Verlag: SYNEMA Gesellschaft für Film und Medien
Genre: Kunst/Fotografie, Film, Video, TV
Umfang: 252 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 8/2009

Genesis, Paradeisos, Eros, Thanatos, Symposion

Alles, was man für einen Film braucht, sind ein Mädchen und eine Kanone", soll Jean-Luc Godard einmal gesagt haben. "All you need to make a film is a girl and a gun", soll Jahrzehnte vor ihm David Wark Griffith, der Pionier des amerikanischen Kinos, festgestellt haben.
Ein typischer Fall von Appropriation, von künstlerischer Aneignung, die eines der Wesensmerkmale des Found-Footage-
Films im Allgemeinen und der Arbeiten von Gustav Deutsch im Besonderen ist.
"Film ist. a girl & a gun" heißt, in Anspielung auf Griffith und Godard, sein jüngstes Werk, das als "Filmdrama in 5 Akten" über eines der ältesten Themen der Kinematografie und der Menschheit angelegt ist: den Kampf der Geschlechter. Das filmische Material, dessen sich Deutsch hierfür bedient, stammt aus den ersten viereinhalb Jahrzehnten der Filmgeschichte oder, genauer gesagt, zum Großteil aus deren bisher noch ungeschriebenen Kapiteln.
Wissenschaftsfilm und Homemovie, früher Porno respektive Aufklärungsfilm, Kriegswochenschau und Naturaufnahme stehen gleichberechtigt neben Zitaten aus dem einen oder anderen Spielfilm.

Es sind diese Waisen des Kinos ("orphan films"), denen sein Werk am meisten verdankt. Bei den Recherchen zu "a girl & a gun" klapperten Gustav Deutsch und Hanna Schimek, seine Partnerin im Leben wie in der Kunst, zehn Archive in aller Welt ab – vom Nederlands Filmmuseum mit seiner auf Restln spezialisierten Abteilung "Bits & Pieces" bis zum Kinsey Institute for Research in Sex, Gender and Reproduction.
Genesis, Paradeisos, Eros, Thanatos, Symposion: In fünf Akten handelt "a girl & a gun" sein Thema ab. Der erzählerische Rahmen ist von der Erschaffung der Welt bis zum Ersten Weltkrieg hin gespannt.
Bilder von einem Vulkanausbruch sind mit Bildern einer nackten Frau gegengeschnitten, die Großaufnahmen der glühendheiße Blasen schlagenden Lava mit solchen des Busens. Gezeichnete, mit Männerköpfen versehene Spermien flitzen von links nach rechts über die Leinwand wie, gleich daran anschließend, Soldaten über ein Schlachtfeld.

Und, ja, richtig gepoppt wird auch. Derart augenfällige Schnittfolgen allerdings sind eher die Ausnahme. Deutsch hat die Montage seiner Filme mit den Jahren zusehends verfeinert und spinnt in "a girl & a gun" ein komplexes Gewebe aus Analogien, visuellen Entsprechungen, thematischen Homologien und, natürlich, aus Kontrasten, alternierten Sequenzen, gegenstrebigen Bewegungen.
Das entfesselt einen Sturm neuer Bedeutungen (oder immerhin Möglichkeiten). Der ursprüngliche Produktions­zusammenhang und der einst gedachte Verwendungszweck der Bilder hingegen lassen sich mitunter nicht mehr erahnen.
An die Stelle des bei wissenschaftlichen Filmen üblichen Begleitkommentars setzt Gustav Deutsch in seinen Arbeiten elek­tronische Musik. Christian Fennesz, Martin Siewert, Burkhard Stangl, die schon zum wiederholten Male mit dem Filmemacher arbeiteten, zeichnen in "a girl & a gun" erstmals auch als Kuratoren verantwortlich; einzelne Sequenzen wurden von Musikerinnen wie Olga Neuwirth, Eva Reiter, Soap & Skin vertont.
Ohne wohlfeile Erklärung treten die intrinsischen Qualitäten des Materials, seine bizarre Schönheit nur umso klarer zutage. Jedes der ausgewählten Bilder, erklärt Deutsch die oberste Maxime seiner Arbeit, müsse in sich interessant sein: "Wenn es relevant für unseren Inhalt oder Kontext, aber kein gutes Bild ist, verwenden wir es nicht." Wäre er ausgebildeter Filmhistoriker, sähen seine Filme wohl anders aus.

Gustav Deutsch ist gebürtiger Wiener, Jahrgang 1952, hat Architektur studiert und fing in den 70er-Jahren mit Video zu experimentieren an. Seit den 80ern macht er auch Filme. Schaut man sich einige der Titel an, wird deutlich, dass sein Werk dem Projekt der Verdichtung, dem essenziell Filmischen verpflichtet ist.
"Taschenkino", "Film spricht viele Sprachen", "Film ist mehr als Film", "Welt Spiegel Kino" und schließlich "Film ist.", ein Langzeitprojekt, dessen erste zwölf Kapitel er 1998 bzw. 2002 realisiert hat – und das auch nach "Film ist. a girl & a gun" weiter fortgesetzt zu werden verspricht.
Bodybuilder lassen ihre Muskeln spielen, Blüten gehen im Zeitraffer auf; Maskierte treffen sich zum Rendezvous, kurz vor dem Höhepunkt verlässt der Mann eilends die Wohnung durch ein Fenster; und Zarah Leander, verblassende Größe des Nazi-Kintopps, trällert "Heute liebt man nur noch flüchtig".
"Aus Filmfossilien", schreibt der US-amerikanische Filmtheoretiker Tom Gunning über Gustav Deutschs Filme, "ersteht eine neue Gegenwart; im Aufeinandertreffen von Einstellungen werden schlummernde Bedeutungen wiederbelebt. Die Essenz von Film besteht darin, starren Bildern Bewegung und Leben zu schenken. ,Film ist.' rüttelt die Archive der bewegten Bilder zu neuen Entdeckungen auf."

Michael Omasta in FALTER 8/2009 vom 20.02.2009 (S. 30)


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