Die Stärkeren
Bericht aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern

von Hermann Langbein, Franz R Reiter

€ 22,00
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Verlag: Ephelant Verlag
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 44/2014

"Ich kenne doch die SS"

"Ich krieche unter dem Zug durch, unter dem nächsten auch. Ich bin allein." Hermann Langbein glaubte, er sei dem KZ entkommen. Irrtum: "‚Was suchen Sie da?' Plötzlich steht ein Unterscharführer vor mir. ‚Dort gibt's Zigarren!' Ich zeige hinunter. Und weg ist er. Ich kenne doch die SS." Erst da war er dem KZ wirklich entkommen.
Alfredo Bauer ist den Nazis 1938 nach Argentinien entwischt (siehe große Rezension), Langbeins Leben nahm eine andere Abzweigung. Der Wiener Kommunist Langbein kämpfte in Spanien gegen Franco, flüchtete nach dessen Sieg nach Frankreich, von wo er 1941 nach Deutschland ausgeliefert wurde und ins KZ kam. In seinem autobiografischen Buch "Die Stärkeren" schildert er das Leben in der Nazi-Haft, freilich anders, als man vielleicht glauben könnte.
Langbein war im KZ führendes Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe, die sich im Lager gegen die Nazis organisierte, was sich auf jeder Seite wie ein Politthriller liest. Kurz vor Kriegsende gelang dem 1995 verstorbenen Wiener die Flucht; ein später Triumph über das NS-System. Kommunist blieb er nach dem Krieg übrigens nicht lange, aber das ist eine andere Geschichte.

Wolfgang Zwander in FALTER 44/2014 vom 31.10.2014 (S. 19)


Rezension aus FALTER 52/2008

Ich bin in dieser Zeit oftmals nicht gestorben

Die Stärkeren" nannte Hermann Langbein programmatisch seinen "Bericht aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern", den er bereits Ende 1947, keine drei Jahre nach seiner Flucht aus dem KZ Neuengamme, geschrieben hatte, und der jetzt vom Wiener Ephelant-Verlag neu aufgelegt wurde. Kaum einer hätte sich nach den Jahren im Konzentrationslager, nach der Hölle von Auschwitz als "stark" bezeichnet. Die meisten, die davongekommen waren, litten viele Jahre, meist ihr ganzes weiteres Leben lang an den seelischen und körperlichen Verwundungen, die ihnen das Terrorsystem des Nationalsozialismus zugefügt hatte. Und sie konnten unmittelbar nach der Befreiung auch nicht darüber berichten. Sie brauchten alle Kraft, um ein neues Leben aufzubauen, ohne ihre Eltern, Partner, Kinder und Freunde, die umgekommen waren.

Langbein aber war Spanienkämpfer gewesen und hatte sich im Kampf gegen die Franco-Faschisten gemeinsam mit seinen Genossen die Identität eines stolzen, unbeugsamen und widerständigen Kämpfers gegeben. Im Jahr 1933, als 21-Jähriger, war er der Kommunistischen Partei beigetreten, hatte den politischen Kampf gegen die Austrofaschisten mitgeführt, war mehrfach eingesperrt gewesen und hatte sich dann dem "12. Feber Bataillon" in Spanien angeschlossen. 1939, als der Kampf gegen Franco verloren war, flüchteten die Mitglieder der Internationalen Brigaden nach Frankreich, wo sie in Anhaltelagern interniert wurden.
Schon dort zeigt sich, dass die Kommunisten aus ihrem Selbstverständnis der unbedingten Solidarität heraus am besten imstande waren, das Lagerleben zu organisieren und die Lebensbedingungen, soweit das denn möglich war, zu verbessern. Im Lager Gurs, nahe den Pyrenäen, gründen sie eine "Österreichische Volkshochschule", um ihrem jungen Leben einen Sinn zu geben und versäumte Bildung nachzuholen. Keiner flüchtete individuell, weil keiner die anderen im Stich lassen wollte. "Wir sind die Interbrigadisten, wir sind stolz darauf, jetzt vielleicht noch mehr als früher. Und so bleiben wir zusammen und keiner flieht." Welche Worte, 1940 gedacht. Lassen sie sich heute, in einer entsolidarisierten Gesellschaft, noch verstehen? Langbein, um das vorwegzunehmen, ist 1956, nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands, aus der Kommunistischen Partei ausgetreten. In 20 Jahren hatte sich die Illusion von einer besseren Welt zum Drama des Stalinismus gewandelt.
Im April 1941, Frankreich war zur Hälfte von Deutschland besetzt, wird Langbein zunächst in das Konzentrationslager Dachau, später nach Auschwitz verschleppt. Jetzt beginnt der vollkommen entmenschte, industrialisierte Terror.
Stark muss man sein, um da den "Stärkeren" noch zu folgen. Langbein wird zum Schreiber in der Krankenstube von Auschwitz und hat Karteikarten über die Ermordeten zu führen. Für jeden, der vergast und anschließend verbrannt wird, muss er eine harmlose Todesursache eintragen. Er hat "natürliche" Gründe zu erfinden, wie Herzinfarkt, Unfall oder eine tödliche Krankheit, und er hat darauf zu achten, dass nicht ein und dieselbe Ursache zu oft vorkommt.

