Schwarze Lämmer

von Elfriede Kern

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Jung und Jung
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

In Elfriede Kerns Roman "Schwarze Lämmer" werden Hunde von einer Hexensekte geopfert, die möglicherweise gar nicht existiert.

Die Bücher von Elfriede Kern geben Rätsel auf. Sie sind spannend und ein wenig beklemmend. Und am Ende steht man da wie der Ochs vorm Berg und fängt an zu überlegen, was das alles bedeuten mag. So auch in ihrem neuen Roman "Schwarze Lämmer": Wer ist der Bote, auf den der junge Arthur wartet? Muss seine ältere Schwester Ada – Erziehungsberechtigte nach dem Tod der Mutter – nun bei der Hexe Maja und ihrer Sekte im Wald bleiben? Der Opferung von jungen Hunden, schwarzen Lämmern und Honig sowie dreier Menschen (oder nur deren Zungen?) bis zum bitteren Ende beiwohnen? Oder denkt sich Arthur die Geschichten mit Arthur, seinem älteren Freund und Berater Majas nur aus? So wie die ganze Welt hinter der undurchdringlichen Hecke im Stadtpark, in dem er herumzustreunen pflegt, während Ada in der Pfarre arbeitet? Die Ähnlichkeiten in Personage und Setting – Waldlandschaft, katholische Erziehung, Geschwisterhass – legen es nahe, "Schwarze Lämmer" als eine Fort-, eine Neuschreibung von "Kopfstücke" (1997), Kerns letztem Roman, in anderer Bebilderung zu lesen. Beide Icherzähler – sowohl Arthur als auch Yolande, die sich in "Kopfstücke" mit einem von der Axt ihres Bruders herrührenden Loch in der Schädeldecke durchs Leben schlägt, missbraucht von diversen Männern – scheinen emotional unberührbar. Sie sind zwar in der Lage, die unheimliche, surreale Welt, in der sie leben, sachlich und ein wenig geschraubt zu beschreiben, aber nicht, ihre persönliche Gefährdung zu durchschauen. Sind Kerns Helden naiv? Gefühllos? Oder verstellen sie sich etwa? Während man "Kopfstücke" noch mit gutem Willen als Kritik am Verhältnis der Geschlechter lesen konnte, als grotesken Antiheimatroman, so ist bei "Schwarze Lämmer" kaum eine über die Geschehnisse hinaus reichende Deutung möglich. Die Geschichte über einen geheimen Hexenkult ist jedenfalls mit Sicherheit kein Statement zur Esoterikwelle. Eine befriedigende Moral wird dem Leser hier wie dort verwehrt; nicht zuletzt dadurch, dass eine klare Trennung von Opfer- und Täterrollen ständig torpediert wird. Sowohl Yolande als auch Arthur beherrschen die Kunst, ihre Mitmenschen zu manipulieren und so – auf oft kaltschnäuzige Weise – zu dem zu kommen, was sie wollen. Wenn Arthur seinen Kopf buchstäblich in letzter Sekunde aus der Schlinge ziehen kann, dann jedoch merkwürdigerweise nicht durch seine List und Tücke, sondern – wie ihm der Bote erzählt – aufgrund der Fürsprache von Ada, Majas neuer Gefährtin. Will man dieser im wahrsten Sinne des Wortes haarsträubenden Geschichte einen Sinn, eine Logik abgewinnen, so bleibt nur eine Interpretation, die innerhalb des Romans nicht zweifelsfrei bestätigt wird: der Tagtraum, dessen einzige Maxime ja bekanntlich darin liegt, die Welt so zurechtzubiegen, dass das träumende Ich als Held aussteigt. So lässt sich auch die merkwürdige Furchtlosigkeit Arthurs im Angesicht der Gefahr erklären: Als Tagträumer hat er Leben und Tod ja immer in der Hand, kann sich also jederzeit einen Deus ex Machina herbeizaubern – den "Boten" in diesem Fall. Auf ihn wartet Arthur, wie man sich nun erinnert, ja schon am Anfang des Romans, unter seiner Bettdecke vor der keifenden Ada versteckt, die ihrem kleinen Bruder durch Verbote und Maßregelungen "das Leben zur Hölle gemacht hat". Dort könnte er sich also auch "Schwarze Lämmer" zusammengesponnen haben – ein Märchen als Racheakt an der Schwester, entstanden unter dem Federbett einer Bubenfantasie voller Hexen, Fliegenpilze, Baumhäuser, silberner Flöten und Zuckerstangen (von denen Arthur sich hier ausschließlich ernährt).Keine Parabel, aber ein eindringliches Bild der dunklen Seiten des (Halb-) Bewusstseins, das unter dem Deckmantel der Sozialisierung träumt und wacht.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 18)


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