Verlag: SYNEMA Gesellschaft für Film und Medien
Genre: Kunst/Fotografie, Film, Video, TV
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.12.2016

Rezension aus FALTER 49/2016

Eine lebensunfähige Liebe

Die Wiener Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann präsentiert ihren ersten Spielfilm. Anja Plaschg und Laurence Rupp spielen die Hauptrollen

Es war Frühling in Wien, als Paul und Ingeborg einander zum ersten Mal begegneten. Sie war gerade einmal 21, er immerhin 27 Jahre alt, damals, im Mai 1948. Ihre tatsächliche Liebesaffäre war nach ein paar Wochen bereits wieder vorbei. Die „literarische Beziehung“ zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan indes dauerte fort, bis der Autor seinem Leben 1970 in Paris ein Ende setzte.
Kaum jemand wusste von dem Verhältnis, der Briefwechsel zwischen Celan und Bachmann wurde lange unter Verschluss gehalten; seine Veröffentlichung unter dem Titel „Herzzeit“ (2008) geriet zur Sensation. Die Wiener Regisseurin Ruth Beckermann hat daraus nun einen Film gemacht: „Die Geträumten“. Zwei junge Leute, der Schauspieler Laurence Rupp und die Sängerin Anja Plaschg (aka Soap&Skin), lesen Passagen aus ihren Briefen. Schauplatz ist das Wiener Funkhaus. Immer wieder einmal verlassen die Darsteller zwischendurch das Studio; es wird viel geraucht, ein wenig getratscht und das Haus erkundet.
„Jung, sehr jung“, meint die Filmemacherin, sei das erste Kriterium bei der Besetzung gewesen, und die „österreichische Sprache“. Für Anja Plaschg, 26, ist es die zweite Hauptrolle in einem Film; Laurence Rupp, 29, Ensemblemitglied des Burgtheaters, ist in Film und Fernsehen gleichermaßen gefragt und zurzeit auch in „Die Nacht der 1000 Stunden“ im Kino zu sehen.
Während das Drehbuch – das Beckermann zusammen mit der deutschen Literaturkritikerin Ina Hartwig aus den Briefen edierte – an die 20 verschiedene Fassungen erlebte, beschränkte sich die Vorbereitung mit Plaschg und Rupp auf zwei, drei gemeinsame Treffen in einem Kaffeehaus.
***

