Wilde
Geschichten von Frauen

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Verlag: Jung u. Jung
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Am geschwätzigsten ist Elke Naters' Kurzroman "Mau Mau" über einen Strandurlaub, den Susanne, Ida und Mika unternehmen. Dass noch zwei Männer zu der Gruppe gehören, merkt man erst später: Von Frank etwa behauptet Mika, er sei so erbärmlich, dass sie ihn "sofort in die Arme nehmen" müsse. Und von Carsten, dem anderen, heißt es ohnehin nur: "Ich habe noch keinen Mann erlebt, der gleichzeitig so sehr Mann sein will und dabei durch und durch Frau ist." Diejenige, die das Heft in der Hand hat – seis beim Cocktailtrinken, seis beim Kartenspielen – ist jedenfalls Mika. Im ersten Teil aus der Sicht Idas beschrieben, die Mika zugleich verkennt und verherrlicht, übernimmt sie in der zweiten Hälfte des Buches selbst die Erzählerrolle. Die aufopfernde Liebe, die sie ihrem schwer kranken Freund Frank entgegenbringt, wird dadurch schnell als das erkennbar, was sie ist: eine Spielart von Mikas Geltungstrieb. Der zunehmenden Verschlechterung von Franks Gesundheitszustand liegt ein wohl durchdachter Plan seiner Freundin zugrunde. Elke Naters entwirft eine Szenerie der Unmittelbarkeit, in der alles so einfach und flüchtig ist wie beim Friseur. Jeder Satz sitzt perfekt und ist gleichzeitig von nicht zu überbietender Belanglosigkeit. Als Leser ist man den Figuren auf dieselbe beklemmende Art ausgeliefert wie den Gesprächen der Leute am Nebentisch.Auch den Protagonistinnen von Patricia Josefine Marcharts Erzählband "Wilde" ist man näher, als man es eigentlich sein möchte. Die 1971 in Linz geborene Autorin interessiert sich nur für die kurzen Momente, in denen sich ihre Frauen etwas trauen. Das kann makaber enden, wie im Fall von Daria, die beschließt, ihren Mann mit Taubenkacke zu vergiften, oder recht lustvoll wie bei der Afrika-Reisenden, die angesichts des attraktiven Zimmerkellners zur Sex-Touristin wird. In Marcharts "Geschichten von Frauen" (so der Untertitel) entblößen Frauen in der Öffentlichkeit den Busen oder trachten den Vätern, von denen sie missbraucht werden, nach dem Leben. Doch je ungehemmter und emanzipierter sie sich benehmen, desto wichtiger wird der weibliche Körper als Sollbruchstelle zwischen den herrschenden Verhältnissen und den erträumten Idealen. An ihm vollzieht sich – nicht unbedingt schmerzhaft, aber in jedem Fall spürbar – die jeweilige Entwicklung. Eine Frau hat ihr Baby getötet, um in dem Leichnam Drogen zu schmuggeln; ein pubertierendes Mädchen bietet sich nackt ihrer Freundin dar, weil sie über alle Maßen in deren Bruder verliebt ist. Wenn man so will, sind all die Franziskas, Wendys, Isabellas,Mias und Lisas die Töchter und Enkeltöchter der Jelinek'schen "Liebhaberinnen". Zwar sind sie dank Yoga, Mondphasen und Apfelessig längst fähig, einen "natürlichen" Umgang mit sich zu pflegen, das prägende Lebensgefühl, ihren Körper nützen und benützen zu müssen aber bleibt. Das kann bis zur Selbstauflösung gehen: "So trieb Martha mehr Tage ihres Lebens in der Seine, als sie lebte. Die Jahre im Wasser hatten ihren Körper nicht aufgedunsen, nicht weichten sie ihr Haar, und als es Zeit war, konnte man die Leiche nicht bergen, zu wenig war geblieben von ihr."Deftigkeiten gehen dem Roman der in Berlin lebenden Autorin Elke Schmitter völlig ab, die Freundinnenwelt in "Leichte Verfehlungen" ist dennoch die interessanteste von allen. Schmitters Protagonistinnen sind um die vierzig, gesellschaftlich wie intellektuell arriviert und von ihrem Aussehen her so "unbetont, wie das für Geld nur zu erzielen war". Im Leben der Freundinnen Selma und Bettina haben sich genug Dinge aufgehäuft, sodass eine gewisse Fallhöhe gewährleistet ist. Voll Ehrgeiz und abgeklärt die eine, in einer unglücklichen Beziehung verrannt die andere, sind sie nun an einem dieser Punkte im Leben angelangt, an denen man entweder eine Abzweigung nimmt oder beschließt, doch noch auf die nächste Gelegenheit zu warten. Schmitters Figuren nähern sich einer solchen Entscheidung wie einer Abfahrt auf der Autobahn: Beim ersten Hinweisschild glaubt man noch, alle Zeit der Welt zu haben; irgendwann aber sind es dann nur mehr wenige Meter, und man ist noch immer nicht in der richtigen Spur. Dementsprechend gemächlich geht es zu. Kinder werden in die Kita gebracht, Theateraufführungen besucht, Bücher gelesen. Dazwischen gibt es Tee, Prosecco und hintersinnige Gespräche. Obwohl die Handlung eindeutig im Berlin der letzten zwei, drei Jahre spielt, befindet man sich in einem zeitlosen Raum weiblichen Haderns und Hoffens. Wie schon bei Jane Austen sind die Frauen so etabliert, dass sie nicht mehr viel zu tun, aber umso mehr zu ersehnen haben. "Sie studierte durchaus erfolgreich, sie hatte Freunde, ihre WG war ganz in Ordnung usw., und doch gab es dieses juckende Bedürfnis, aus diesem Leben herauszuspringen, das sie doch für ihr eigenes gehalten hatte " Das Besondere an Elke Schmitters Roman ist, dass er nicht in die Tiefe geht, sondern in die Höhe. Man erfährt von keinen seelischen Abgründen, dafür turnen sich die Figuren von einer Metaebene zur nächsten hoch. Goethes Werk ist im Roman als eine Art Überbau präsent, den die Figuren zu erreichen versuchen. Doch ihre Anstrengungen sind vergeblich, tragische Wahlverwandtschaften existieren nur als Andeutung. Als Selma etwa in Bettinas Wohnzimmer einen Kollegen trifft, an dem sie selbst interessiert ist, und dann noch Bettinas Mann dazustößt, ist die entstehende Spannung und Wut zwar "von einer fast gegenständlichen Wucht", doch im nächsten Moment lösen sich die zwei Gruppen auch schon wieder auf, "nur gebremst durch das von allen geteilte Bedürfnis, den plötzlichen und unwiderruflichen Umschwung der Stimmung durch besondere Höflichkeit zu kaschieren". Und so wie das aufziehende Gewitter auf sich warten lässt, so krachen auch die Menschen nicht aufeinander. Am Ende geht es für alle weiter wie bisher, ganz langsam, und man weiß: Die Freundinnen werden auch die nächste Abzweigung knapp verfehlen.

Verena Mayer in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 11)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Mau Mau (Elke Naters)
Leichte Verfehlungen (Elke Schmitter)

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