle in den Sechzigerjahren gegen die Kulturindustrie zu Felde zogen, dort richtete Unseld sich häuslich ein - ohne doch die Ansprüche eines Elitebewusstseins zu verraten. Als Vertreter der so genannten Flakhelfer-Generation war er Teil der "vaterlosen Gesellschaft", als die sich die 68er verstanden, und war doch zugleich ein Repräsentant des Establishments, der als Vaterstellvertreter bekämpft werden musste. Unseld war unangreifbar, weil sein Verlag die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit als zentrale Aufgabe begriff. Einen Autor wie Paul Celan setzte er auch gegen den Widerstand seiner Lektoren durch. Und er unterstützte es, dass die edition suhrkamp zum Synonym für linke Theorie wurde, auch wenn er selbst nicht unbedingt ein Linker war. Schon 1973 prägte der Literaturprofessor George Steiner das Wort von der "Suhrkamp-Kultur", das seither in keiner Werbebroschüre des Verlages fehlen darf.

"Ohne Sohn" nennt Peter Michalzik das letzte Kapitel. Die Überschrift verweist auf das ungelöste Problem der Nachfolge in den Neunzigerjahren. Der Verleger ist nun vor allem mit der Musealisierung seiner selbst beschäftigt. Fast gespenstisch wirkt die Szene, in der er seinen Biografen in den Keller seiner Frankfurter Wohnung führt, wo hinter einer Eisentür in einem feuergeschützten Bunker über 12.000 Bücher lagern - alle Bände, die jemals bei Suhrkamp erschienen sind. Unselds Lebenswerk ist zum Denkmal geworden. Doch wie soll es weitergehen? Dass er "ohne Sohn" ist, hat Unseld sich selbst zuzuschreiben. Sein Sohn Joachim, den er von klein auf dafür ausgebildet hatte, eines Tages den Verlag zu übernehmen, arbeitete bereits in verantwortlicher Position und war mit weitgehenden Vollmachten und Anteilen ausgestattet. 1989 drängte er massiv danach, die Nachfolge offiziell anzutreten. Doch der Vater wollte nicht weichen. Es kam zum Bruch. Seither ist Unseld damit beschäftigt, Ersatzsöhne zu finden. Michalzik referiert die Auf- und Abtritte von Arnulf Conradi, Thedel von Wallmoden, Christoph Buchwald und schließlich den Aufstieg des Verlagsleiters Günter Berg, ohne dabei Neues zutage zu fördern. Das Ende muss offen bleiben. Unseld lebt, im Unterschied zu Ludwig Pilgrim, und Lebenden darf man nicht zu nahe treten.

Trotz der vorweggenommenen Widerlegungen aus dem Suhrkamp-Archiv lohnt Michalziks "Unseld" durchaus die Lektüre. Das Buch ist für eine Biografie vielleicht etwas zu kleinteilig geraten, und für einen Roman fehlt ihm der große Atem. Doch man erfährt eine Menge über das Personal und die Auseinandersetzungen im geistigen Zentrum der alten Bundesrepublik und über einen Mann, den man sich so oder auch ganz anders vorstellen kann.Jugendkriminalität im Zeichen des 11. September 2001. Holger Biedermann erzählt in seinem Hamburg-Krimi "Von Ratten und Menschen". Es geht um die panische Angst vor Menschen, die dem Islam angehören, und um Crash-Kids wie George, der bei einer schweren Alkoholikerin aufwuchs, oder Lennie, der vom Pflegevater nach Stundenplan vergewaltigt wurde. Nun sind die Jungs zu Mördern geworden. Die Kripo findet die Leiche ihres Opfers, des Sozialarbeiters Nowitzki. Und im Lauf der Fahndung muss auch einer der Täter sterben. Biedermann, brutal wie John Steinbeck, auf dessen Roman "Von Mäusen und Menschen" sein Debüt basiert, empfiehlt Lennie, der eiskalten Gesellschaft durch die einzige Luke zu verlassen, die ihm offen steht: den Selbstmord. Denn Menschen wie Lennie haben im Gerangel des Neoliberalismus keine Chance zu bestehen. Zumal wenn ihr Sozialarbeiter die Ausbeutung ihrer Eltern hemmungslos fortsetzt. Die oben leben, treten nach unten, von Umverteilung der Chancen kann keine Rede sein. Traurig, aber wahr. In einem anderen Sinne traurig ist das neue Buch von Frank Goyke. Er wäre gern KZ-Wächter, erklärte die eitle Diva of Berlin-Crime dereinst der Stadtillustrierten Zitty, denn als solcher könne er mit jüdischen Jungen tun, wonach ihm verlangt. Alle mit lockerer Feder geschriebenen Berlin-Krimis Goykes werben um Begeisterung für Sex mit pubertierenden Knaben. Selbstverliebt spielt "Höllenangst" mit der von den Vorgängern genährten Ahnung, dass erneut für mehr Lust auf Missbrauch geworben wird. Eine falsche Fährte führt Kommissar Kölling in ein illegales Bordell, in dem der Tote höchstwahrscheinlich etwas mit liebeswilligen Ministranten hatte. Die Fährte ist rhetorischer Selbstzweck und kompositorisches Zentrum zugleich. Goyke will nämlich selbst dann pädophiles Naschwerk auftischen, wenn gar kein Bube in seinen Krimiplot verwickelt ist.

Jörg Magenau in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 3)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Von Ratten und Menschen
Unseld (Peter Michalzik)

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