Hosted

von Barbara Hölbling

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Verlag: Bucher
Erscheinungsdatum: 01.10.2008

Rezension aus FALTER 18/2009

Ein Fest für Andy

Zu altmodisch für sein modernes Haus. Das war der erste Eindruck, den der Installateur Siegfried Lamprecht hatte, als das Gemälde von Herbert Boeckl (1894–1966) geliefert wurde. Er nahm im Sommer 2007 an einem Kunstprojekt teil, bei dem Familien der steirischen Gemeinde Leitersdorf eine Woche lang Werke zeitgenössischer Künstler beherbergten. Lamprecht zog als Los ein Selbstporträt des Kärntner Künstlers. "Wir hatten uns eigentlich etwas Moderneres vorgestellt", sagt der sportliche Selfmademan, an einem Designküchentisch aus Massivholz sitzend.
Er wohnt in einem am Hang liegenden Haus mit Ausblick auf die Hügel der Südsteiermark. Die Küche ist frei von rustikaler Ornamentik, da wirkt das Bild des Stimmungsexpressionisten tatsächlich etwas altbacken. "Aber dann haben wir uns gedacht, ein abstraktes Bild wäre in dieser Umgebung untergegangen." Und dann kamen Kunstkenner, die die Qualität dieser Malerei erklärten. Und nun blickt das Ehepaar wehmütig dem Abschied entgegen; man hat den seltsamen Gast längst ins Herz geschlossen.
Wohnräume können der stolzgeschwellte Kamm des Emporkömmlings sein, die verwirklichte Utopie des Gesellschaftskritikers. Kunstwerke in Wohnungen sind das Kondensat dieser Ichanstrengungen: Indikator des sozialen Status, Symbole für Anpassung oder Verweigerung und manchmal auch ganz schön peinlich.

So wie jener Kunstdruck der Seerosenbilder von Claude Monet, der in Österreichs häufigstem Wohnzimmer über dem fett gepolsterten Sofa und dem Laminatparkett hängt. Die Werbeagentur Jung von Matt baute das Durchschnittswohnzimmer anhand von Konsumstatistiken nach; einziges Kunstwerk ist besagter Druck, der in Museumsshops und Einrichtungshäusern – Rahmen inklusive – angeboten wird. "Igitt", würde da der Abonnent trendiger Geschmacksmagazine sagen. Im Filter elitärer Konsumenten würde aber auch sonst alles hängenbleiben, was den Österreichern lieb ist: die geblümten Vorhänge, die Tina-Turner-CD, die gerahmten Urlaubsfotos.
"Der Sammler kauft ein Lebensgefühl", sagt Sabine Jaroschka, die Direktorin der Galerie Hilger Contemporary. Sie sitzt in einem kleinen Hinterzimmer der Galerie in der Wiener Innenstadt und erzählt von Kunden, die nach Kunst fragen, die mit der Sammlung ausgestopfter Zebraköpfe harmoniert. Jaroschka sieht sich als Persönlichkeitsberaterin. "Wir gehen in die Wohnung und schauen, was dazupasst." Der Käufer, der nach einem blauen Bild sucht, das zum blauen Sofa passt, sei aber die Ausnahme. Da werde dann schon eher einmal ein Wohnzimmer um ein Bild herum arrangiert.
Vor allem aber ist Kunst, wenig überraschend, ein Statussymbol. "Es gibt gewisse Namen, mit denen man sich schmückt." Früher waren das Maler wie Max ­Weiler oder Christian Ludwig Attersee, heute seien die Namen internationaler. "Viele kaufen sich Chinesen", sagt Jaroschka. Bei der jungen Sammlergeneration gehörten Kunstmessebesuche zum Lifestyle. Die würden bei einem Wohnungskauf überlegen: "Wie bringe ich meine Sammlung darin unter."
Ein paar Gassen weiter, Tuchlauben 20, betreibt Eva-Maria Schmertzing-Thonet das Einrichtungsgeschäft Viktor Stein­wender. Die Antwort auf die Frage nach der Bedeutung der Kunst für das Wohnen kommt wie aus der Pistole geschossen: "Eine kultivierte, elegante Wohnung ist ohne Kunst nicht denkbar." Etwas Individuelleres als ein selbst ausgesuchtes Bild gäbe es nicht. Die Hängung, das richtige Licht und Tipps für Kunstkäufe gehören zum Beratungspaket der Einrichtungsexpertin. Zuerst muss aber einmal Platz geschaffen werden. Vorsichtig fragt Thonet, ob es sich bei diesem oder jenem alten Schinken etwa um das Lieblingsbild des Kunden handelt. "Dann sage ich: Weg damit!"
Dezent umschreibt Thonet die Gefühle, die das Agieren in der Privatsphäre von Kunden hervorruft. "Das Einrichten ist ein dynamischer Prozess, den wir mit zwei oder drei Menschen betreiben." Dann findet sie deutlichere Worte: "Was bei uns gestritten wird, geht auf keine Kuhhaut." In ihrem Service sei auch eine kostenlose Beziehungstherapie enthalten. Um Streit zu vermeiden, empfiehlt sie Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. "Die Gegenwartskunst ist zu riskant." Über einen Dagobert Peche, Künstler der Wiener Werkstätte, werde nicht gestritten.
Ethnologen und Soziologen haben gezeigt, dass ästhetische Urteile keineswegs allein aufgrund fundierter Kenntnisse getroffen werden, vor allem dann nicht, wenn sie in den eigenen vier Wänden stattfinden. "Geschmacksurteile sind immer Ausdruck einer sozialen Beziehung zu anderen – realen oder imaginierten", sagt die an der Angewandten lehrende Designtheoretikerin Alison Clarke, die in den 90er-Jahren die Wohnungen einer Nordlondoner Straße studierte. Dabei stellte sie fest, wie stark Einrichtungsgegenstände, egal ob Kunst oder Krempel, mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun haben.

