Ware Frau
Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa

von Corinna Milborn, Mary Kreutzer

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Verlag: ecowin
Erscheinungsdatum: 01.04.2008

Rezension aus FALTER 32/2009

Wer in der Nähe des Praters wohnt, kann die schwarzen Frauen nicht übersehen, die hier nachts am Straßenstrich stehen. Einige hundert Nigerianer­innen, schätzt Exit, gehen in Wien der ­Prostitution nach, die meisten nicht freiwillig.
Das Geschäft folgt stets einem ähnlichen Muster: Junge Frauen werden mit einem Flugticket nach Europa gelockt, samt der Aussicht, dort Asyl zu bekommen. Zunächst jedoch, sagt man ihnen, müssten sie die Kosten für Reise und Vermittlung zurückzahlen. Bei Ankunft belaufen sich die angeblichen Schulden auf durchschnittlich 40.000 Euro, diese müssen am Strich abgearbeitet werden. Laufend werden neue Spesen für Kost, Quartier und Kleidung dazugerechnet. Eine Madame, meist eine Ex-Prostituierte, ist für die Alltagsorganisation mehrerer Mädchen verantwortlich.
Die österreichische Asylpraxis spielt den Menschenhändlern in die Hände. Diese legen den Frauen nahe, der Asylbehörde erfundene Geschichten zu erzählen – sie wissen, dass diese Anträge chancenlos sind; allerdings auch, dass deren Bearbeitung Monate bis Jahre dauern kann, in denen die Frauen viel Geld abliefern. Auch warnen die Menschenhändler die Frauen vor dem Rassismus der österreichischen Behörden: Wer sich der Polizei anvertraue, werde sofort eingesperrt. Dass Asylwerberinnen sich prostituieren, ist laut österreichischem Recht völlig legal – Prostitution ist, als "freies Gewerbe", einer von wenigen Jobs, die sie ausüben dürfen. Wenn schließlich der ablehnende Bescheid kommt, übernimmt der österreichische Staat ihre Abschiebung nach Nigeria. So kommen die Vermittler niemals in Verlegenheit, eine Frau nach Abarbeitung aller Schulden freigeben zu müssen. Auch mögliche Belastungszeuginnen sind sie los.
Tragische Ironie: Würden die Frauen ihre wahre Geschichte erzählen, wären ihre Chancen auf Asyl größer. Außerdem setzt Exit auf eine neue Bestimmung im Opferschutzgesetz: Seit 1. April hat ein Opfer von Menschenhandel das Recht auf unbeschränkte Niederlassung in Österreich – vorausgesetzt, es kooperiert mit den Behörden. In der Praxis herumgesprochen hat sich das bisher noch nicht.

Sibylle Hamann in FALTER 32/2009 vom 07.08.2009 (S. 32)


Rezension aus FALTER 5/2009

Von Madames und anderen Menschenhändlern

An die 30 Millionen Sklaven soll es weltweit geben – mehr als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Nicht nur in der Dritten Welt. Erscheinungsformen der Sklaverei wie Zwangsprostitution verschleppter Frauen sind auch in Europa allgegenwärtig. Zwei Publikationen beschäftigen sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema. Sie offenbaren in Bezug auf "Sexsklavinnen" eine unerwartete Allianz: Es sind linke Feministinnen und bibeltreue Christen, die am deutlichsten nach überfälligen politischen Maßnahmen rufen.
In "Ware Frau" konzentrieren sich die österreichischen Journalistinnen Mary Kreutzer und Corinna Milborn auf die spezifische Gruppe afrikanischer Zwangspros­tituierter. Ausgangspunkt der Recherchen ist eine Frau, die mit ihrem nigerianischen Mann nach Österreich gezogen war. Dieser entpuppte sich als Menschenhändler – Joana Adesuwa Reiterer ließ sich scheiden und gründete in Wien eine NGO, die sich gegen Frauenhandel aus Afrika engagiert.
Bedarf ist vorhanden: 100.000 afrikanische Zwangsprostituierte soll es in Europa geben, sie stammen überwiegend aus Benin City, einer Stadt in Nigeria, die jahrhundertelang auch Zentrum des historischen transatlantischen Sklavenhandels war. Das aktuelle Phänomen ist aber relativ neu, es resultiert auch aus der Entwicklung des Ölpreises. Dieser war Mitte der 80er rasant eingebrochen und traf auch das ölproduzierende Nigeria hart. Es kam zu einer massiven Verarmung im Land. Nigerianerinnen werden seitdem nach Europa "verkauft".

