Traumberichte

von Andreas Okopenko

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Blattwerk
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 3/1999

Der Traum-Mann

Dieser Tage wird Andreas Okopenko mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet. Obwohl der 68jährige Romancier und Lyriker zu den großen Autoren der heimischen Nachkriegsliteratur zählt, ist sein verstreutes Werk noch keineswegs hinreichend bekannt.

"Mein Leben ist eine nasse Lunte zu einem herrlichen Dynamitfaß"

Andreas Okopenko: Meteoriten

Andreas Okopenko gehört nicht zu denen, die sich in den Vordergrund spielen. Es ist fast unmöglich, sich vorzustellen, daß sich der Schriftsteller in Szene setzt, mit großen oder auch nur bedacht gewählten Gesten zu beeindrucken sucht. Und dennoch gibt es etwas an dem freundlich-bescheidenen Mann, das Anspruch auf Aufmerksamkeit erhebt: seine Stimme. Es mangelt dieser Stimme an Volumen, sie ist hell, ja fast hoch zu nennen, aber sobald Okopenko beginnt, zu lesen oder auch nur - mit einer nahezu beamtenhaft obsessiven Präzision - Lage und verkehrstechnische Anbindung seiner Floridsdorfer Wohnung zu erklären, fühlt sich sein Gegenüber durch die wache Aufmerksamkeit, die da mitschwingt und dem alltäglichen kommunikativen Geschlampe und small-talkender Wurschtigkeit entgegentritt, auf sanfte Weise in die Pflicht genommen.

All das sind Wahrnehmungen, die auf der nahezu vollständigen Unkenntnis des Menschen Okopenko und einer lediglich partiellen Kenntnis von dessen Werk basieren. Gleichwohl verschränken sich der Eindruck von Lektüre und Person zu einem konsistenten Habitus, und es wird unmittelbar nachvollziehbar, warum Franz Schuh von Okopenko einmal als einem "Softie" gesprochen hat, "der mit der Härte der Branche, in der er arbeitet, überhaupt nichts anfangen kann". Das ist nur ein Grund, warum Okopenko, so Schuh, "für die literarische Öffentlichkeit nicht in jenem Ausmaß präsent (ist), das der literarischen Qualität seiner Schriften entspräche"1.

Okopenko steckt - und daran wird auch der Große Österreichische Staatspreis für Literatur, der ihm am 25. Jänner überreicht werden wird, so schnell nichts ändern - in der unangenehmen Lage, ohne "Hausverlag" existieren zu müssen. Viele seiner Arbeiten sind zudem vergriffen. Die Chancen, einen der großen Namen der österreichischen Nachkriegsliteratur auch mit dem dazugehörigen Werk einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, standen aber auch schon schlechter: Immerhin kam Okopenkos wohl bekanntestes Werk, der 1970 erstmals erschienene Avantgarde-Klassiker "Lexikon-Roman", vor zwei Jahren in einer Neuauflage bei Deuticke heraus, und erst unlängst legte der Klagenfurter Ritter Verlag die "Meteoriten" von 1976 wieder auf; dort soll im Herbst dieses Jahres auch der seit Jahren vergriffene Roman "Kindernazi" (1984) herauskommen. All die genannten Romane waren seinerzeit im Salzburger Residenz Verlag erschienen, der seine literarische Reihe einst mit Okopenko und Handke begonnen und sich davor vor allem durch Kunstbücher "und dieses sportlich sehr wichtige Buch über das Wedeln" (Okopenko) profiliert hatte. Darüber hinaus legte Okopenko im vergangenen Jahr auch noch seine "Traumberichte" bei Blattwerk vor, und im Sonderzahl Verlag erschien ein Text- und Materialienband zu Andreas Okopenko.