Laurence Rupp: Wir haben nur in groben Zügen gewusst, worum es gehen wird. Dass wir diese Texte lesen und zwischendurch aus dem Studio hinausgehen, Pause machen draußen, im Idealfall rauchen. Ruth Beckermann hat gefragt: „Seid ihr Raucher?“ – darauf wir beide: „Ja!“ Das passiert einem heute ja eher selten, aber sie hat es ganz super gefunden, dass wir tschicken. Was wir dann währenddessen reden, war nicht gescriptet, das ist in dem Moment entstanden. Insofern mussten wir nicht groß spielen, sondern haben die Briefe gelesen und dazwischen als Laurence und Anja geraucht und geredet. Es gab keine Proben vorher, Drehbuch gab’s auch keines …
Anja Plaschg: Ich hab damit angefangen, mich mit der Autorin zu beschäftigen. Hin und wieder lese ich schon Lyrik, beispielsweise Sylvia Plath. Ingeborg Bachmann kannte ich eher nur vom Namen, ich hatte zuerst eine gewisse Distanz zu ihr. Nachdem ich ja keine Schauspielerin bin, wusste ich, dass es bei der Anfrage wohl auch um etwas Persönliches, eine Verknüpfung zum eigenen Leben geht. Für mich ist dieser Apparat, die Gegenwart der Kamera, die ständig läuft, schon sehr befremdlich, und die Entscheidung war, sich da mit allem Unbehagen zur Verfügung zu stellen.
Rupp: Rückblickend betrachtet war der Dreh ganz schön Kamikaze. Ich hab Ruth eh immer unter Druck gesetzt: „Komm, ich will ein Drehbuch, ich will diese Texte.“ – Ja, ja, kommt schon noch! Ein paar Tage vorher hat sie’s uns gegeben.
Plaschg: Wir wussten schon, dass wir uns da auf ein Experiment einlassen. (Pause.) So etwas mach ich auch immer wieder gern.
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„Die Geträumten“ ist der erste Spielfilm von Ruth Beckermann, der bedeutendsten Dokumentarfilmerin des Landes. Der geheimnisvolle Titel geht auf einen Brief Bachmanns an Celan zurück, in dem sie 1957 ihre Zweifel und Selbstzweifel mit der Formulierung „Sind wir nur die Geträumten?“ zum Ausdruck brachte.
Doch geht es dem Film weder um die Rekonstruktion der Liebesgeschichte noch gar um die Biografien zweier bedeutender Schriftsteller. Gleichwohl stellt deren so verschiedener Hintergrund eine schier unüberwindliche Hypothek dar: Celan, ein Jude aus Czernowitz, dessen Eltern in den NS-Konzentrationslagern ermordet wurden, musste während des Krieges in der Ukrai­ne Zwangsarbeit für die Deutschen leisten – Bachmann, in Kärnten geboren, war die Tochter eines Parteimitglieds der ersten Stunde und unverbesserlichen Nazis, der aus dem Krieg heimkehrte.
Nein, vielmehr interessiert Beckermann, was das „Liebesmartyrium“, das aus diesen Briefen spürbar wird, mit einer Beziehung hier und heute zu tun hat oder haben könnte. Plaschg und Rupp sind mal Darsteller, mal Interpreten und manchmal wieder quasi nur sie selbst. Aus diesem fluiden Wechselspiel wird die Sprache von Bachmann und Celan in all ihrer Dringlichkeit erlebbar – ganz konkret, sehr gegenwärtig.
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Rupp: Ich glaube schon, dass das eine große Liebe war – und dass sie deswegen so lange überdauert hat, weil dieser Akku an Liebe nie verbraucht wurde. Hätten Bachmann und Celan eine Beziehung geführt über drei Jahre, wär das vielleicht bald auseinandergegangen, sie hätte sich verzehrt. Das ist aber nie geschehen.
Plaschg: Also, ich würde das schon als lebensunfähige Liebe bezeichnen.
Rupp: Es spricht eine große Sehnsucht aus den Texten. Ich hab mir nicht lang überlegt, wie ich das anlege, sondern hab sie gelesen und auf mich wirken lassen. Natürlich macht das etwas mit einem, noch dazu, wenn man ein Gegenüber hat und direkt zu jemandem spricht – dann bekommt das noch einmal eine andere Tragweite. Dabei ist nichts groß inszeniert, sondern wir haben das Momentum genützt und uns das gegenseitig vorgelesen. Simple as that.
Plaschg: Empathie, denk ich, war die Basis. (Pause.) Und auch gewisse Anknüpfungspunkte zum eigenen Leben zuzulassen.
Rupp: Anja geht in dem, was sie als Künstlerin macht, da ja sogar weiter als ich. Als Schauspieler hab ich sozusagen auch immer noch etwas, hinter dem ich mich verstecken kann. Wenn man Anja auf der Bühne sieht, merkt man, wie viel Kraft sie das kostet und wie viel sie der Öffentlichkeit von sich preisgibt. Genauso auch jetzt im Film. Vielleicht ist mir mein Schauspielersein bei dieser Aufgabe eher im Weg gestanden.
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Durch die Beschränkung auf einen Schauplatz – lediglich zum Schluss hin verlässt die Kamera für eine Fahrt durch die regnerische Nacht kurz das Funkhaus – wirkt der Film selbst wie „geträumt“, der Zeit entrückt. Die Close-ups von Plaschg und Rupp (Handkamera: Johannes Hammel) atmen schlichte Eleganz, das aufgeräumte Setting des Studios und die gedämpften Farben tun ein Übriges.
Einmal klimpert Plaschg auf einem Klavier, ein andermal fläzt sie sich auf ein rotes Sofa in Form eines Schmollmunds. Rupp spielt in einer Pause mit dem Smartphone, über Ohrstöpsel hört man zusammen James Brown.
Dieser entspannte Umgang bildet einen reizvollen Kontrast zu der Korrespondenz der beiden Autoren, die zunehmend dunkler im Ton wird. Anfang der 1950er-Jahre schon muss Bachmann den „lieben, lieben Paul“ daran erinnern, wie glücklich sie dereinst waren, „selbst in den schlimmsten Stunden, als wir unsere schlimmsten Feinde waren“.
Dennoch werden die Pausen zwischen den Briefen immer länger, die Liebenden einander langsam fremd. Als sich Celan über eine kaum verhohlen antisemitische Kritik seines Gedichtbands „Sprachgitter“ empört, hält Bachmann ihm vor, sich doch bloß zum Opfer stilisieren zu wollen.
Erzählt wird all das mit gleichbleibend spröder Intensität. Nur einmal, nach Bachmanns flehentlichstem Brief („Du musst kein Wort sagen, aber ich freue mich über das kleinste“), fällt Anja Plaschg aus der Rolle der Lesenden und lässt ihren Gefühlen freien Lauf: „Jetzt – Schluss, bitte!“
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Plaschg: Ich finde das keinen Höhepunkt, sondern witzigerweise fast den schwächsten Moment im Film, diese Zurschaustellung eigener Emotionen …
Rupp: Das ist schon stark!
Plaschg: Was ist daran stark?
Rupp: Weil ich als Zuschauer ständig mit der Frage beschäftigt bin: Inwiefern betrifft mich das oder betrifft mich das nicht? Und in dem Moment löst du das für den Zuschauer auf. Das ist irrsinnig angenehm, dein Zugeständnis zu sagen: „Ja, das geht mir jetzt zu nah, als dass ich mich weiter damit befassen möchte.“ Für den Zuschauer ist das ein kostbarer Moment, die Antwort auf seine Frage.
Plaschg: Hm. (Pause.) Hätte man das noch ein bisschen mehr ausgereizt, dann wäre der Film, glaub ich, eine Farce geworden.
Rupp: Möglich, es kommt aber nur in dieser einen Szene vor. Deshalb find ich sie auch super!
***

„Die Geträumten“ ist ein Film der Blicke und Nicht-Blicke, des Sprechens und Nicht- Sprechens, der größten Nähe und unüberbrückbaren Distanz. Eine außergewöhnliche Geschichte, zu deren Verständnis kein Vorwissen über Bachmann und Celan oder ihr Werk vonnöten ist. Nach Dutzenden Festivaleinsätzen läuft Beckermanns Film inzwischen in Deutschland, in der Schweiz und in Großbritannien auch bereits regulär im Kino.
Mindestens so wichtig wie die Stimmen und der Text sind die Pausen. Wie überhaupt im Leben, meint Laurence Rupp, egal, ob in der Musik, am Theater, in einer Beziehung ... Oder in Interviews, haucht Anja Plaschg.

Michael Omasta in FALTER 49/2016 vom 09.12.2016 (S. 40)


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