Imaginierte Antike
Österreichische Monumental-Stummfilme

von Armin Loacker, Ines Steiner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Filmarchiv Austria
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Der Prachtband "Imaginierte Antike", begibt sich auf die Spur eines filmhistorischen Kuriosums: des österreichischen Monumentalfilms der Zwanzigerjahre.

Dem Avantgardefilmemacher und leidenschaftlichen Satanisten Kenneth Anger waren sie der Inbegriff der Dekadenz der Unterhaltungsindustrie: "Hollywood Babylon" nannte Anger jene maßlosen, von Hunderten Handwerkern errichteten und von mexikanischen Komparsen bevölkerten Kulissen antiker Anmutung, die Regisseur D.W. Griffith in den 1910er-Jahren für Epen wie "Intolerance" aus dem kalifornischen Boden stampfen ließ.

Dass diese Großmannsucht auch im Österreich der Zwanzigerjahre ihre Ableger fand, belegt nun ein umfangreicher und prächtig illustrierter Band des Filmarchivs Austria: "Imaginierte Antike" erörtert anhand der Beispiele "Sodom und Gomorrha", "Die Sklavenkönigin" (beide von Michael Kertész, der später als Michael Curtiz in den USA unter anderem "Casablanca" inszenierte), "Samson und Delila" sowie "Salammbô" die Produktionsbedingungen, die filmhistorische Bedeutung und den kulturellen Kontext dieser wohl kuriosesten Hervorbringungen heimischen Filmschaffens.

In diesem Sinne versteht sich das Buch vorrangig als Beitrag zu einer Mentalitätsgeschichte des heimischen Kinos: Welche kulturellen Rahmenbedingungen, welche Tendenzen am (internationalen) Kinomarkt führten dazu, dass in einer Zeit der Rezession und des galoppierenden wirtschaftlichen Verfalls ganze Kulissenstädte am Laaer Berg (pikanterweise dem Ort der berüchtigten Ziegelwerke) hochgezogen, Tausende Komparsen in Fantasiekostüme gesteckt und pseudo-biblische Szenarien mit Pomp und Getöse in Szene gesetzt wurden?

Der interdisziplinären Erörterung dieser Fragen widmet sich der interessantere Teil des Bandes: So verortet die Orientalistin Regina Heilmann in ihrem Beitrag den internationalen Monumentalfilm im Kontext zeitgenössischer Exotismus- und Orientalismusdebatten, es wird die Bedeutungsproduktion in Kostüm (Brigitte Mayr) und Ausstattung (Jürgen Kasten) mit Beiträgen über die internationale Rezeption der Filme zusammengeführt. Gerade Letzteres erweist sich als enorm unterhaltsam. So beschreibt die Filmwissenschaftlerin Oksana Bulgakowa in ihrem Text, wie aus dem bigotten und prätentiösen "Sodom und Gomorrha" unter den kritischen Augen der sowjetischen Filmzensur ein antikapitalistischer (und deutlicher kürzerer!) Actionreißer wurde.

Schwächer sind hingegen die narratologisch orientierten Beiträge ausgefallen, was wohl damit zusammenhängt, dass etwa "Sodom und Gomorrha" - abseits seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung - im Grunde ein schlechter, dramaturgisch inkohärenter und moralisch verbrämter Film ist. Die Texte von Thomas Ballhausen (über die narrative Struktur von "Sodom und Gomorrha") oder Albert Kümmel (eine müßige Verteidigung der "Oberfläche") wirken entsprechend angestrengt. Und so zieht sich ein Rechtfertigungsgestus durch den Band, der bisweilen die Frage provoziert, ob hinter dem aufwendigen und ernsthaften Unternehmen einer Publikation dieser Größenordnung nicht der Zweifel steht, einen lohnenderen Gegenstand verdient zu haben.

Michael Loebenstein in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 37)


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