Auf freiem Fuß

von Gernot Wolfgruber

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Jung und Jung
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 14/2009

Der Lehrling und Dieb, die Frauen und die Arbeit

Von den fünf Romanen, die Gernot Wolfgruber zwischen 1975 und 1985 geschrieben hat, waren zuletzt nur die "Herrenjahre" (1976) erhältlich, die sich durch Axel Cortis Fernsehverfilmung von 1983 auch in Nichtleserkreisen einer gewissen Bekanntheit erfreuten. Nun hat Jung und Jung "Auf freiem Fuß", das Debüt des 1944 in Gmünd geborenen Waldviertlers, wieder aufgelegt; eine verlegerische Tat, die einerseits hoch zu loben ist, andererseits dem Umstand, dass es sich nur um eine Neuauflage und um kein neues Buch handelt, ein bisschen gar dezent Rechnung trägt – wer den Schutzumschlag abnimmt, erfährt überhaupt nichts davon:
© 2009 Jung und Jung.
Auf dem Cover findet sich ein Zitat von Wendelin Schmidt-Dengler, der Wolfgrubers Romane zum Besten und Wichtigsten zählt, "was in diesem Genre in Österreich nach 1945 hervorgebracht wurde".
Das Genre hatte einmal einen recht populären Namen; je nach Fokussierung lief es unter "Literatur der Arbeitswelt" oder "Antiheimatliteratur". Beides klingt heute lange nicht mehr so sexy wie in den 70er-Jahren, aber das spricht weder gegen das Genre noch gegen dessen Proponenten. Gernot Wolfgruber und der um nur ein paar Monate ältere Franz Innerhofer ("Schöne Tage") waren damals so etwas wie die linke und die rechte Faust des soz. Realismus made in Austria, der sich mit der exemplarischen Tristesse in der österreichischen Provinz, präziser: dem Oberpinzgau und dem nördlichen Waldviertel, beschäftigte.

Mit "Schöne Tage", "Auf freiem Fuß" und Thomas Bernhards "Der Keller" entstanden in den drei aufeinanderfolgenden Jahren 1974 ff. drei herausragende Werke, in denen das Auf­­ein­anderprallen von Adoleszenz und Arbeitswelt aus autobiografischer Sicht beleuchtet wird.
Wo Bernhard in der Greißlerei der Scherzhauserfeldsiedlung, dem einst berüchtigten Salzburger Glasscherbenviertel, einige rare Lichtblick erleben durfte (und, wie man dem unlängst aus dem Nachlass veröffentlichten "Meine Preise" entnehmen kann, dem Kaufmannsstand sein Leben lang gewogen blieb); wo Inner­hofer sich der deprimierenden Lage des bäuerlichen Subproletariats durch die Eroberung der Sprache eine kleine Bastion individueller Freiheit verschaffte, da ist "Auf freiem Fuß" von der Perspektivierung des Entwicklungsromans auf Umkehr und Transzendenz vielleicht am weitesten entfernt.
"Auf freiem Fuß" ist zugleich ein ganz nüchterner und ein hoch sarkastischer Titel: Als der Ich-Erzähler nach Verbüßen einer Strafe für einen aus Langeweile und Abenteuerlust begangenen, vergleichsweise läppischen Diebstahl aus dem Gefängnis kommt, ist er eben nur "auf freiem Fuß"; und wie wenig das mit der emphatischen Freiheit zu tun hat, von der Filme, Popsongs und Motorrad­kataloge künden, machen die quälend zähen letzten 30 Seiten klar, in denen der Protagonist bemüht ist, im Alltag überhaupt wieder Tritt zu fassen und solche Dinge zu bewältigen, wie sich eine Fahrkarte zu kaufen oder ein Zimmer zu nehmen.

Die Radikalität der Immanenz überzeugt auch heute noch: An Adoleszenzverarbeitungsliteratur herrscht ja, weiß Gott, kein Mangel, aber im Vergleich mit "Auf freiem Fuß" nimmt sich das meiste doch recht verplauscht und harmlos aus. Die völlige Abwesenheit von Ironie und erlösender Witzelei ist dabei eine ästhetische Tugend; und auch die Naivität, die man dem Ich-Erzähler mitunter attestieren muss, ist keineswegs ein literarischer Kniff, sondern echt, deswegen aber nicht unbedingt sympathisch.
Wolfgrubers Antiheld ist kein besonders gewinnender Charakter, am allerwenigsten in seinem ungelenk sexistischen Umgang mit den Frauen. In der nichts beschönigenden Sicht aber, die ganz auf Augenhöhe des Protagonisten justiert ist, lässt der Roman das kokett kalkulierte Tabubrechertum erfolgreicher zeitgenössischer Elaborate ganz schön alt aussehen.
Die hilflose Wohlanständigkeit der alleinerziehenden Mutter, die zynische Menschenverachtung der Vorgesetzten in der Textildruckerei, der Glasfabrik, der Bleisetzerei, das großmäulige Gepose der Peer Group, der kitschige Romantizismus der Unterhaltungsindustrie stecken jenen Raster ab, in dem ein junger Mann sich selbst finden soll – so much for Entwicklungsroman! 

Klaus Nüchtern in FALTER 14/2009 vom 03.04.2009 (S. 27)


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