Die Häuser sind angefüllt mit Geschenken von Verwandten und Reisesouvenirs; sie erinnern an Leidenschaften, trösteten bei Trennungen und Todesfällen. Was auf den Besucher peinlich und banal wirken mag, spiegelt die Komplexität sozialen Verhaltens. "Menschen kommen durch Geschmack zusammen, artikulieren durch Geschmack ihre Unterschiede, testen durch Geschmack eine potenzielle Beziehung ab." Ungewissheit ist das Kennzeichen dieser materialisierten Selbstentwürfe, die Unsicherheit, was man zu mögen habe. Was, wenn die neue Designercouch als Schnäppchen im Internet auftaucht oder jemand, den man total daneben findet, dieselbe Küche hat? Und was, wenn der Nachbar einen Warhol hängen hat und man sich selbst mit einem uncoolen Boeckl zufriedengeben muss?
Das von Mario Höber und Barbara Hölbling kuratierte Projekt "Hosted" in Leitersdorf, dessen Dokumentation nun in Buchform vorliegt, war eine ethnografische Studie über die Kollision zwischen Kunst und Alltag. Der Wiener Unternehmer Hans Schmid (siehe auch Interview auf Seite 34) stellte Werke zur Verfügung, die an Wänden hingen, wo gewöhnlich Puzzles und Monet-Poster zu finden sind.
"Um Gottes Willen – nur keinen Nitsch!", entfuhr es Christine Josefus, als sie erfuhr, was für ein Kunstwerk in ihr Wohnzimmer kommen würde. Als dann das grün-rote Schüttbild des Wiener Aktionisten an der holzgetäfelten Wand hing, änderte sie ihre Meinung: "Passt eigentlich eh ganz gut da her!", sagte sie, die Türklinke gefährlich nahe an die wertvolle Leinwand heranführend.
Der Frühpensionist und Heimatdichter Helmuth Kotzbek erklärt den Besuchern im sachkundigen Tonfall eines Museumsguides seinen Dieter Roth: "Als Leinwand hat der Künstler hier einen Bettbezug verwendet." Das abstrakte Bild fällt über dem gemusterten Sofa und unter der verschnörkelten Deckenlampe gar nicht auf, so sehr harmoniert es mit der Umgebung. Dieter Roths Angriff auf den guten Geschmack, er drückte ganz gern Zigaretten auf seinen Bildern aus, erzeugt in der freien Wildbahn des Bad Taste einen visuellen Rückkoppelungseffekt, eine Art Pfeifen in den Augen.
"Hosted" war eine Testreihe über die Mechanik von Geschmack und Prestige. Es entwickelten sich wunderbare Mikrogeschichten über die Gefühle, die Kunstwerke in galeriefernen Sphären auslösen können. "Immer sitzen sie auf dem Warhol", sagt die Bewohnerin einer im Stil von Hotellobbys gehaltenen Villa. Sichtlich gezeichnet von der Vernissage des Vorabends, Gäste und Einrichtung waren zu Ehren des pinkfarbenen Andy-Warhol-Selbstporträts in der Farbe des Bildes gestylt, verscheucht sie die Fliegen von der wertvollen Leihgabe. Das Bild hängt auf einer eigens errichteten Stellwand, geschützt von einer pinken Kordel. Im Schwimmbad welken pinke Blumensträuße. So rasch kann ein Kunstwerk zum König werden.

Matthias Dusini in FALTER 18/2009 vom 01.05.2009 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Interieur/ Exterieur – Wohnen in der Kunst (Markus Brüderlin)

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