Wer braucht Gott?

von Christof Schönborn, Barbara Stöckl

€ 19,95
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Verlag: Ecowin
Format: Hardcover
Genre: SachbĂŒcher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.08.2007

Rezension aus FALTER 41/2007

NĂŒtzt Religion?

Peter Sloterdijk findet, dass die Monotheismen allesamt ziemlich gefÀhrlich sind. Christoph Schönborn erklÀrt Barbara Stöckl, dass das Christentum auch seine praktischen Seiten hat.

Die "Renaissance der Religionen" hat eine Reihe von EigentĂŒmlichkeiten, die sich nicht darin erschöpfen, dass neuerdings wieder Menschen andere Menschen köpfen oder in die Luft sprengen, weil sie sie fĂŒr "UnglĂ€ubige" halten. Auch ein paar alte Debatten und Fragen kehren wieder, gut abgelegen in den Archiven der Geistesgeschichte und lange vergessen. So gibt es ein Revival der Religionskritik, wie der Erfolg von BĂŒchern wie "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins oder der von Christopher Hitchens kleinem Pamphlet "Der Herr ist kein Hirte" (siehe Besprechung S. 40) zeigt. Eine der SchlĂŒsselfragen, die neuerdings wieder den öffentlichen Diskurs prĂ€gten, ist: Machen die Religionen die Menschen gut oder schlecht?

Zeitgenössische, aufgeklĂ€rte GlĂ€ubige fĂŒhren ja fĂŒr ihre Religion schon seit lĂ€ngerer Zeit zwei Dinge ins Treffen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Erstens: Sie ist wahr. Zweitens: Sie ist nĂŒtzlich. Und da der Wahrheitsgehalt nicht wirklich zu beweisen ist und viele Menschen heutzutage spontan an Dingen wie der Jungfrauengeburt, der Aufspaltung Gottes in verschiedene Betriebsmodi - Vater, Sohn, Heiliger Geist - oder dem Gipfeltreffen von Moses und Jahwe am Berg Sinai zweifeln, wird mehr und mehr Gewicht auf das zweite Argument gelegt.

Glaube ist, mag er auch nicht wahr sein, dann doch irgendwie praktisch. Und zwar deshalb, weil er den Menschen Sinn gebe, BĂŒrger, die ansonsten atomisiert nebeneinanderher leben wĂŒrden, zu einer Gemeinschaft zusammenschmiede, und er aus Berserkern tugendhafte Leute mache.

Unter den Neuerscheinungen, die dieses Thema fortspinnen, stechen zwei hervor, die in Stil und Typus unterschiedlicher nicht sein könnten. Wiens Kardinal Christoph Schönborn erklĂ€rt im GesprĂ€ch mit TV-Talkerin Barbara Stöckl, warum Religion gut ist, Peter Sloterdijk meldet in seinem neuesten Großessay Zweifel an. Um es gleich vorweg zu sagen: Sloterdijk liefert wieder einmal ein luzides Opus ab, gelehrt und geistreich, auf einem literarischen Niveau, das heute nur wenige Philosophen zu erreichen vermögen. Aber das hatte man ja nicht anders erwartet. Überraschend dagegen ist der Großdialog von Kardinal und Talkmasterin: Auch dies ein kluges Buch mit guten Fragen und prĂ€zisen Antworten.

Sloterdijk hĂ€lt sich bei seiner BeschĂ€ftigung mit der GewalttĂ€tigkeit der Religionen nicht bei deren Kriminalgeschichte auf. Sloterdijk fragt, ob es nicht in den großen Monotheismen ein Aggressionspotenzial gebe, ein inhĂ€rentes Eiferertum, eine Unterwerfungslust, und ob das SĂŒndengerede wirklich moralische Menschen produziere - oder nicht doch eher Neurotiker.

