Schriftleiter Jasser
Manfred Jasser - Die fortgesetzten Karrieren eines NS-Journalisten

von Uwe Mauch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichbauer
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 9/1999

Ein allzu tapferes Herz

Nazi-Redakteur, ÖVP-Karriere, Goldenes Ehrenzeichen der Republik: Der 1992 verstorbene Journalist Manfred Jasser war unbelehrbar, aber anerkannt. Ein Wiener Journalist veröffentlicht nun dessen Biografie und schildert eine typisch österreichische Karriere.

Er war der Standhafteste von allen. Nicht nur am 7. April 1945, sondern auch danach: An jenem geschichtsträchtigen Ostersamstag rollten die Soldaten der Roten Armee mit ihren Panzern über den Matzleinsdorfer Platz zum Südbahnhof. Die Schlacht um Wien war verloren, die Sowjets drangen bereits in die östlichen und südlichen Vorstadtbezirke Wiens ein. Wer seine Haut retten wollte, schwenkte weiße Fahnen oder verhielt sich unauffällig. Nur einer hämmerte in seinem Luftschutzkeller am Fleischmarkt unbeirrt mit Feuereifer in die Tasten. Im Redaktionsgebäude des Ostmärkischen Zeitungsverlages wollte er die Bevölkerung doch noch vom "Endsieg" überzeugen: Schriftleiter Manfred Jasser.

Die Durchhalteparole, die der "Schriftleiter" (so der streng germanisierte Nazi-Terminus für den journalistischen Berufstand, Anm.) damals zu Papier brachte, ist das letzte publizistische Dokument, das die Nationalsozialisten in Wien hinterließen. - Ein Stück Zeitgeschichte, das den Wiener Journalisten Uwe Mauch 1990 - zunächst nur für seine Diplomarbeit - zu näheren Recherchen veranlaßte. Im "Fall Jasser" stieß er allerdings auf eine "für damals typisch österreichische Karriere": Bevor der ehemalige Schriftleiter, eingefleischtes NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, 1992 84jährig verstarb, machte er auch in der Zweiten Republik steile Karriere.

Wie übrigens nicht wenige Journalisten, die dem nationalsozialistischen Regime dienten: Ein gutes Drittel wurde nach 1945 wieder publizistisch tätig. Manfred Jasser war allerdings der einzige, der über seine Vergangenheit - nicht zuletzt wegen seiner nach wie vor (auf)rechten Gesinnung - bereitwillig und ausführlich Auskunft gab. Vor allem Uwe Mauch, der seine Faktensammlung über Manfred Jasser nun zu einem Buch verarbeitet hat: Mehrstündige Interviews ermöglichten dem 33jährigen Journalisten, den Jasser "beinahe väterlich über die alten Zeiten belehrte", nicht nur den reportagenhaften Stil, sondern auch tiefe Einblicke in die Seele des ehemaligen Nazi-Redakteurs. Manfred Jasser hielt bis zu seinem Tod eisern an seiner Ideologie fest. Dazu Autor Mauch: "Die Gespräche mit ihm waren wie Wechselduschen. Einerseits versuchte ich ihn zu verstehen, nicht vorschnell zu verurteilen, andererseits verursachte mir seine Menschenverachtung oft schon körperliches Unbehagen." Der ehemalige Schriftleiter beteuerte etwa immer wieder, bis 1945 nichts von den Konzentrationslagern, den Judenvernichtungen gewußt zu haben. Was ihn an seinem publizistischen Fortkommen allerdings nie gehindert hat.

Der 7. April 1945 scheint symptomatisch für die Unbelehrbarkeit des Nazi-Redakteurs: Während Teile Wiens am Abend schon fest in sowjetischer Hand waren, wurde der Bevölkerung in der Abendausgabe der Wiener Presse noch einmal Mut zum Widerstand gemacht. Unter dem Titel "Ein tapferes Herz" negierte Manfred Jasser in seinem letzten Leitartikel die Kapitulation im kämpferischen Nazi-Jargon: "Alles wäre unvergleichlich leichter, wenn jeder die Front sehen könnte, die mit vorbildlicher Tapferkeit kämpfenden Truppen, die Volkssturmmänner, die treu ihre Pflicht und sehr oft mehr als ihre Pflicht erfüllen."

Der Verfasser selbst war zu diesem Zeitpunkt freilich längst über alle Berge. Im wahrsten Sinne des Wortes: Manfred Jasser flüchtete über den Bisamberg ins oberösterreichische Mühlviertel, hielt sich dort versteckt. Allerdings nur für wenige Monate. Denn: Jassers Mission sollte längst noch nicht erfüllt sein.

1949, vor den Nationalratswahlen, legte Manfred Jasser in Schloß Oberweis bei Gmunden den Grundstein für seine neue Karriere. Als Chefverhandler für die etwa 500.000 ehemaligen NSDAP-Mitglieder, die auch an die Urnen wollten. Sein Gegenüber am Verhandlungstisch: niemand Geringerer als Julius Raab. Manfred Jasser konnte den späteren Bundeskanzler nicht nur von der künftigen Gewichtigkeit der ehemaligen NSDAPler überzeugen, sondern erhielt auch gleich die Einladung zur Mitarbeit in der Volkspartei. Und das Angebot, die Chefredaktion des Österreichischen Wirtschaftsverlages zu übernehmen. Dem neuen Rechtsaußen im VP-nahen Verlag riet Raab unter vier Augen: "Wenn Sie wer fragt, schicken Sie ihn zu mir."

Der ehemalige Schriftleiter blieb seinem neuen Arbeitgeber bis zur Pensionierung verbunden. Nebenbei werkte er für die Grazer Südost-Tagespost und die Kronen-Zeitung. - Äußerst verdienstvoll, wie die zahlreichen Ehrungen belegen: 1969 wurde Manfred Jasser das Goldene Ehrenzeichen "für besondere Verdienste um die Republik" verliehen. Später auch das Große Ehrenzeichen des Landes Steiermark, wo Jasser 1938 als Chefredakteur des Styria-Verlages begonnen hatte. Zu guter Letzt noch das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Niederösterreich.

Die zahlreichen Ehrungen veranlaßten Biograf Uwe Mauch zu näherer Recherche. Auf Anfragen in der Präsidentschaftskanzlei - noch unter Kurt Waldheim - stieß der Journalist auf Achselzucken. Man habe Jasser das Ehrenzeichen für seine langjährige Tätigkeit in der Chefredaktion des Wirtschaftsverlages verliehen. Ob die zuständigen Beamten heute schon pensioniert sind, hat der Autor leider nicht mehr in Erfahrung gebracht.

Nina Weissensteiner in FALTER 9/1999 vom 05.03.1999 (S. 13)


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