Politikerbeschimpfung
Das Ende der 2. Republik

von Michael Fleischhacker

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Verlag: Ecowin
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.09.2008

Rezension aus FALTER 38/2008

Rausch der Verdrossenheit

Michael Fleischhacker, Chefredakteur des einstigen Flaggschiffs bürgerlicher Weltuntergangsseligkeit, der Tageszeitung Die Presse, hat ein Buch über österreichische politische Zustände verfasst. Es gehört zum Berufsbild, dass von der Kommandobrücke der Presse das Klagehorn zu tuten hat. Schon Karl Kraus hielt fest, wie Moritz Benedikt das "Rieseln im Gemäuer" der politischen Ordnung erlauschte und mahnend beschrieb. Otto Schulmeister bevorzugte den hohen Ton der Kassandra, Thomas Chorherr klagte auf erdigere Weise, der gelernte Boulevardist Gerd Bacher war zu kurz im Amt, um zu klagen, Andreas Unterberger zwang klagsmäßig Schwarz raus und Grau rein, und Michael Maier war entlassen, ehe er loslegen konnte; seine Hassklage erfolgte post festum.
Fleischhacker modernisiert diese Klagegesänge. Bei ihm rückt die Pose des Klagenden noch mehr in den Vordergrund. Auf der Rückseite des besprochenen Buchs steht tatsächlich der Satz "Über mich sagt freiwillig niemand etwas Gutes. Michael Fleischhacker. Die Presse." Die Pauschalität gehört zum Stil Fleischhackers. Man könnte seinen Stil als apodiktische Unschärfe bezeichnen. Gut, er will schimpfen, er ist unwirsch und will nicht an sich halten. Wie aber kommt man als Rezensent dazu, seine Lobbereitschaft derart in Abrede gestellt zu bekommen? Soll hier ein Doublebind nach dem Muster konstruiert werden: "Macht mich nur fertig, ich habe ja immer gesagt, dass ihr mich fertigmachen sollt?" Plumpe Selbstimmunisierung gegen Kritik? Vermutlich soll bloß die ganze souveräne Weltverachtung des Kritikers Fleischhacker aufscheinen. Er posiert als Marlboro­mann des Klagegesangs: Lässig das Lasso am Sattel, schnell am Colt, allein im Sonnenuntergang wie nur ein Sortenraucher. Welch ein Kontrast zu den von ihm Kritisierten, die vor "Angstlust" zitternd in "moralische Hyperventilation" verfallen.
Was dennoch unverdrossen an ihm zu loben ist: Er sucht die intellektuelle Aus­ein­andersetzung mit Politik, er liest politische Grundsatzwerke, lässt uns an der Lektüre teilhaben und enthält uns auch nicht vor, dass er mit dem Schriftsteller Robert Menasse persönlich befreundet ist, dessen Ansichten aber nicht immer teilt. Das ist wichtig zu wissen. Ob man selbst im dürftigen Österreich Standardwerke von Friedrich Heer, Max Weber und John Stuart Mill als Offenbarung präsentieren muss, sei dahingestellt. Erfreulich, dass sie noch gelesen werden. Merkwürdig kontrastiert zu solchem Theoriewillen, dass die Kritik an den gewiss beklagenswerten österreichischen Zuständen oft hinter das Niveau des Kritisierten zurückfällt und sich, statt zu differenzieren, auf Allgemeinplätze zurückzieht. Meist sind Fleischhackers Angriffe auf "die Intellektuellen", auf das Juste Milieu der Gutmenschen weder mit Namen kenntlich noch sonstwie fassbar gemacht. Im Rausch der Verdrossenheit wird sein Geschimpfe unpräzise. Eine deftige Volksausgabe des von ihm adorierten Philosophen Rudolf Burger.
Fleischhackers Schilderungen klingen polemisch-saftig, bleiben aber oft flach. Bei der Bawag-Krise zum Beispiel fehlt die öffentliche Vorführung der Bank durch Schüssel und Grasser, beim ORF die Rolle der Plattform Freiraum. Die Klage über die Verhältnisse ist ja nicht neu, über die Sozialpartnerschaft, den allumfassenden Konsens, die Krise der Öffentlichkeit, das Versagen der bequemen Nichtbürger, den Staat als "wohlwollenden Despoten". Merkwürdigerweise kommt der Schrif­steller Karl-Markus Gauß, der vor 17 Jahren diesen Begriff prägte, nicht vor. Bekannt ist Fleischhackers Lösung aller Lösungen: das Mehrheitswahlrecht. Er definiert zwar nicht genau, welches, aber Hauptsache, er ist schneller dort, wo die Konsensdemokratie damit erledigt wird. Den Verdacht, dass hinter dem ersehnten Dauermachtwechsel von Rot und Schwarz sich erst recht die Utopie eines rotschwarzen Dauerarrangements verbergen könnte, dürfte ihm nie gekommen sein.
Das literarische Verfahren des Buchs passt zum Denkstil des Autors. Es will sich an Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" anlehnen, bleibt aber oft im Maturantischen, manchmal im sprachlich Unzulänglichen stecken. "Die Geräusche der Zweiten Republik beim Sterben anhören" – bei diesem Satz schützt nur des Autors bekannte Jugendlichkeit vor dem Missverständnis. Sonst wäre offen, wer hier stirbt, der Hörer oder die Republik. Bleibt Fleischhackers Wunsch, "ein intellektuelles Korrektiv" dieser Republik zu sein. Daran sollten wir alle uns beteiligen, die wir guten und die wir nur lässigen Willens sind.

Armin Thurnher in FALTER 38/2008 vom 19.09.2008 (S. 26)


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