Schuld am Ende von Okopenkos Hausautorenschaft bei Residenz trugen übrigens die dann später bei Deuticke verlegten "Lockergedichte", poetische Spontangeburten, die dem damaligen Cheflektor und heutigen Verlagschef Jochen Jung offenbar als unzureichend seriös erschienen: "Wir wollen nicht der Verlag sein, der mit diesem Unsinn Ihren Namen ruiniert", erinnert sich Okopenko heute Jungs Worte; nicht ohne zu beteuern, daß nach wie vor ein "sehr gutes Einvernehmen" zwischen Jung und ihm herrsche und sein "Zukunftsprojekt", der Roman "Müll", jedenfalls bei Residenz erscheinen solle - so der Verlag dann noch Interesse daran habe.

Der "Unsinn" der unter dem Titel "Immer wenn ich heftig regne" versammelten "Lockergedichte" erweist sich bei näherer Betrachtung als zwischen Nonsens und Aphorismus angesiedelte Zwei- und Mehrzeilerei, die die subtilen Abstufungen der Okopenkoschen Ironie in ihrer ganzen Bandbreite belegt: "Alte Leute muß man treten, / weil sie sonst für einen beten", heißt es da beispielsweise in einem ziemlich aufgeweckten "Kinderreim"; unter der Überschrift "Schriftsteller" findet sich der lakonische, reiche Reim "Missing link / pissing ink", und kaum je ist den Rechthabern so dialektisch-pfiffig recht gegeben worden wie in "Kapitulation": "Alles, was du sagst, das stimmt./ Nicht umsonst heißt Schiele Klimt."

Jede Uni-Klowand zwischen Wien und Wuppertal wäre ein würdiger Untergrund für den Sponti-Spruch "Konsens / ist Nonsens", lautete der Titel nicht "Pessimist". Abseits der selbstgenügsamen Oppositionshaltung mancher Achtundsechziger (für die Okopenko große Sympathien hegte) manifestiert sich in ihm die Hoffnung auf die Herstellung von Konsens, das Gelingen von Kommunikation. Nicht umsonst definiert sich der deklarierte Fan der philippinischen Politikerin Corazon Aquino ("Die habe ich geliebt; die war auch so sympathisch und lieb anzusehen") als "behutsamer Linker", dessen politische Präferenzen für "real zu bestehende Kräfte" irgendwo zwischen "der sozialdemokratischen und einer links-grünen Bewegung" angesiedelt sind.

"Behutsamkeit" - so könnte das Schlüsselwort zu Okopenkos Werk lauten, und ganz sicher ist es geeignet, das romantische Ideal einer Beziehung zwischen den Geschlechtern zu charakterisieren, wie es in den Romanen des Autors immer wieder artikuliert wird - sei es in der dritten oder der ersten Person, sei es aus männlicher oder aus weiblicher Sicht. Nicht nur im autobiografisch grundierten "Kindernazi", der in dichter Montage aus Zitaten, Tagebuchnotizen, sprachspielerisch durchgeformten Erinnerungen et cetera die Kriegsjahre aus der Sicht eines Neun- bis Fünfzehnjährigen im chronologischen Krebsgang erzählt, spielen Kindheit und Jugend eine privilegierte Rolle. Für den 1930 im ostslowakischen Kosice (Kaschau) geborenen Okopenko fiel die Pubertät zu großen Teilen in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, den die aus der von Ungarn annektierten Karpato-Ukraine geflohenen Okopenkos nach Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft in Wien verbrachten. "Es war natürlich eine sehr ambivalente Zeit", erzählt Okopenko, "aber auch eine Zeit von ganz intensivem innerem Erleben. Die Pubertät habe ich nicht, wie viele, als etwas sehr Dumpfes, Unangenehmes, als ein Aus-der-Kindheit-in-die-Erwachsenenwelt-Hineinlatschen erlebt, sondern ich habe mich auf das Erwachsenwerden und die volle geschlechtliche Reife gefreut. Ich hatte schon mit 13 das Bewußtsein, daß dasjenige Mädchen, das einmal kommen wird, ein wunderbarer Mensch ist. Das war für mich die natürliche Basis für das emanzipatorische Denken."

