Jakobus, Stiefsohn Gottes

von Nikolaus Glattauer

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Verlag: Jung und Jung
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Nikolaus Glattauer zeigt die Heilige Familie als zerstrittenen Haufen, Norbert Silberbauer das bigotte Personal einer katholisch geprägten Kleinstadt.

Wenn es in Büchern um Religion geht, ist schnell Schluss mit lustig. Ein geradezu biblisches Gezeter hebt an, und das laute Für und Wider trübt den Blick aufs Wesentliche - das Buch selbst. Oder kann sich noch jemand erinnern, was an Gerhard Haderers Cartoons über das Leben Jesu wirklich dran war? Nun appellieren wiederum zwei österreichische Autoren - übrigens beide 43 Jahre alt und von Beruf Lehrer - an religiöse Gefühle.

Stoff für Empörung bietet Nikolaus Glattauers Debüt "Jakobus, Stiefsohn Gottes", in dem die Heilige Familie als ziemlich zerbröselt dargestellt wird. Vater Josef, mürrisch und stumm, verlässt als Erster die desolate Sippschaft. Mutter Maria, ein kaltherziges Weib, ist mit ihrem widerborstigen Sohn Jesus heillos überfordert, dieser kneift aufgrund einer Sehschwäche immer die Augen zusammen und wird als weltfremdes "Zwinkerchen" dargestellt. Die Schwester wird vergewaltigt, die Nichte an die Römer verkauft und so fort. Allein Jesus' ältester Bruder Jakobus, die Hauptfigur des Romans, scheint einigermaßen bei Sinnen zu sein.

Ausgehend von der Stunde seines Todes - Jakobus wird als Märtyrer vor den Toren Jerusalems gesteinigt - wird die pikante Familiengeschichte als Rückblende erzählt. Um an Spannung und Tempo zu gewinnen, wechselt Glattauer häufig die Erzählperspektiven, führt Brüche ein, hechelt durch die Biografien der Figuren und verliert dabei nicht selten den Faden. Noch dazu wird die reichlich makabre Familiensaga mit Anspielungen auf die Gründung der Urchristengemeinde überfrachtet. Vermutlich strebte Glattauer, der nach langen Jahren als Journalist nun als Lehrer in Wien tätig ist, auch eine gewisse religionsgeschichtliche Authentizität an, die allerdings auf Kosten erzählerischer Klarheit geht. Ganz anders Norbert Silberbauer. Der Deutschlehrer aus Niederösterreich verwebt seine Erzählfäden mit leichter Hand, die Episoden bestechen durch sprachliche Eleganz und perfiden Witz. In seinem Band "Die elf Gebote" liefern die zehn Gebote Motiv und Titel für Kurzgeschichten; das elfte lautet etwas unoriginell "Du sollst nicht Sport treiben". Jede Erzählung stellt eine Person auf die Probe: Schafft sie es, der heiligen Order zu gehorchen? Alle elf Protagonisten bewohnen dieselbe Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, die Männer ihre Frauen "Mama" nennen und man - bigott bis zum Gehtnichtmehr - den schönen Schein zu wahren versucht.

Mit wenigen Strichen charakterisiert der Autor die Figuren so überzeugend, dass wir sie für unsere Nachbarn halten könnten; Burli etwa, einen tadellosen 53-jährigen Bankangestellten mit Kugelbauch, der noch immer bei seiner Mutter wohnt, und die alte Frau schließlich mit ihren eigenen Stützstrümpfen erwürgt. Oder die geschiedene Malerin Anna, passionierte Katzenmama mit Hängebrüsten, die still und heimlich nicht nur ihren Nachbarn ins Jenseits befördert. Nach und nach aber bricht im wohlgeordneten Alltag die Katastrophe aus: Viele Episoden münden in Mord und Totschlag, nebenher wird munter gesoffen und unter der Bettdecke onaniert. Und die Moral der bitterbösen Geschichten: Wer sich am meisten quält, den Geboten zu folgen, verfehlt diese am häufigsten.

Petra Rathmanner in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 16)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die elf Gebote (Norbert Silberbauer)

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