Tabula rasa
Vier Erzählungen

von Elfriede Kern

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Jung und Jung
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Elfriede Kern macht in ihrem neuen Erzählband auf gewohnt beklemmende Weise "Tabula rasa".

Die Texte von Elfriede Kern haben etwas von einem dunklen Edelstein, sagen wir, einem Amethyst. Sie funkeln geheimnisvoll und ein wenig bedrohlich. Sie sind gänzlich aus der Mode, in dem Sinne, dass ihnen alles Zeitgemäße abgeht: Hier gibt es keine Handys, U-Bahnen, Kindheitserinnerungen und Beziehungsprobleme, sondern Botentaschen, Fußmärsche, Spindeln, Feuerstellen, Wegkreuzungen, Holzhacker und naive Mädchen.
Auch Kerns Diktion fällt aus unserer Alltagswelt. Beinahe absatzlos und mit einem Zug ins Verstaubte, Amtsdeutsche, die Dialoge bevorzugt in indirekter Rede, wird hier eingewilligt, vereinbart, aufgefordert und abgelehnt. Mit Adjektiven und Steigerungen, die beinahe Museumswert haben: rundweg, unumstößlich, anstellig, ausgezeichnet, aufs Beste, über die Maßen, überaus, leidlich, aufs Allerstrengste, auf das Unangenehmste, auf das Allermanierlichste usw., usf., in gnadenloser, programmatischer Wiederholung.
Auch die vier Erzählungen in Kerns jüngstem Band "Tabula rasa" spielen in dieser (Sprach-)Welt, die an Poe, E.T.A. Hoffmann und ein wenig an Kafka gemahnt, voll Umständlichkeiten, Barrieren und rabenschwarzer Romantik. Als geübte Kern-Leserin bewegt man sich damit auf so vertrautem Terrain, dass einem die Geschichten ineinander verschwimmen. Die Protagonisten sind – wie schon in den letzten Bänden "Kopfstücke" (1997) und "Schwarze Lämmer" (2002) – naiv und verschlagen, selbstlos und selbstzerstörerisch, hilflos und herzlos zugleich. Sie stets ungreifbar und unfähig, sich auf Situationen oder auf andere einzulassen, und deswegen ruhelos, immer bloß irgendwo zu Gast oder schon wieder auf der Flucht – auch vor sich selbst.
So wie die Ich-Erzählerin in "Ruth schläft", der bei weitem längsten Erzählung des neuen Bandes. Als Mitglied einer abgehalfterten Zirkustruppe zieht sie sich mit der Akrobatin Blanka in ein Winterquartier zurück, um diese "auf das allerhärteste zu trainieren" und sie damit auf das "geplante glanzvolle Comeback im Frühjahr" vorzubereiten. Eine typische Kern'sche Welt aus sadistischen Beziehungen und Abhängigkeiten, in der das mangelnde Gewissen der Täter und die Leidensunfähigkeit der Opfer einander aufzuheben scheinen.

Blanka oder vielmehr ihre Narkolepsie (eine Parallele zu Kerns Interesse an der Schädeltrepanation im Band "Kopfstücke") hat zum Ruin der Truppe geführt. Und Ruth, ihrer Trainerin und Vertrauten, bleibt in dem einsamen Haus, wo nachts ein Tier an der Wand schabt, nichts anderes üblich, als Blanka mitleidslos zu schinden, eine Frau in einer Männerwelt, die sich ständig (und ohne Ironie) zu "ermannen versucht", sich letztendlich doch zur Flucht entschließt, vom Regen in die Traufe kommt, wieder flieht, sich am Ende "fürs Erste in Sicherheit" wähnt. Selbstbestimmung? Gibt es nicht!, scheinen diese Texte zu rufen.
Elfriede Kern ist ein Monolith in der österreichischen Literaturlandschaft, so befremdlich, dass es süchtig machen kann. Wie ihre Helden dekliniert sie ohne mit der Wimper zu zucken eine Handvoll von Gedanken und Vokabeln immer aufs Neue durch. Vielleicht mittlerweile ein wenig vorhersehbar, aber immer noch faszinierend.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 10)


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