Sloterdijk denkt fort, was Jan Assmann in seiner vieldiskutierten Studie "Die Moseische Unterscheidung" provokant proklamiert hat, nĂ€mlich dass erst der Monotheismus das Kriterium "wahr"/"falsch" in die Religionsgeschichte eingefĂŒhrt habe. Juden, Christen, Muslime sind der festen Überzeugung, ihr Gott sei der "Einzige", der Wahre, wĂ€hrend die anderen falschen Göttern anhingen.

So steckt in jeder der drei großen monotheistischen Religionen ein Kern an Eiferertum, den sie, bei aller MĂ€ĂŸigung und AufklĂ€rung, gar nicht loskriegen können. Verharren im Unglauben sieht der monotheistische Eifer seit je als Verbrechen - da sieht es beim Christentum, das sich als "Religion der Liebe" vorstellt, nicht viel anders aus als bei Islam und Judentum. "Daher umgibt sich die Heilsbotschaft seit ihren ersten Tagen mit einer Eskorte aus Drohungen, die den Überzeugten das Schlimmste in Aussicht stellen. Zwar spricht das Evangelium davon, nach allen Seiten Segen bringen zu wollen, doch auf die Nichtbekehrten wĂŒnscht der christliche Militantismus von der ersten Stunde an den Fluch des Himmels herab."

Den UnglĂ€ubigen gilt die Verdammnis als sicher, und selbst ĂŒber den GlĂ€ubigen hĂ€ngt stets das Schwert ewigen Verderbens. Die Menschenliebe des imaginierten Ewigen hat die Bedrohlichkeit einer Liebe, der man nicht entgehen kann: "Wen der Herr liebt, den zĂŒchtigt er." Gesund ist diese Fixierung auf die SĂŒndhaftigkeit gewiss nicht, und ihre Kehrseite ist die "Unduldsamkeit und der Hass". Kirchenvater Augustinus, der die ErbsĂŒnde in aller theologischen Perfidie ausformulierte, hat, so Sloterdijk, das "abgrĂŒndigste System des Schreckens, das die Geschichte der Religionen kennt", erfunden. Schon Babys kommen als Verdammte zur Welt, und wenn sie ungetauft sterben, kommen sie in die Hölle. "Sakraler Terrorismus" sei das, meint Sloterdijk, und kaum etwas hat so viel zur "Neurotisierung einer Zivilisation" beigetragen wie die PrĂ€destinationsmetaphysik.

Ob eine solche ReligiositĂ€t der MoralitĂ€t wirklich nĂŒtzt, ist sehr fraglich. Gewiss sind die heiligen Schriften der großen Monotheismen auch so etwas wie das Inhaltsverzeichnis der moralischen Imperative der Menschheit, aber es ist doch sehr diskussionswĂŒrdig, ob die Moral den Glauben braucht. In diesem Sinne schreibt der Soziologe Gerhard Schulze in dem kleinen Sammelband "Was ist eine gute Religion?", herausgegeben vom NZZ-Redakteur Uwe Justus Wenzel: "So ist NĂ€chstenliebe kein Monopol der Religionen, die oft genug als NĂ€chstenhasser aufgetreten sind, sondern eine anthropologisch gegebene Disposition."

Nun, um das weniger apodiktisch zu formulieren: Es gibt genĂŒgend GlĂ€ubige, die gute Menschen sind, und es gibt genĂŒgend Atheisten, die auch gute Menschen sind. Umgekehrt ist es leider ebenso. Nur gibt es genug gute Menschen, die schlechte Dinge tun, weil sie glauben, dass ihr Gott exakt das von ihnen erwartet.

Das ist so ziemlich der einzige Zusammenhang von Religion und Moral, der nicht zu bestreiten ist. Es versteht sich von selbst, dass Kardinal Christoph Schönborn all das ziemlich anders sieht. Schönborn liefert im flotten Plauderton, bei dem es aber nie allzu seicht wird, ein Exempel dafĂŒr, wie die AufgeklĂ€rteren unter Gottes Bodenpersonal die Dinge sehen. Klar, hin und wieder macht er sich so lĂ€cherlich, wie das der Kirchenferne von KardinĂ€len erwartet, etwa wenn er die Beichte "eine wöchentliche oder regelmĂ€ĂŸige Powerstation" nennt.