Daß sich diese Entwürfe "für die Lebenspraxis aber nicht bewährt" haben, ist eine Einsicht, die Okopenko in den "Meteoriten" mit "leiser Melancholie über mein Älterwerden" in den Mund von Suse legt, die einem Alter ego nach langer Zeit wiederbegegnet: "(...) ich habe dir vor dreiundzwanzig Jahren alle Chancen gegeben, habe unter meinem minzgrünen Kleid nichts angehabt, damals an dem Abend, als wir von Ciceros Tugendbegriff philosophierten; und du hast diskutiert, diskutiert, und ich habe mich verkühlt und später geheiratet, und das ganze Leben war im großen und ganzen Mist."

Okopenko, der nach seinem Chemiestudium 17 Jahre lang als Betriebsabrechner tätig war, beschreibt die niederdrückende Gewalt des Büro- und Fabriksalltags, ohne deswegen "Literatur der Arbeitswelt" zu verfassen, und er spürt dem nach, was in der Poesie des Soziologenjargons "weiblicher Erfahrungs- und Lebenszusammenhang" heißt, ohne sich mit identifikationsheischenden "Verständigungstexten" anzubiedern - ob es sich nun um die kosmetischen Zurichtungen von Frau Wohlfahrt ("die ganze Familie ist stolz auf die hübsche Mutti"), die Annehmlichkeiten gutriechenden Männerfleischs, die Gegenrede eines angeblich brutal vergewaltigten "Besatzungsgirls" oder die ernüchternde Bilanz eines "Frauenschicksals" handelt: ",Als ich ihn hab verbrennen lassen', erinnert sich die junge Frau. Die gelbe Picknickdose ist noch von ihm, der schlechtverheilte Kleinfingerbruch, der beschädigte Damm, zwei von fünf Türkisen (sie geht nur sonntags damit aus), Kind keines, Erfahrungen, schwerbestimmbarer Zahl, unterteilbar nach Freuden, Urlaubsländern, Mitschläferinnen ..."

Solch "naturwissenschaftlich protokollarische Gesinnung", die Neigung "zu einer kühlen verfremdenden Sprachtechnik", die der von einer "Erzählhemmung" befallene Okopenko in seinem Vortrag "Meine Wege zum Schriftsteller" u.a. auch auf seine "so seltsamsprachigen Eltern" und das Fehlen einer "Grundsprache" zurückführt, ist eine Methode, die in scheinbarem Widerspruch zum Unterfangen des Autors steht: "Trotz allem Talent fürs Sprachspiel" war und ist es die Intention des Autors, "Sprache als Vehikel zur Mitteilung außersprachlicher Realität"2 einzusetzen. Stets ging und geht es ihm um die Vermittlung dessen, was er das "Fluidum" nennt, einer der Joyceschen Epiphanie verwandten Wahrnehmung, "die zu einem starken Gefühl führt und in der einem plötzlich das Einmalige und Einzigartige des Augenblicks unmittelbar evident wird".

Auch die "Traumberichte", Okopenkos jüngstes Werk, sind dieser Anstrengung verpflichtet. Mit der ihm eigenen Ausdauer und Akribie hat Okopenko, über dessen Bett sich neben Trinkglas und Halogenlampe auch ein Block mit automatischer Beleuchtung befindet, seine über Jahrzehnte geführten Traumnotizen gesichtet, ausgewertet und protokolliert. Dabei ist es ihm nicht um die Ausleuchtung des eigenen Unterbewußtseins zu tun, und auch die unmittelbar in den Traum- und Halbwachzuständen produzierte, oft erstaunlich komplexe Literatur (von Anagrammen wie "God save Eva's dog!" bis zu Gedichten wie "Schlafe Kleines, aufbewahrt / in der Zigarettenkiste, / Vater ist auf großer Fahrt, / seit er dich ins Leben pißte. / (...)") ist sozusagen nur die Draufwaag'. Im Mittelpunkt steht die Rekonstruktion der Traumoberfläche, von "Traumstilen" und von Wahrnehmungsintensitäten, die im Traum ein privilegiertes Medium gefunden zu haben scheinen. "Wie am Computer", sagt Okopenko, könne er sich im Traum eine Sommerlandschaft herstellen, in der er das Spiel jedes einzelnen Blattes wahrzunehmen in der Lage ist, "aber nicht nur wie in der blassen Vorstellung, sondern wie in der Wirklichkeit, nur daß es mich eben so ergreift, wie mich die Wirklichkeit sonst nur in poetischen Momenten ergreift".

