Elfriede Mejchar, Fotografien von den Rändern Wiens

von Elfriede Mejchar, Lisa Wögenstein, Wolfgang Kos, Otto Breicha, Walter Moser

€ 25,00
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Verlag: Fotohofedition
Format: Hardcover
Genre: Kunst/Fotografie, Film, Video, TV
Umfang: 75 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.12.2008

Rezension aus FALTER 46/2008

Romantik des Randes, Freude an der Franse

Franse ist ein tolles Wort. Es macht schon Spaß, es bloß auszusprechen: "Franse." Allzu viel Gelegenheit dazu gibt es nicht: Stirnfransen sind zur Zeit nicht rasend en vogue, und den Teppichfransen, die man in versunkenen Jahrzehnten noch mit einem überdimensionierten Kamm parallelfrisieren musste, ist wohl ein noch weniger mondänes Schicksal beschieden.

Die Franse fristet heutzutage eine vorwiegend metaphorische Existenz (Freda Meissner-Blau etwa trachtete einst danach, den Grünen "die linken Fransen" abzuschneiden). Zu jähem Erblühen der Fransenverehrung kommt es indes, sobald vom Rand der Großstadt die Rede ist. Hier geht es nun gar nicht ohne Fransen: "Wien ist dort am schönsten, wo die Stadt ausfranst, also an der Peripherie", schreibt Tex Rubinowitz in seinem spontanstadtsoziologischen Kompendium "Das staubige Tier" und preist den Alberner Hafen mit gutem Grund als "fraglos großartigste Wienfranse".
Auch Wolfgang Kos, einst Metaphern-MP bei "Musicbox" und "Diagonal", heute Direktor des Wien Museums, greift auf die bekannten, sich offenbar aufdrängenden Sprachbilder zurück, wenn er Elfriede Mejchars "Fotografien von den Rändern Wiens", die derzeit in einer kleinen, kompakten Schau zu sehen sind, im Katalog als "Protokolle des Unscheinbaren" deutet, welche die Fotografin "auf ihren Expeditionen durch die rauen, unfrisierten Randgebiete im Süden und Osten von Wien" gesammelt habe: "Restflächen und Leerstellen in der sozialtopografischen Matrix, scheinbar beziehungsloses Flickwerk, ausgefranste Landschaften, ,die sich selbst abhanden gekommen sind', wie Elfriede ­Mejchar einmal schrieb."

Das Faszinosum der Peripherie, hier wird es auf den Punkt gebracht oder besser: metaphorisch eingekreist. Deren ästhetisches Potenzial ist freilich keineswegs unumstritten, wie sich die Fotografin erinnert: 1976 wurden Mejchars Arbeiten in einer großen, von Otto Breicha kuratierten Personale im 20er Haus präsentiert und durchaus nicht nur freundlich aufgenommen. Die Frage, warum sie "so was Schiaches" überhaupt des Fotografierens für wert erachte, wurde ihr nicht nur einmal gestellt; in ­Simmering ging gar einmal jemand mit einer Bierflasche auf sie los: "Mir ist nichts passiert, der Kamera schon."
Mejchar hat ihre Aufnahmen des südöstlichen Wiener Stadtrandes – aus der Simmeringer Heide und dem Erdberger Mais, vom Wienerberg und der Triester Straße – quasi als "Parallelaktionen" (Otto Kapfinger) betrieben. Für das Bundesdenkmalamt, für das sie von 1954 bis 1984 arbeitete (zunächst "in Werkmiete", wie es so schön ungeschönt hieß, dann als fixe Angestellte), dokumentierte sie österreichische Kulturstätten und Kunstgegenstände zwischen Neusiedler und Bodensee und war – als Besitzerin eines Autos – hauptsächlich in den Bundesländern eingesetzt.
Der Bezug zum Südrand Wiens wurde vor allem durch ihren Mann hergestellt, einen Beamten der Verkehrsbetriebe und ein echtes Kind aus Favoriten. Er machte sie mit jenen Gegenden bekannt, in denen Mejchar ihre Motive fand und über Jahre und Jahrzehnte dokumentierte. "Ich kenn Wien immer noch nicht sehr gut", gesteht sie fast schamhaft, die seit 44 Jahren, nämlich seit Errichtung des Hauses, in derselben Favoritner Wohnung lebt: Fernkorngasse/Ecke Gudrunstraße – auch nicht unbedingt der glamouröseste Winkel der Stadt. "Wenn ich manchmal durch den ersten Bezirk gehe, ist es wie in einer fremden Stadt – aber schön. Wien ist schön, man möcht's nicht glauben."
Mejchar, die gerade dabei ist, ihre Wohnung umzustellen – ihr Mann ist vor eineinhalb Jahren verstorben –, macht einen ungeheuren wachen und agilen Eindruck. Ständig springt sie auf, bringt Bücher, macht Tee, besteht darauf, dem Gast auch noch selbst ein- und nachzuschenken. Vor einem Monat ist ihre Werkstatt in der Hasengasse "flöten gegangen" – sie konnte den Zins nicht mehr zahlen, die Dunkelkammerausrüstung liegt jetzt "am Mist".
Andere würden darob wohl in Depression verfallen, Mejchar hingegen gesteht sich nicht einmal einen Anflug von Melancholie zu. "Wenn was Neues kommt, wird was Neues gemacht", meint sie trocken. Auch wenn sie ihre Hasselblad und ihre Linhof nie hergeben würde, hat sie sich erst unlängst eine Digitalkamera besorgt: "Geht viel einfacher: knips, knips, knips. Aber ich bin noch in Ausbildung."

