full circle / ein kreis vollendet sich

von Ruth Weiss, Christian Loidl

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Verlag: edition exil
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 20/2002

Ruth Weiss, die "Göttin der Beat-Generation", wuchs in Wien auf, floh vor den Nazis in die USA und erinnert sich in ihrem Buch auch an die Stadt ihrer Jugend.



Ihre Poesie trägt Ruth Weiss gemeinsam mit Jazzmusikern vor. Weiss schreibt Jazz in Worten, wie es der Autor Jack Hirschmann einmal formuliert hat: "Others read to jazz oder write from jazz. ruth weiss writes jazz in words."
... Mit der Welt des Jazz kam Ruth Weiss in den Vierzigerjahren in Chicago in Berührung. Sie hat - wie die meisten Autoren der Beat-Generation, die ihr zutiefst romantisches Weltbild vom Künstler als Außenseiter nicht zuletzt dem Jazz entlehnten -, für den Bebop eines Dizzy Gillespie, Charlie Parker und Thelonius Monk geschwärmt. Der Jazz war in der materialistisch gepolten Nachkriegswelt eine Befreiung - "er hat mit festgefahrenen Mustern gebrochen".

"Wir nannten uns ,Bohemians', und als es mit der Beat-Generation los ging, war ich plötzlich mitten drin." Mit Jack Kerouac, den sie 1953 kennen lernte, war sie eng befreundet: "Er kam um drei, vier in der Früh vorbei, wir schrieben die ganze Nacht Haikus." Wobei Kerouac zugegeben haben soll: "Du schreibst bessere Haikus als ich." Ihr Credo des ungefilterten Schreibens hat Allen Ginsberg auf die Formel "first thought, best thought" gebracht.

Aber waren die Beatniks - im Kern ein kleiner Freundeskreis der Autoren Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Neal Cassady und William S. Burroughs - nicht eine ziemlich chauvinistische Männerveranstaltung? Erst 1996, als "Women of the Beat Generation" von Brenda Knight erschien, tauchten Namen von Frauen auf, die die Beat-Literatur wesentlich mitgeprägt hatten. Jetzt erst erfährt man, dass nicht Lawrence Ferlinghetti, sondern Ruth Weiss die Jazz-Poetry erfunden hat. "Burroughs, Ginsberg, Ferlinghetti waren sehr medienbewusst, es gibt Briefe, in denen sie darüber reden, wie sie es anstellen könnten, Aufmerksamkeit von den Medien zu erlangen. Sie machten sich sehr berühmt, die Frauen ignorierten sie. Ich kam zurecht, weil ich von keinem die Freundin oder Frau wurde, meine Liebhaber waren meist Maler"

Dass Ruth Weiss erst relativ spät Anerkennung fand - erst 1996 war sie in einer Beat-Culture-Ausstellung im Whitney Museum of American Art mit ihrem Avantgardefilm "The Brink" (1961) vertreten -, hat noch andere Gründe. Damals, zur Beat-Zeit, erinnert sich Weiss, redete niemand darüber, woher er kam: "Es ging um den Augenblick. Ich wusste von den meisten Freunden nicht mal, wo sie geboren waren." Woher kommt Ruth Weiss?



Ruth Weiss wurde 1928 in eine jüdisch-österreichische Familie in Berlin geboren. 1933 flohen die Eltern nach Wien. Ihre Großmutter hatte eine Pension im neunten Bezirk. Hier schrieb Weiss mit fünf ihr erstes Gedicht: "Es war einmal ein Bär / der hatte braune Augen / spazierte hin und her / und wollt zu gar nichts taugen." 1939 flüchtete die Familie mit dem letzten Zug, der die Grenze überqueren durfte, und landete schließlich in New York. Später ließ man sich in Chicago nieder. Ein kurzes Intermezzo führte Ruth 1946 nach Frankfurt - ihr Vater war in der US-Armee. Zwei Jahre verbrachte sie in einer Schweizer Schule, "learning French, learning to drink". 1948 die Rückkehr nach Chicago. Ruth zog von zu Hause aus, tauchte ins Künstlerleben ein, trampte per Autostopp durchs Land. Machte Halt im New Yorker Greenwich Village, landete 1952 in San Franciscos North Beach.

Bei aller Freiheitssuche hat ihre Vergangenheit Ruth Weiss nie losgelassen: "Ich war ein Nazi-Flüchtling und habe mich lange versteckt. Ein Teil von mir fühlte immer: Ich will nicht, dass sie mich finden." Geändert hat sich das erst 1993, als sie vom Holocaust Oral History Project interviewt wurde. Beim Betrachten dieses auf Video aufgezeichneten Gesprächs wurde ihr plötzlich klar, wie sehr die Schuld, überlebt zu haben (die gesamte Verwandtschaft ihrer Mutter war ermordet worden), auf ihr gelastet hatte. Früher hat sie sich die Haare geschoren, ihr Zimmer schwarz ausgemalt, hatte Angst, unter Menschen zu gehen. Jetzt, im Alter, öffnen sich Türen und schließen sich Kreise. 1998 war sie auf Einladung der Schule für Dichtung nach sechzig Jahren zum ersten Mal wieder nach Wien gereist. Weiss lebt mit ihrem "langjährigen Geliebten", dem Maler Paul Blake, dessen Gemälde zurzeit im Amerlinghaus zu sehen sind, ohne Fax und ohne E-Mail in Kalifornien am Land. Ihre Erinnerungen an Wien beschreibt sie in ihrem neuen, stark autobiografischen Buch, das alte und neue "lyrische Prosa" sowie ein ausführliches Interview enthält. Übersetzt wurde es von Christian Loidl noch kurz vor seinem überraschenden Tod im Dezember des Vorjahres, als er aus dem Fenster seiner Wohnung stürzte. Titel: "full circle / ein kreis vollendet sich".

Karin Cerny in FALTER 20/2002 vom 17.05.2002 (S. 20)


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