Die Alaskastraße
Roman

von Xaver Bayer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Jung u. Jung
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 152 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.02.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Der Protagonist von Xaver Bayers zweitem Roman, "Die Alaskastraße", betreibt buchstäblich Nabelschau.

Beim Zähneputzen fiel mir auf, dass die Marke des Badezimmerföhns BDM hieß. Ich glaubte im ersten Moment an einen schlechten Scherz. Unter der Dusche stehend, während ich mir die Haare wusch und dabei die Augen geschlossen hatte, dachte ich daran, wie sehr ich erschrecken würde, wenn jetzt jemand den Duschvorhang zur Seite reißen würde. Ich stellte mir die dazu entsprechende Filmszene vor, sodass ich wirklich Angst bekam und mir schnell den Schaum abspülte, um wieder sehen zu können. Das Handtuch hinterließ nach dem Abtrocknen einen unangenehmen Geruch auf meiner Haut. Als ich mich nackt im Spiegel betrachtete, erschien mir mein Nabel wie ein Vorwurf. Ich ging nicht weiter darauf ein, sondern begann, mich mit der üblichen Routine anzukleiden. Bevor ich die Socken anzog, die ich schon am Vortag getragen hatte, versuchte ich anhand der Wölbungen, die meine Zehen am Sockenende hinterlassen hatten, festzustellen, welchen ich rechts und welchen links angehabt hatte. Als ich aus dem Polstersessel aufstand, in dem ich gesessen hatte, um mir die Schuhe zuzuschnüren, knisterte und raschelte er für einige Sekunden, in denen er seine ursprüngliche Form wieder annahm, so wie sich zerknülltes Papier von selbst wieder ein wenig entfaltet, wenn man es loslässt."

So eine Passage aus Xaver Bayers neuem, zweitem Roman "Die Alaskastraße". Es gibt da einen beobachtungsmanischen Protagonisten, der durch zwei, drei Wochen seines tumben Lebens taumelt, und abgesehen davon so gut wie gar nichts. Gar nichts außer Ennui, Larmoyanz, Antriebslosigkeit und Tristesse, und reichlich Welt- und Selbstekel sowieso. Gegen Ende wird das Odysseechen dann noch ins pseudopathetisch Psychopathologische hochgepusht, also gegen einen Baum gedonnert (Raserland!), in einem Holzhüttlein eingesiedlert und Selbstverstümmelung betrieben: "Ich hatte meine Mission erfüllt." Jaja.

Dabei wäre Bayers literarisches Debüt von 2001 ja durchaus kein schlechtes gewesen! Der Protagonist von "Heute könnte ein glücklicher Tag sein" lässt zwar schon zahlreiche charakterliche Parallelen zu seinem "Alaskastraße"-Kollegen erkennen, dankenswerterweise erlaubt Bayer ihm (und dem Leser) aber, seiner Beobachtungsmanie in einer einigermaßen variablen Umgebung zu frönen. Es gibt nette Landpartien und Gasometergeklettere, Partys, einen Disco- und einen KZ-Besuch und auch reichlich spontane Städtereisen. Der in fein simpel-lakonischem Erzählton dahinklingende Roman des 1977 geborenen Wieners ist jahreszeitlich grob strukturiert und erzähltechnisch abwechslungsreich.

Nicht so "Die Alaskastraße". Gerade mal zwei Nebenfiguren dürfen kurz aus dem Nebel der Bayer'schen Erzähldüsternis auftauchen. Ansonsten: Kündigung des Protagonisten, Urlaub mit Freundin, Nichts-mit-sich-und-der-Freundin-anzufangen-Wissen und also Viel-Alkohol-Trinken im Urlaub mit Freundin, Freundinnenflucht, Odyssee, Baumrasierer und Holzhütte (siehe oben). Mehr Monotonie war nie.

Stefan Ender in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 14)


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