Mehrere Schreiber arbeiten Tag für Tag daran, die Ermordung von Tausenden umzudefinieren. Langbein wird auch Zeuge grausamer medizinischer Experimente: "Das ,Spritzen' geht so vor sich: Die Betreffenden werden in den Waschraum von Block 20 gebracht, nackt selbstverständlich, wozu sollten sie sich auch noch anziehen. Einer nach dem anderen wird in das Zimmerl gegenüber vom Klosett geholt. Drinnen sitzt Klehr (Sanitäter, SS-Oberscharführer, Anm. d. Red.) und gibt Phenol­injektionen ins Herz. Die Toten werden in den Abort gezerrt. Er trifft nicht immer ins Herz, und dann leben seine Opfer noch lange. Hie und da rührt sich noch einer unter dem Leichenhaufen."
Ein anderer Absatz handelt vom Raubzug an den Opfern. Langbein berichtet von einem SS-Hauptsturmführer, der als Zahnarzt arbeitet. Dieser lässt ihn notieren, dass im abgelaufenen Monat 18,5 Kilo Gold angefallen ist. "Die Zahl müssen Sie auch noch in Worten schreiben", sagt der SS-Arzt, "schreiben Sie es gleich hinter der Ziffer in einer Klammer." Szene nach Szene breitet Langbein vor uns aus, die Welt versinkt im Grauen.

Ein spannender Aspekt des Buches betrifft die unbedingte Kooperation der Kommunisten, die sich auch noch im KZ solidarisch zueinander verhalten und damit oft ihre Genossen retten. Immer jedoch sind es dann andere, die für sie in den Tod gehen müssen. Mitunter wollen Nachgeborene hier ihre moralischen Bedenken anmelden.
Wer aus den Berichten von Langbein die Systematik der Vernichtung, die Entmenschung als Prinzip herausliest, wird den ersten Stein nicht werfen. Es gibt kein richtiges Verhalten im System der Zerstörung. Bei Langbein lässt sich auch nachlesen, dass zumindest für die Juden unter den Häftlingen von vornherein keine Chance bestand. Für sie gab es keine "leichteren" Aufgaben in der Schreibstube, sie waren von den Nationalsozialisten zum unbedingten Tod verurteilt worden. Das Terrorsystem des KZ hat menschliche Regungen nicht mehr zugelassen. Die Solidarität war dort zu dieser Zeit wohl der einzig mögliche Sieg der "Stärkeren" über die Verbrecher.
Hermann Langbein hat nach dem Krieg als Zeuge bei Prozessen gegen KZ-Schergen einen wesentlichen Beitrag geleistet. Er bezeichnet in seinem Nachwort das Leben nach Auschwitz als ein Geschenk, das ihn verpflichtet: "Ich bin in dieser Zeit oftmals nicht gestorben." Wer sich stark genug fühlt, sollte die "Stärkeren" lesen.

Robert Menasse in FALTER 52/2008 vom 26.12.2008 (S. 20)


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