kein eigener ort

von Susanne Gregor

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Verlag: edition exil
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 107 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.11.2011

Rezension aus FALTER 41/2012

Sex steht unter Einverleibungsverdacht

Eine Entdeckung: "Kein eigener Ort", das Debüt der jungen, aus der Slowakei stammenden Autorin Susanne Gregor

Seit vielen Jahren führt Christa Stippinger ihre edition exil, die sich um literarische Talente mit Migrationshintergrund kümmert. Der Verlag ist fein, aber klein und hat Vertriebsprobleme. Das hatte zur Folge, dass Susanne Gregors Debütroman "Kein eigener Ort" fast unentdeckt geblieben ist. Gregor, 31, ist gebürtige Slowakin, aber lebt seit ihrem neunten Lebensjahr in Wien.
Wer Angst hat vor "Frauenliteratur", vor solcher, die Herzen oder Seelen zu formlosen Ergüssen bringt, der hat hier Gelegenheit, diese Angst abzulegen, auch wenn in Gregors Roman ein weibliches Ich mit aller gebotenen Intensität und Insistenz die Welt auf den Stand seiner Empfindungen bringt. Die strömende Ich-Rede wird nie formlos, sondern entwickelt ganz natürliche und zugleich disziplinierte Poesie; Metaphern z.B. sind nirgends Klingklang oder Wortprotz, sondern bringen durchgehend literarischen Mehrwert, nämlich den der Anschaulichkeit; eine seriös radikale Autorin.

Ina, Sprachpraktikantin in Budapest, verliebt sich in Tamás. "Liebe": Auf der Suche nach ihrer Identität – Ina schwimmt in einem undefinierten, orientierungslosen, widerstandsarmen Ich – okkupiert sie den Mann, um von ihm identifikatorischen Halt zu empfangen: "Was für ein Glück man doch hat, wenn man jemanden findet, der einem so genau zeigt, wer man ist."
Das ist natürlich eine aussichtslose Erwartung, andererseits eine unvermeidbare Sucht. Wer kann schon auf die Substanz eines festen Ichs verzichten, andererseits sie bzw. sich im anderen finden? Inas Körper steht Tamás zur Verfügung. "Wenn er mich lieben könnte", sagt sie, "dann wüsste ich was mit meinem Körper anzufangen." Der Körper ist aber auch nur Mittel (statt Zweck) und daher im Grunde genussunfähig. Ina schaut Tamás bei den Sexvorbereitungen an ihrem Körper zu, ohne sein Subjekt zu sein, passiv und höchstens objektinteressiert. Kein Wort der Lust oder Befriedigung.
Sex steht unter dem Verdacht, eine Gelegenheit zu sein, sich den Mann bedingungslos einzuverleiben. Unter Einverleibungsverdacht steht daher auch der mögliche Empfang eines Kindes. Ina fragt: "Liebst du mich?" – und verliert damit endgültig den Mann, der nur Besucher sein wollte oder konnte.
Eine Schlafwandlerin ihrer Wünsche: Die ausschließliche Gültigkeit ihrer Empfindungen macht Ina realitätstaub und totalitär. Sie wird sozial inkompatibel und sorgt immer wieder für Skandale.
Ein Tag ohne Tamás: "Ich stehe langsam auf, gehe ein paar Schritte im Zimmer herum, wie um meine Beine zu prüfen, ob ich auch ohne ihn noch gehen kann." Im Kasten dann sucht sie nach einem Kleid, "das von meinem bettelnden Körper ablenkt". Eine Parasitenfrau: Wenn der Mann da ist, steht sie ihm zur Verfügung; wenn er nicht da ist, wartet sie auf ihn; wenn er wegbleibt, zerbricht sie. Die unvermeidliche Katastrophe – Tamás' Abwendung – erfasst dann Inas ganzen Körper: Erbrechen, Fieber, Wahrnehmungsschwächen, Schlaflosigkeit für Tage.

Die Einverleibung des Mannes misslingt. Ina verliert ein Kind, sie überlebt mit den letzten Resten ihres Ichs. Tamás ist mit dem Kind aus ihrem Körper gefallen. Ina erinnert sich an ihre kleine Großmutter, die wuchs, als ihr Mann starb. Ihre Eltern kommen auf Besuch, sie hat Lust auf neue Kleider.
Wenn Ina tatsächlich, denkt man als Leser, von ihrer schweren Krankheit geheilt wird, dann ist man erleichtert, aber vielleicht auch ein bisschen enttäuscht, weil die Heilbarkeit den Leiden etwas Episodenhaftes gibt und etwas vom Gewicht des Existenziellen nimmt.
Susanne Gregor gelingt es, den Leser sowohl erleichtert als auch enttäuschungsfrei zurückzulassen. Ihr Roman hat die Ausdrucksintensität, Bildhaftigkeit und Direktheit der bedingungslosen Ich-Perspektive, ohne dabei peinlich oder aufdringlich zu werden und ohne diese weibliche Katastrophe als eine Krankheit zu diskriminieren oder zu verharmlosen. Die erzählerische Souveränität der Autorin ist für ein Debüt erstaunlich.

Helmut Gollner in FALTER 41/2012 vom 12.10.2012 (S. 18)


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