Der Fall Bremen

von Dragan Velikic, Bärbel Schulte

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ullstein
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

In seinem Roman "Der Fall Bremen" sucht der serbische Autor Dragan VelikicŽ nach Stabilität inmitten der Unruhe des Emigrantendaseins.

Vielleicht ist es ja nur "balkanische" Nachlässigkeit, vielleicht steckt aber auch ein tieferer Sinn dahinter. Im Verkehrsnetz von Belgrad sind Busse unterwegs, die so tun, als würden sie gar nicht durch Belgrad fahren. Es handelt sich um Geschenke aus Deutschland und Österreich, die der Stadtverwaltung nach dem Sturz von Slobodan MilosevicŽ im Oktober 2000 als Starthilfe spendiert wurden. Auch Graz schickte ausrangierte Fahrzeuge. Niemand machte sich die Mühe, die Displays zu ändern, also gibt die Linie 65 weiter vor, den Stadtteil "Puntigam" zum Ziel zu haben. Rein sinnbildlich könnte das bedeuten, dass die Belgrader in diesen Bussen zwar tagtäglich brav zur Arbeit oder nach Hause fahren, im Geiste aber dorthin unterwegs sind, wo sie angesichts der tristen sozialen und wirtschaftlichen Lage in Serbien ohnehin hinwollen: in deutsche oder österreichische Vorstädte. Mit Dragan Velikic hat diese Beobachtung nun in zweifacher Hinsicht zu tun. Zum einen kehrte auch er seiner Heimat vorübergehend den Rücken: Am ersten Tag des NATO-Bombardements verließ er Belgrad in Richtung Budapest, um in der Folge nach Wien, Bremen, Wiepersdorf und München weiterzuwandern. Mit ihm, einem führenden Kopf der unabhängigen Wochenzeitung Vreme (1991 – 1996) und des dem regimekritischen Radiosenders B 92 angeschlossenen Verlags, trat ein weiteres Mitglied jener serbischen Intelligenz den Rückzug an, der sich dem Kampf für ein demokratisches und weltoffenes Jugoslawien verschrieben hatte. Zum anderen ist die Topographie für das literarische Werk von Dragan VelikicŽ von zentraler Bedeutung. Schon in "Via Pula", "Dante-Platz" oder "Der Zeichner des Meridian" (alle Wieser-Verlag) verwendet der 1953 in Belgrad geborene und in Pula (Istrien/Kroatien) aufgewachsene Autor seine Figuren dazu, um den Orten, an denen sie leben, lieben, leiden und sterben, ein Gesicht zu geben. Das 89 Jahre dauernde Leben des Straßenbahners Emil Kohot dreht in Subotica, Prag, Budapest, Wien und Belgrad seine Runden. Kohot ist nur ein Vertreter dreier Generationen von Emigranten, deren Schicksale VelikicŽ verwebt. Er erzählt auch von Ivan Bazarov, der mit seinem absoluten Gehör selbst die Geräusche von Szenen auf alten Ansichtskarten wahrzunehmen vermag und seine erotischen Träume in einer Lebkuchendose versteckt; sein imaginärer Harem besteht aus kleinen Namenskärtchen, deren Betrachtung ihm Kraft zur Onanie verleiht. Zuneigung erfährt er im Umgang mit der um zwanzig Jahre älteren Geschichtslehrerin Olivera Ermolenko, die schon seinen Vater Igor, Sohn eines Klavierstimmers, liebte. Igor war im Zweiten Weltkrieg im Lager Stalag 42 bei Bremen interniert, das letzte Lebenszeichen kam zwei Monate vor Kriegsende. In Ivans Kopf existiert Igor als Pianist auf einem Ozeandampfer weiter, der von Bremerhaven aus nach Amerika ausläuft. Die Stelle des Vaters nimmt aber schließlich der Tramfahrer Kohot ein, womit Ivans Gedankenspielereien ein Ende finden.

Mithilfe dieser und anderer miteinander verbundener Charaktere errichtet VelikicŽ ein Labyrinth, in dem zwar eine Reihe von Leitmotiven als Wegweiser dienen, das zu erforschen aber seine Zeit braucht. Zumal die Gefahr groß ist, hin und wieder verloren zu gehen. Darin verborgen sind auch kleine Gemeinheiten wie die Figur des Schaffners Marcel Karasek, der sein Stottern zu überspielen versucht, indem er Wörter, die er nicht auszusprechen vermag, durch andere ersetzt. Auf diese Weise sagt er nie, was er tatsächlich meint. Ein Seitenhieb auf Hellmuth Karasek, der den Roman "Dante-Platz" im "Literarischen Quartett" verriss, wobei VelikicŽ in Erfahrung gebracht haben will, dass Karasek das Buch ohnehin nie gelesen hat. Gemeinsam ist den Figuren im "Fall Bremen" die innere Rastlosigkeit des Emigrantendaseins, das bei manchen – wie etwa Emil Kohot – durch pedantische Disziplin wettgemacht wird: "Morgengymnastik, zehn Zigaretten täglich, zwei Glas Rotwein zum Mittagessen, ein Joghurt und ein Hörnchen zum Abendbrot. Das Ungewöhnliche am Leben unseres Emil Kohot bestand darin, dass er sein geregeltes Leben in fünf Staaten führte, vier Sprachen sprach und dreimal heiratete." Diese Suche nach Stabilität inmitten der von Politik und Schicksal aufgezwungenen Unruhe dürfte auch VelikicŽ erfasst haben. Auch er scheint einen Sitzplatz in der Tramway des Lebens zu suchen. "Der gute Geist der Wiederholung", schreibt er, "sichert jedem Geschöpf einen ewigen Aufenthaltsort: dem Eichhörnchen den Wald, dem Schaffner den Zug."

Edgar Schütz in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 14)


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