"Ich habe eine Vorliebe für Dreck – und für alles, was am Rand steht: ob das nun Disteln oder Fabriken sind", erklärt Mejchar, die zwar darauf besteht, "eigentlich schüchtern" zu sein, aber sich im Gespräch als überaus offen erweist. Im Wiener AKH zur Welt gekommen, ist sie als vaterloser "Bankert" in St. Leopold am Forst ("unterhalb von Melk") aufgewachsen und in Langenlois in die Klosterschule gegangen. Manche Abschnitte der eigenen Biografie mag sie nicht kommentieren. Da sei es "durcheinandergegangen", sagt sie dann abwehrend, um ihr animiertes Parlando fortzusetzen, sich einmal als "brave Christin" zu bezeichnen und ihren Gesprächspartner dann sanft zu überrumpeln: "Ich hab's gern unanständig – sind Sie sehr prüde?"

Die räudige Romantik des Randes, wie sie sich etwa in verfallenden Fabriken manifestiert – "hier steht auch ,Fut' da, das ist für ein ordentliches Museum natürlich nicht akzeptabel" –, ist freilich eine ambivalente Angelegenheit und mobilisiert auch die Skepsis der ausgewiesen Peripherophilen: "Eigentlich ist es eine falsche Romantik. Ich weiß das, weil ich noch in der Zeit gelebt habe, wo es den Leuten dort sehr schlecht gegangen ist."
Der Architekturpublizist Otto Kapfinger betont in seinem Katalogbeitrag über Mejchars Serie "Wiener Ziegelöfen" die ikonografische Kontinuität zwischen der dokumentarischen Fotografie und der R­uinenromantik vorangegangener Epochen, betont das prekäre "Moment der Nostalgie der überwundenen Not", das noch "bei allen industriearchäologischen Beschäftigungen eine Rolle" spiele.
Es sind aber wohl nicht nur wohlige Wehmut oder Elendsverklärung, die der Ästhetik des Randständigen zu ihrer Valenz verhelfen, sondern eine ganze Reihe von Merkmalen. Sind die Funktionsprogramme klar geschieden und eindeutig definiert, herrscht eher Fadesse als Romantik. Wo Wohnburgen und Gewächshäuser, Mediamärkte und Baumschulen einander gute Nacht sagen, ist der urbane Flaneur mit der Kamera eher selten zu finden.
Es bedarf eines genau dosierten Quantums an Unbestimmtheit und Ungleichzeitigkeit, um das surreale Potenzial der Peripherie zur vollen Entfaltung zu bringen: Regenschirm und Nähmaschine begegnen sich hier vielleicht nicht gerade zufällig auf dem Seziertisch, wie es der Comte de Lautréamont in seiner berühmten Definition von Schönheit vorsah, aber sie mögen in einem Abbruchhaus tatsächlich nebenei­nander zu liegen kommen.

Der dissonante Zusammenklang von Altem und Neuem, Natur und Zivilisation, Aufbau und Verfall gewährleistet jene Spannung, die den poetischen Funken zum Überspringen bringt: etwa, wenn der Güterzug am Bahndamm vorbeirauscht und darunter kaputte Autos am Werkstättendach stehen wie die Kühe auf der Blockhütte in John Hustons Western "The Unforgiven"; oder wenn das Werbeplakat neben einer tristen dörflichen Straße den Sexappeal der jüngsten Unterwäschekreation anpreist: "1973: Drunter bunter! Vesta … auch Farbe muss nicht teuer sein" (beides Fotos aus Elfriede Mejchars Serie "Simmeringer Heide, Erdberger Mais", 1967–76).
Spätestens seit Boris Groys' Buch "Über das Neue" wissen wir, dass ästhetische Innovation über die "Valorisierung des Profanen" voranschreitet; salopp gesagt: indem sie Dreck zur Kunst erklärt: Scheiße ist schön. Und umgekehrt ist Schönheit ­natürlich scheiße.

"Ich bin der Schönheit was neidig", gesteht ­Elfriede Mejchar und spielt damit auf ihre Arbeiten aus jüngerer Zeit an: Collagen, in denen Ausschnitte aus Illustrierten und Werbesujets, vielfach Frauenporträts, neu kontextualisiert werden, wie man so sagt. "Überall müssen die Frauen ausschauen wie ein neu lackiertes Hutschpferd", schimpft sie und weiß auch die Ursachen festzumachen: "An einem gebrochenen Hax'n verdient man halt nicht so gut wie an einem dicken Busen."
Ein klares Statement, das die Frage nach einem etwaigen politischen Engagement nahe legt. Mejchars Antwort fällt abschlägig und selbstkritisch aus: "Interessiert bin ich schon an Politik, aber ich bin auch ein richtiger Österreicher: ein bisschen feig."

Mut zu strahlenden Farben ist ihr hingegen gar nicht fremd. Für ihre Blumenbilder aus den letzten Jahren wählt Mejchar oft ­Detailansichten (die organische oder ­anthropomorphe Assoziationen wecken) und recht mächtige Formate: "Ich bin 1,58 – das hier wird also wohl 110 mal 70 sein." Vor allem Tulpe und Amaryllis haben es der Fotografin angetan, die ihre "Modelle" lieber selber anpflanzt, anstatt sie als Schnittblumen zu kaufen (bloß, dass sie mittlerweile keinen Garten mehr hat).
Es wäre aber nicht Mejchar, würde sie nicht auch hier ein wenig von der Mitte der Hauptstraße abweichen: "Ich mag die Blumen lieber, wenn sie verblühen."

Klaus Nüchtern in FALTER 46/2008 vom 14.11.2008 (S. 40)


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