Reben

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Verlag: KITAB
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 10.01.2007

Rezension aus FALTER 14/2007

Morgengabe am Grassnitzberg

Die aus der Südsteiermark stammende Andrea Stift zerpflückt in ihrem Buchdebüt "Reben" ein "starkes" Stück Familiengeschichte.

Im literarischen Abarbeiten familiärer Spurensuche erkunden schreibende Nachkommen oft auch die eigene Identität. Mitunter mit dem Ziel, psychische Traumata zu lindern. Fernab von selbsttherapeutischer Absicht nimmt sich aber Andrea Stift die Biografie ihrer Urgroßmutter zum Stoff für ihr erstes Buch, das den Leser auf einen gut hundert Jahre durcheilenden Ausflug ins steirische und einstmals untersteirische Rebenland mitnimmt. Das historische Vorbild der Hauptfigur, Anna Stift, starb ein Jahr, bevor die heute 30-jährige Autorin Andrea Stift auf die Welt kam. Diesem Umstand verdankt sich der emotionale Abstand, den die Erzählerin zu ihrem Objekt hält, ein kühler Chronistenton verleiht der Geschichte gemessenen Ausdruck.

Die Vita der Anna Stift ist weniger bemerkenswert als deren Wesen: Mit dem Willen ausgestattet, "ein bisschen mehr Geld und ein bisschen mehr Macht zu haben als die anderen", findet die Tochter eines trunksüchtigen, bankrott gegangenen Holzhändlers aus der Gegend um Cilli/Celje ihr Glück in Straß in Gestalt der Ehe mit dem Geschäftsmann und Bürgermeister Carl Stift. Sie wird die "Alpha Löwin" ihrer Gemeinde, ein Weingarten am Grassnitzberg, den sie als "Morgengeschenk" vom Bräutigam bekommt, ist fortan Zentrum ihres Lebensinteresses. Anna, die sich als "Gnädige" ansprechen und mit Handkuss begrüßen lässt, gebietet über Familie, Winzer und Gesinde mit jener Selbstherrlichkeit, wie sie sonst Patriarchen an den Tag legen. Mit dem Aufstieg zur landwirtschaftlichen Unternehmerin ändern sich im Haushalt der Stifts lediglich die Vorzeichen sozialer Asymmetrien: von der Herrschaft in Richtung Matriarchat. Für die Winzer freilich, die von der "Gnädigen" "abgewatscht" werden, kommt zu den brennenden Backen noch die Scham. Als Gegenentwurf zu obsoleten Geschlechterrollen taugt die "starke" Persönlichkeit der Anna nicht; in Bezug auf die Autorin Andrea Stift, die - laut Klappentext - mit zwei Kindern und drei Katzen in Graz als freie Autorin und Journalistin lebt, erscheint die Figur der Urgroßmutter wie das Zerrbild einer emanzipierten Frau. Mit ihrem rein äußerlichen Ehrbegriff, den sie über alle Schicksalsschläge wie den Tod ihrer drei Söhne hinweg mit Konsequenz umsetzt, wird sie zur tragischen Figur. Ihre Geltungssucht führt schließlich zum Ruin des Familienbesitzes. Die zeitgenössische Chronistin, die ihre Informationen vor allem aus den in der Familie zirkulierenden Anekdoten bezieht, verzichtet weitgehend auf die fiktionale Ausgestaltung von Überlieferungslücken. Was die Familie kompromittieren könnte, wird nur vage angedeutet. Zu deren Verhalten während des Nationalsozialismus heißt es: "Man blieb, so gut es geht, bürgerlich" und "hält sich mit einer Unmenge von Kontakten, Bünden, Freundschaften irgendwie stromlinienangepasst". Das Leben der Urgroßmutter erscheint - aus heutiger Sicht - eher banal.

So verwundert auch nicht, dass die Frage nach dem Besonderen des Stoffs in der Erzählung selbst wiederholt zum Thema gemacht wird. Die Autorin zeigt gekonnt ihre Reflektiertheit, wenn sie mit Augenzwinkern auf die drei Stipendien hinweist, die sie zur Fertigstellung des Textes erhalten habe. Neben solchen Selbstkommentaren streut Stift auch Fachwissen über den steirischen Weinbau in ihr Buch ein. Die Gliederung der Erzählung nach dem Jahreslauf der vom Weinbauern zu verrichtenden Arbeiten mutet allerdings als klischeehaftes Kompositionsmittel an. Die Kritik an der Begradigung und Einebnung der südsteirischen Kultur-Landschaft und an deren Depravation zum Aufmarschgebiet diverser Schnösel trifft schon eher den Sinn jener, die sich noch an ein "authentischeres" Weinland diesseits der slowenischen Grenze erinnern. Mit ihrer "sortenreinen" Erzählung "Reben" legt Andrea Stift, die zuvor regelmäßig in der Literaturzeitschrift "manuskripte" publiziert hat, jedenfalls ein unaufgeregtes Buchdebüt vor. Und so besehen liefert dieser Text eine treffende Allegorie zur - konzentrierten - Arbeit am "Riegel".

Paul Pechmann in FALTER 14/2007 vom 06.04.2007 (S. 11)


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