Schönborn ist gegen eine politisierende Religion, aber Religionen sind nie unpolitisch, weil sie auf die gesellschaftliche Moral abzielen. "Die Grundfrage ist, ob auf die Dauer eine Moral ohne eine transzendente BegrĂŒndung, ohne eine BegrĂŒndung in der Religion, im Glauben an Gott, ohne eine Verbindlichkeit Gott gegenĂŒber zu halten ist" - dies sei, so Schönborn, sehr "fraglich". Die Moral gehe "baden", wenn man Gott nicht ĂŒber sich wisse. Schönborn: "Die Drohung mit dem Gericht Gottes, die tut uns ganz gut."

Nun ist das gewiss eine fragwĂŒrdige Anthropologie. Glaubt Schönborn wirklich, wenn er nicht vor Gott Angst hĂ€tte, er wĂŒrde stehlen, morden, vergewaltigen? Glaubt er zumindest, dass dies viele Menschen tĂ€ten? Und wie passt das mit dem Satz zusammen: "Ich denke, die meisten Menschen wissen im Innersten sehr genau, was richtig ist und was nicht." Da zu "den meisten Menschen" ja offenbar auch NichtglĂ€ubige zĂ€hlen, geht die Moral ohne Gott offenbar doch nicht vollends baden.

Im Ganzen liest sich Schönborns Rede wie ein Exempel zu einer ironischen Wendung Sloterdijks ĂŒber den gelĂ€uterten monotheistischen Eifer, der sich, in Hinblick auf die heiligen Schriften und den theologischen Kanon in "wĂ€hlerischem Umgang mit dem Gesamttext" zeigt. Die Religionen sind zivilisiert, wenn ihren AnhĂ€ngern "viele Stellen aus den eigenen sakralen BĂŒchern, aus denen der heilige Furor redet, wie peinliche Archaismen vorkommen". Auf die christliche SĂŒndenobsession und namentlich auf die ErbsĂŒnde angesprochen, erklĂ€rt Schönborn, die Menschen seien gut, hĂ€tten aber auch "einen Hang zum Bösen", im Übrigen erinnere man sich an das Jesu-Wort: "Wer von euch ohne SĂŒnde ist, der werfe den ersten Stein."

Man solle sich freilich nicht mit falschen SchuldgefĂŒhlen quĂ€len, die "entstehen nicht natĂŒrlich, sondern werden einem Menschen aufgezwungen, anerzogen, eingeimpft und sind auch gefĂ€hrlich." Die Kirche habe mit dieser Schuldbesessenheit aber nicht mehr zu tun als jede andere Institution. Wie war das noch mal mit der Gier nach der Bestrafung der SĂŒnder, mit der Drohung ewiger Verdammnis?

Nun, da hĂ€tte Frau Stöckl noch etwas heftiger nachfragen können. Aber wir wollen nicht beckmessern. Alles in allem ein gutes Buch, auch da, wo es die SchwĂ€che einer ReligiositĂ€t zeigt, die aus dem "apokalyptischen Tunnel" (Sloterdijk) herausgefahren ist und hĂ€nderingend zu beweisen versucht, warum sie trotzdem noch fĂŒr etwas gut ist. "Religion ist sehr nĂŒtzlich", weiß der Kardinal, schon das Evangelium sei voll "von ganz utilitaristischen Überlegungen".

Nutzt's nichts, dann schad's nichts, wie der Wiener sagt. Ein Glaube, wie der, den Christoph Schönborn vertritt, der richtet wenig Schaden an und tut niemandem weh. Und das ist, wie Peter Sloterdijk zeigt, ohnehin das Beste, was man ĂŒber eine Religion sagen kann.

Robert Misik in FALTER 41/2007 vom 12.10.2007 (S. 39)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Was ist eine gute Religion? (Uwe Justus Wenzel)
Gottes Eifer (Peter Sloterdijk)

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