Ein solches erlebnis- und subjektbezogenes Unterfangen brachte Okopenko notgedrungen in Opposition zum sprachkritischen Skeptizismus der ungleich abgrenzungsfreudigeren Wiener Gruppe3, gegen die der sanftmütige Ironiker einst in seiner "Abgrenzung von Hochstaplern" sogar polemisiert hat - wovon er sich heute allerdings distanziert.

Okopenkos Werk als solches ist geeignet, liebgewonnene und gern gepflegte Gegensätze aufzuweichen. Daß die österreichische Avantgarde schlechterdings mit der Wiener Gruppe in eins zu setzen sei, ist Okopenko zufolge ein Irrtum, der vor allem auf deutsche Literaturhistoriker zurückzuführen ist. So wie sich der Autor mit den Gegenspielern der Wiener Gruppe wieder ausgesöhnt hat (mit H.C. Artmann verbindet ihn ohnehin eine seit Jahrzehnten bestehende, wenngleich allzu selten "realisierte" Freundschaft), so steht auch sein Werk im Zeichen der Versöhnung von Experiment und Eklektizismus, Avantgarde und Realismus.

Daß der seit Beginn seiner Tätigkeit als freier Schriftsteller im Jahre 1968 in derselben Floridsdorfer Gemeindewohnung wohnende und weit abseits aller literaturbetriebsmäßiger Betriebsamkeit existierende Okopenko sowohl persönlich als auch literarisch durchaus anschlußfähig ist, belegen zwei Anekdoten, die seine Begegnung mit zwei der großen "Schwierigen" der österreichischen Literatur zum Inhalt haben. Mitte der fünfziger Jahre - Okopenko war gerade einmal mit dem Kleinen Georg Trakl Preis ausgezeichnet und in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht worden - lud ihn Thomas Bernhard zu einer Lesung auf die Festung Hohensalzburg, bei der Okopenko gemeinsam mit der damals ziemlich populären Luise Rinser die deutschsprachige Literatur repräsentieren sollte. Auf die erstaunte Frage des Geladenen, warum Bernhard denn ausgerechnet ihn ausgewählt habe, soll dieser geantwortet haben: "Weil du als anziger ka Oaschloch bist."

Standen Okopenko und Bernhard in einem Verhältnis wechselseitiger Wertschätzung (Okopenko war vom "Atem" unmittelbar gepackt, wohingegen ihm das "monomanische Geschimpfe" von "Holzfällen" bezeichnenderweise ungleich weniger gefiel), so gab es in der persönlichen Begegnung mit Peter Handke zunächst "keine schönen Töne", obwohl Okopenko an dessen frühen sprachkritischen Arbeiten ein starkes Interesse hatte (auch wenn sie seiner eigenen Vorstellung von Literatur nicht entsprachen). Als dann jedoch die Notizbücher "Das Gewicht der Welt" und "Die Geschichte des Bleistifts" erschienen, sah sich Okopenko gezwungen, seine Einschätzung zu revidieren: "Die Sachen haben mich umgeworfen. Ich habe mich plötzlich derart verwandt gefühlt ... Bei einem zufälligen Treffen in Salzburg habe ich ihm auch gesagt, was für eine Weisheit und Gütigkeit aus seinen Texten spricht. Und da war dann er wieder so gerührt, daß er nur noch zu sagen wußte: ,Gemma was sauf'n.' Das war schon eine berührende Geste. Wenn's ein Mädchen gewesen wär, hätt' sie g'sagt: ,Gemma ins Bett.'"

Klaus Nüchtern in FALTER 3/1999 vom 22.01.1999 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Lexikon-Roman (Andreas Okopenko)
Gesammelte Lyrik (Andreas Okopenko, Otto Breicha, Elfriede Gerstl, Adolf Haslinger, Ernst Jandl, Franz J Seidl)
Andreas Okopenko (Klaus Kastberger)
Immer wenn ich heftig regne (Andreas Okopenko)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb