Sendepause
Medien und Medienpolitik in Österreich

von Harald Fidler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: edition lex liszt 12
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 40/1999

Beim Bauche des Poeten

Ein neues Buch eröffnet einen Blick in die Welt der Gegengeschäfte und damit in die österreichische Medienlandschaft. Der "Falter" bringt - exklusiv - einen Vorabdruck.

Mehr als ein Jahr lang waren die beiden besten Medienjournalisten des Landes damit beschäftigt, einen Wälzer mit allem Wissenswerten über Österreichs Medien zu verfassen. Das ist nicht wenig. Es ist ein umfangreiches, faktenreiches, unterhaltsames und spannendes Buch daraus geworden. Eine wahre Enzyklopädie: Von ORF bis Krone, von Mediaprint bis Falk, von Privatradio bis Provinzverleger - you name it, they got ist. Wir bringen im Folgenden Auszüge aus dem Kapitel über die Fellner-Brothers.

Dominique Mentha kann sich schon ausmalen, dass er in der engeren Wahl ist, als er an diesem 30. September 1997 für eine Unterredung mit dem Kanzler eigens aus Innsbruck anfliegt. Sehr positiv findet der Regierungschef das Gespräch mit dem damaligen Intendanten des Tiroler Landestheaters. Und kündigt ihm, der aus Vertragsgründen mit der Innsbrucker Bühne unter Zeitdruck steht, seine Entscheidung innerhalb einer Woche an.

"Der Mann klingt ganz sanft, als ihn News am Dienstag spätabends in seinem Wiener Hotel erreicht", wird Heinz Sichrovsky "Klimas Opern-Bombe" Donnerstag derselben Woche einleiten. Was Wunder - der News-Kulturchef ist Mentha ja von höchster Stelle avisiert worden. Denn schon wieder zurück am Flughafen Wien-Schwechat und knapp vor dem Boarding für die Abendmaschine Richtung Innsbruck, hat einer aus dem Kanzlerkabinett Mentha noch erreicht. Die Wahl sei doch schon jetzt auf ihn gefallen, wird ihm mitgeteilt. Da könne er doch bitte gleich für die Mittwoch angesetzte Pressekonferenz in der Hauptstadt bleiben. Und, ach ja, News werde sich noch heute Abend bei ihm melden. Was Mentha, bisher von der Fellnerschen Wochenschrift alles andere als hymnisch beschrieben, wenig hoffnungsfroh stimmt. Doch da, versichert man ihm aus dem Kanzleramt, möge er sich bitte keine Sorgen machen. Am Ballhausplatz ebenso wenig, könnte man anfügen: "Nun setzte er den Befreiungsschlag", streut Sichrovsky dem Kanzler Rosen: "Und der dröhnt mindestens von Innsbruck nach Wien." Zumindest, wenn News das Getöse in bewährter Manier verstärkt.

Was man in der Praterstraße tatsächlich über Viktor Klima denkt, offenbart sich Anfang 1996: In einem der Winzkästchen, die einen gut Teil der Seiten auflockern, bringt das Wochenmagazin der Neunzigerjahre ein Interview mit dem damaligen Finanzminister. Der ersten Frage folgt noch ein fett gedrucktes "Klima" vor dessen Antwort, der zweiten und allen übrigen aber statt des Namens schlicht "Wappler". Dass die nächsten Tage "ganz Österreich" nicht zwingend über News spricht, aber so mancher darüber schmunzelt, lag schlichtweg am etwas kecken Blindtext des Layouters. Und einem Redakteur, dessen Aufmerksamkeit beim Auffüllen des Kästchens mit knappen Soundbytes offenbar schon etwas beeinträchtigt war. Weshalb er vergaß, ein paar fettgedruckte "Wappler" durch "Klima" zu ersetzen.

Man ist nicht nachtragend gegenüber einem Wochenmagazin, das die Republik bewegt. In langen Jahren hat die Politik schließlich dank Hans Dichands Kronen Zeitung ja schon gelernt, dass freundliche Demut die passendste Haltung gegenüber erfolgreichen Medienmachern ist. Über Freudsche Schlampigkeiten wie einen kleinen "Wappler" sieht man da am besten schmunzelnd hinweg. Und liefert - neben allerfrischesten Informationen - gern auch noch ein bisschen Geld. 1998 investierte beispielsweise das Kanzleramt laut Focus 10,6 Millionen Schilling in News, weitere 3,6 Millionen in tv-media und noch einmal öS 903.550,- in das eben gegründete Format.

Gern greift der Herausgeber ein, schon damit sich in News keine "Lulu" oder "Gagageschichten" wiederfinden. Kommt ihm derlei zu Gesicht, sind diese nach übereinstimmenden Berichten von regelmäßigen Ohrenzeugen zumindest von "Trotteln" verfasst worden. Wer aber würde schon dem so umgänglichen Chef in Momenten höchster Zeitnot vor Andruck so klar und rasch verständliche Fachbegriffe krumm nehmen? Wo es doch darum geht, die Republik wieder einmal in Atem zu halten.

Andere erzählen von der Einstufung als "Apfel-a"-Stories, benannt nach jener Tastenkombination auf Apple-PCs, die komplette Texte flugs ins elektronische Nirvana befördert. In diesem feinen Detail werden die Berichte aus dem Galaxie-Haus ein wenig widersprüchlicher: "Der Wolfgang weiß nicht, was Apfel-a ist", meint ein ehemaliger Mitstreiter. Welchen Geschichten dieses Schicksal blüht, aber sehr wohl. Und das sagt Wolfgang Fellner nicht unbedingt die Marktforschung. Sondern sein Bauch. Aus eben diesem heraus "macht er Zeitung".

Die empfindsame Leibesmitte sagt Fellner beispielsweise zu Wochenbeginn, was der Leser am Donnerstag, den 30. Juli 1998, braucht. Sonntagabend ist der längst totgesagte Bergmann Georg Hainzl wohlbehalten aus der eingestürzten Grube von Lassing befreit worden, wenig später quetscht es sich fast drohend aus dem Mundwinkel des Herausgebers, wie Augenzeugen berichten: "I wü' des Tagebuch vom Hainzl." Da mokiert sich der eine oder andere News-Redakteur noch hinter des Fellners Rücken, wie Hainzl in absoluter Finsternis ein solches anlegen hätte sollen. Macht nichts: "Exklusiv: Das Tagebuch" prangt Donnerstag darauf knallrot unterlegt auf dem Cover. Man organisierte sich eben "den Wortlaut seiner 90 Minuten langen, minutiösen Schilderung des Überlebens, die er nach seiner Rettung während der Fahrt nach Graz seinem Arzt Udo Anegg gab".

"Gespür" nennt ein anderer Mitstreiter diese Eingebungen Fellners. Manche davon sind freilich so kreativ nicht - vielmehr aus dem Motto geboren: Was die anderen haben, haben wir auch - und zwar schneller, schöner und besser. Veröffentlicht der trend etwa alljährlich - in einem nicht eben billigen Sonderheft - traditionell die "Top 500"-Unternehmen des Landes, so müssen es bei News alsbald die "Top 1000" sein, tunlichst noch vor Erscheinen dieses Goldenen trend. Kürt das Monatsmagazin traditionell einen "Mann (oder eine Frau) des Jahres", so wählt auch News einen "Manager des Jahres".

Für die Medienbrüder, die sich nach dem Werbeblock sehnen, nimmt der damalige ORF-Generalintendant Gerhard Zeiler auch einen Kleinkrieg mit dem Verband der Zeitungsverleger in Kauf. Erklärt eine seit den Sechzigerjahren gepflogene Abmachung mit der versammelten Printszene des Landes schlicht für obsolet. Und lässt die Fellners für ihren zweiten Wurf im Fernsehen werben. "Das hat auch viel gebracht", bestätigt ein tv-media-Insider die kommerzielle Richtigkeit des Fellnerschen Drängens nach Aufnahme in den Werbeblock. Nachsatz: "Im Gegenzug bedeutete das Schonung des ORF in den Produkten der Verlagsgruppe."

Ob ein ORF-Kurator nur die Öffnung der Werbeblöcke für die Fernsehillustrierte meint, wenn er hinter vorgehaltener Hand davon spricht, dass es "ohne den ORF tv-media nie gegeben hätte", ist nur eine Interpretationsmöglichkeit. Fellner selbst stimmt der Einschätzung durchaus zu - und erklärt sie als "sehr erfolgreiche Kooperation zwischen Gerhard Zeiler und uns". Insbesondere dadurch, "eine Fernsehillustrierte übers Fernsehen zu verkaufen". Das Tauschgeschäft beruht auf Gegenseitigkeit.

1998 beispielsweise weisen die Werbebeobachter von Focus dem Küniglberg die Rolle als größter Inserent in tv-media zu. Ein gut Teil davon kann als Gegengeschäft für die Spots der Verlagsgruppe im Fernsehen eingestuft werden. Aber immerhin sechs Millionen Schilling hat die ORF-Öffentlichkeitsarbeit für Imagewerbung zu vergeben, sagt der öffentlich-rechtliche Finanzplan 1999 - ein vergleichsweise bescheidener Betrag, will man damit beispielsweise Inserate finanzieren. Realistischer klingen da schon weitere 22,38 Millionen, die im Finanzplan für "Marketing, Publikumskontakt" vorgesehen sind. In der Gegenrichtung sind die Daten von Focus nicht minder beeindruckend.

Dass ORF und tv-media einander meist weniger kritisch als sympathisierend gegenüberstehen, schlägtsich zudem in einer besonderen Aktion nieder: "Starfilm-Kooperation" nennt sich das Unterfangen 1997/98. Und das bedeutet nach Angaben eines ORF-Insiders, dass tv-media wöchentlich einen der im ORF laufenden Spielfilme besonders promotet. Im Gegenzug braucht es weniger Bares: Werbung von Zeitungen und Magazinen im ORF muss normalerweise zu gut zwei Dritteln des offiziellen Spot-Preises in echtem Geld abgegolten werden. Das verbleibende Drittel dienen die Verlage zum größten Teil mit Einschaltungen von ORF-Inseraten ab - ein klassisches "Gegengeschäft". Bei der "Starfilm-Kooperation" hingegen ist die Sache nach Angaben vom Küniglberg ein wenig anders: Hier wird nur noch rund ein Drittel in Cash fällig. "Fellner war wegen der Konkurrenz der deutschen TV-Titel ein bisschen besorgt und wollte auf diese Art mit Österreich-Kompetenz punkten", erklärte ein ORF-Mann.

Harald Fidler in FALTER 40/1999 vom 08.10.1999 (S. 17)


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