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Vorwort: Meri von Sternberg
Übersetzung: Eve Heller
Übersetzung: Peter Waugh
Übersetzung: Wolfgang Astlbauer
Übersetzung: Roland Domenig
Übersetzung: Gabriele Pauer
Verlag: SYNEMA Gesellschaft für Film und Medien
Genre: Kunst/Fotografie, Film, Video, TV
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.05.2007

Rezension aus FALTER 41/2007

Ein Film auf Papier

Mit der grafischen Rekonstruktion von Josef von Sternbergs verschollenem Film "Lena Smith" legt das Österreichische Filmmuseum ein cinephiles Kleinod vor.

Der Großteil der Stummfilme ist für immer verloren. Technisch veraltet, ästhetisch abgewertet und mitunter politisch verdächtig, wurden sie von den Produzenten dem Verfall preisgegeben oder einfach weggeworfen. Nicht anders steht es um einige jener frühen Arbeiten Josef von Sternbergs, die entstanden, bevor der Magier atmosphärischer Bilder mit seinem Star Marlene Dietrich sich seinen Anteil am klassischen Filmkanon dauerhaft sichern konnte.

Man kann und soll den Verlust bedauern, unter besonderen Umständen kann daraus aber auch ein Gewinn werden. "The Case of Lena Smith" und seine Überlieferung ist so ein Fall, eine "dichte Quelle", wie Kulturanthropologen zu sagen pflegen. Der vom Direktor des Österreichischen Filmmuseums Alexander Horwath und Falter-Filmkritiker Michael Omasta herausgegebene Sammelband führt vor, was man über die Kinematografie erfahren und wie man über sie sprechen kann.

"Lena Smith" kam 1929 in die Kinos, als sich das Publikum in Scharen dem jungen Tonfilm zuwandte. Sternbergs Adaption einer melodramatischen Textvorlage von Samuel Ornitz spielt im Wien der Jahrhundertwende. Ein ungarisches Dienstmädchen wird während eines Praterbesuchs von einem leichtsinnigen Leutnant verführt.

Die Geheimehe, die beide schließen, unterstellt Lena dem drakonischen Regime seiner unwissenden Eltern. Die Fürsorge nimmt ihr das Kind, Frucht dieser Praternacht, weg, und Lena, die sich gegen die Autoritäten und Konventionen auflehnt, landet im Frauengefängnis. Sie bricht aus und holt sich ihr Kind zurück, nur um es 1914 an den Kaiser und den "Großen Krieg" zu verlieren.

Soweit der aus Filmscripts und Besprechungen bislang rekonstruierte Plot. Wer sich nicht bereits selbst aus Sternbergs Filmen wie "The Docks of New York" (1928) überzeugen konnte, dass die scheinbar trivialen, an der Kioskliteratur Maß nehmenden Storys für Sternberg nur Vorwand sind, um avancierte Ästhetiken und überraschende Wendungen zu inszenieren, den klären die Beiträge von Alexander Horwath und Janet Bergstrom auf.

Das Herzstück des Sammelbandes ist indessen eine 4-Minuten-Sequenz vom Beginn von "Lena Smith" - die Szene im Wiener Prater, wo inmitten der Attraktionen und Zauberstücke Lena und ihre Freundin auf die beiden Leutnants treffen.

Das Fragment verdanken wir einem unerhörten Zufall. 2003 fand es der japanische Filmwissenschaftler Komatsu Hiroshi bei einem Antiquitätenhändler im mandschurischen Dalian, dem ehemaligen Port Arthur. Heute befindet es sich im Besitz der Waseda-Universität in Tokio. Damit begann die abenteuerliche Reise des virtuellen Objekts "Lena Smith" unter der Leitung des Österreichischen Filmmuseums.

Mit der Kombination von Filmscripts aus dem Paramount-Archiv in L.A., einer japanischen Découpage, der fortlaufenden Beschreibung des Films Einstellung für Einstellung aus dem Jahre 1929, Filmstills aus neun amerikanischen und europäischen Archiven sowie den im Wiener Theatermuseum und in Deutschland erhalten gebliebenen Zwischentiteln legen die Herausgeber eine minutiöse Rekonstruktion des Films auf Papier vor, einschließlich der erhaltenen Regieanweisungen. Diese wird grafisch kongenial umgesetzt von Gabi Adebisi-Schuster und Thomas Kussin.

Alain Badiou spricht von der produktiven Kraft der "Verunreinigung", die das Medium Film kennzeichnet. Wie es sich an allen Künsten und am begrifflichen Denken bedient, so bricht es deren Verengungen und fixierte Ideen auf. Film, so Badiou sinngemäß, lässt uns Anteil nehmen an einer Welt der Transformationen, Variationen und Verzweigungen von Dingen und Handlungen, die wirklicher ist als diejenige der fokussierten Eindeutigkeiten.

Die Rekonstruktion der "Lena Smith", erweitert um Beiträge zur internationalen Rezeptionsgeschichte des Films und Sternbergs Auseinandersetzung mit seinem Herkunftsort Wien, führt uns sozusagen vom anderen Ende an dieselbe Erkenntnis heran. Sie schließt den taktischen Einsatz von Bild- und Textelementen wie von Narrativen auf, um die Imagination, die von der filmischen Bewegung angestoßen wird, umso kenntlicher an der Arbeit zu zeigen. Paradoxerweise ist dieser Erkenntniseffekt umso stärker dort, wo die Bewegung (wie im vorliegenden Buch) fehlt.

Ein zusätzlicher Glücksfall allerdings ist, dass das in das Diagramm integrierte Fragment gerade eine Szene überliefert, in der das Fantastische und Utopische von Sternbergs Stil präzise enthalten ist. Die Überblendungen, die Spiegel- und Lichteffekte, die stofflich-mannigfaltigen Teilungen des Raumes leisten dort, was der üppigen und meist sentimentalen Praterliteratur und-soziologie nicht gelungen ist, nämlich das dauernde Changieren zwischen Spiel und Zweck einzufangen, zwischen der Verführung und der ihr bereits vorangegangenen Einwilligung an einem Ort wie diesem - eine "Verunreinigung", die in dieser Szene konsequent auf den Auftritt eines Zauberers hinführt, der (so wie das Kino selbst) für die Überdeckung von Technik, dem strengen Modus von Eindeutigkeit und frei gewählter Illusion steht.

Janet Bergstrom betont in ihrem Beitrag, dass Sternbergs Filme auf der Verknotung von "Teilwelten" beruhen. Das garantiert einen unablässigen internen Wechsel zwischen Genres und führt stets über vorschnelle Aneignungen hinaus zu originären Situationen: "Lena Smith"-Transkripte in Japan, Programmhefte in Berlin, Stills in London, Promotion-Fotos in Prag, das Filmfragment in China u.a.m. "Eine Nacht im Prater", so der deutsche, und "Lena X", so der französische Titel - diese Teilwelten, diese Verstreuung und die Wiederzusammenführung der Elemente weisen auch auf anderes hin.

Sie machen auf einzigartige Weise die globale Zirkulation von Zeichen und Ideen bewusst, die bereits von der frühen Massenkultur in Gang gesetzt worden sind. Der Idee "Wien" ist es diesbezüglich und zu ihrem Vorteil nicht anders gegangen. Wenn sie das jemandem persönlich verdankt, dann in besonderem Maße Josef von Sternberg.

Siegfried Mattl in FALTER 41/2007 vom 12.10.2007 (S. 58)


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