Die Gleichgültigkeit der europäischen Kunden leistet dem Vorschub. Dabei sind strafrechtliche Konsequenzen möglich: Weiß ein "Freier" um die Zwangslage einer Prostituierten, handelt er kriminell. Ein Mann namens Gregor erzählt im Buch: "In diesem Moment ist dir das egal, ob die Frau gezwungen wurde. Das ist so abgespalten vom normalen Leben, da gibt es keine Moral. Nur Geilheit."
Frauen sind aber nicht nur die Opfer dieser Zwangsprostitution: Der Frauenhandel aus Nigeria liegt großteils in den Händen von Frauen. Die "Madames", oftmals selbst ehemalige Prostituierte, genießen zudem in den hiesigen afrikanischen Communities einen verstörend hohen sozialen Stellenwert.
Was tun? Kreutzer und Milborn referieren unterschiedliche Ansätze zur Bekämpfung von Zwangsprostitution, etwa das Verbot von Prostitution oder die rechtliche Stärkung Prostituierter. Heftige Kritik üben sie an der europäischen Politik, die ihre Verantwortung für die Opfer kaum wahrnehme. Gleichzeitig verweisen sie aber auch auf die Rolle der USA, die seit dem Jahr 2000 Menschenhandel beobachteten und fehlendes Engagement bisweilen gar mit Sanktionen bedroht haben.
Und genau davon handelt "Menschenhandel" von E. Benjamin Skinner. Neben Reportagen über Versklavungsschauplätze rund um die Welt schreibt der amerikanische Journalist vor allem über Mechanismen der US- Politik. Skinners Held, zu dem der Autor keine kritische Distanz erkennen lässt, ist John R. Miller. Dieser republikanische Politiker leitete zwischen 2002 und 2006 die Abteilung für Menschenhandel im U.S. State Department, konnte zeitweilig, so es keinen übergeordneten Politinteressen widersprach, ausländische Regierungen massiv unter Druck setzen: "Millers dickschädeliger Ansatz führte letztlich weltweit zur Verabschiedung von mehr als 100 Antisklavereigesetzen und 10.000 Verurteilungen von Schleppern."

Doch wie kam Menschenhandel auf die Agenda der Bush-Administration? Bereits in den 90er-Jahren hatten sich bibeltreue Christen und Neokonservative zunächst vor allem gegen Zwangsprostitution engagiert. Die Initialzündung war der Bürgerkrieg im Sudan, als sich die Nachricht verbreitete, Christen würden von Muslimen versklavt. "Nicht nur die bibeltreuen Christen wünschten sich ein Ende des Bürgerkriegs, sondern auch die Ölunternehmen, die nach den geschätzten 262 Millionen Barrel Rohöl schielten. Im Sudan fand sich alles: Kreuzigungen, Öl und Terrorismus."
9/11 brachte den Prozess ins Stocken, erst im Oktober 2002 unterzeichnete Bush – in Anwesenheit eines befreiten Sklaven – ein Gesetz, das zum Frieden im Sudan aufforderte. 2002 wurde der Republikaner Miller ins Außenministerium berufen, er begann, ausländische Regierungen unter Druck zu setzen und betrieb Lobbying in Washington. So überzeugte er Bushs Redenschreiber Michael Gerson, der 2003 einen großen Teil der Rede des Präsidenten vor der Uno-Vollversammlung für das Thema reservierte. 2006 trat Miller zurück, das Engagement der Bush-Administration schwand.
Aufschlussreich ist auch die Diskussion zur Bezeichnung. Das State Department sei gegen den Begriff "Sklaverei" gewesen, Miller hielt seinerseits "Menschenhandel" für Schönfärberei. Der Hintergrund: "Menschenhandel" ist nach Uno-Definition kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, "Sklaverei" hingegen schon – das würde entschiedenere Reaktionen unabdingbar machen. Der offizielle Kompromiss: "moderne Sklaverei".

Gespannt darf man diesbezüglich auf die Obama-Administration sein. Anfang Jänner erinnerte New York Times-Autor Nicolas D. Kristof den gewählten Präsidenten in einer Kolumne aus Kambodscha an die Sklaverei. Auch die Neoaußenministerin, so berichtet Skinner, sei sensibilisiert: "First Lady Hillary Clinton war 1994 zutiefst bewegt von ihrer Begegnung mit einer HIV-infizierten Sexsklavin während ihres Thailandbesuchs." Später bezeichnete sie Sklaverei als "die dunkle Seite der Globalisierung".

Herwig G. Höller in FALTER 5/2009 vom 30.01.2009 (S. 18)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Menschenhandel (E. Benjamin Skinner)

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