KINO WELT WIEN
EINE KULTURGESCHICHTE STÄDTISCHER TRAUMORTE

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Herausgegeben von: Martina Zerovnik
Verlag: verlag filmarchiv austria
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Musik, Film, Theater/Film
Umfang: 252 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2021


Rezension aus FALTER 10/2020

Als der Kino die Stadt erleuchtete

Jammern gehört zum Geschäft. In letzter Zeit, heißt es in einem Schreiben der heimischen Kinoindustriellen, werde vielfach von „Kinomüdigkeit“ gesprochen. Damit nicht genug, „einige Pessimisten prophezeien bereits den Niedergang des Kinos“. Das war 1914, als das Kino seiner Potenziale überhaupt erst gewahr zu werden begann.



Heute, da es schon eher Grund zu jammern gäbe, übt man sich lieber in Zweckoptimismus. Zum ersten Mal seit drei Jahren seien 2019 in Österreich die Kinobesucherzahlen wieder gestiegen, ließ die Wirtschaftskammer unlängst verlauten: 14,5 Millionen verkaufte Tickets entsprechen einem Plus von 5,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Klingt gut, allerdings nur, wenn man das Minus von über zehn Prozent von 2017 auf 2018 unterschlägt.



Doch anstatt sich weiter auf wirtschaftliche Aspekte einzulassen, kann es das Feuilleton fürs Erste mit dem Schriftsteller Joseph Roth halten, der in einem seiner fiktiven „Dialoge“ auf die Frage, ob das Kino eine Zukunft habe, scherzhaft erwidert: „Ich glaube ja! Denn es dient ja hauptsächlich dazu, die Gegenwart zu vertreiben.“



Vermutlich ist in diesem Sinn auch der Titel der diese Woche eröffneten Ausstellung „Kino Welt Wien – Eine Kulturgeschichte städtischer Traumorte“ zu verstehen, die Martina Zerovnik, die Chefkuratorin des GrazMuseums, für das Metro Kinokulturhaus erarbeitet hat. Zudem erinnern ab 15. März auch die Wiener Bezirksmuseen unter dem Motto „Verschwunden, aber nicht vergessen“ in Sonderausstellungen an die lokale Geschichte von Kino, Theater und Varieté.



Der Kino, wie das Kino, das sich vom Begriff Kinematograph herleitet, ursprünglich hieß, hielt bereits wenige Wochen nach seiner Weltpremiere in Wien Einzug. Am 20. März 1896 demonstrierte ein gewisser Herr Dupont in der k.k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproductionsverfahren vor geladenem Publikum den von Auguste und Louis Lumière in Lyon konstruierten Apparat zur Projektion fotografischer Bewegungsbilder. Noch im selben Jahr fanden in der Kärntner Straße/Ecke Krugerstraße erstmals öffentliche Vorführungen des Cinématographe Lumière in Wien statt.



Die ersten Kinos etablierten sich in Varietés, im Zirkus, auf dem Jahrmarkt, wo bereits eine entsprechende Infrastruktur vorhanden war. In Wien vor allem rund um den Prater, wo mit dem Münstedt Palast (1902) und dem Lichtspielpalast (1903, später Kino Kern), dem Kino Stiller und dem Krystallkino (beide 1905) gleich eine Reihe größerer Spielstätten eröffnet wurde.



Auch die kleinen Ladenkinos vermehrten sich schnell. Ihre Einrichtung war primitiv, man nutzte zumeist leerstehende Geschäftslokale, deren Fenster mit schwarzem Papier verklebt wurden. Marktschreierische Plakate und handgeschriebene Programme lockten das Publikum zum Eintritt, vor allem Kinder und junge Leute. In ihrer berühmten Studie „Zur Soziologie des Kinos“ (Jena 1914) erhob Emilie Altenloh, dass man Kinos damals auch nach dem Grad der Dunkelheit und der Diskretion des Personals auswählte.



„Das Kino ist bequem“, lautet ein Befund des Wiener Journalisten Raoul Auernheimer aus dem Jahr 1912, „an jeder Straßenecke lockt eines, und man kann zu jeder beliebigen Stunde, wenn man gerade Zeit hat, eintreten. Ein Automatenbüffet des Geistes, ist es jederzeit willig, den Appetit der Passanten zu befriedigen.“ Doch längst hat das Kino alle Lebensbereiche erfasst. Es bietet „Sensation und Schnelligkeit, mit Musikbegleitung, aber ohne Text“, wie Anton Kuh im selben Jahr notiert, es wird Gleichnis der modernen Zeit: „Das Leben ist nicht mehr ein Theater. Es ist ein Kino. Die Jugend ist ein Film, 200 Meter lang. Die Liebe ist koloriert. ‚Die Dummheit‘ ist eine heitere Einlage. Kino – immer und überall!“



Quasi zur Schlagader der Kinobranche wurde die Neubaugasse, die mehrere Film­cafés und bis heute etliche Verleihfirmen beherbergt. Als sich die Firma Leon Gaumont um 1910 in der Mariahilfer Straße niederließ, zogen sukzessive andere große Unternehmen nach, sodass zeitweise 80 Prozent aller in Wien ansässigen Filmgesellschaften ihren Sitz in Neubau hatten. Ähnliches galt bald auch für die Zulieferindustrie, die Redaktionen der zahlreichen Filmmagazine und technischen Büros der Kinoausstatter, wie etwa der Ersten österreichisch-ungarischen Kinowerke. Diese wurden von einem Peter Lefnär geführt, seines Zeichens k.u.k. Hoflieferant, und stellten einen Mercédés-Stahl-Bronze-Projektor her.



Gleich mehrere Kinos schossen allein entlang der Mariahilfer Straße aus dem Boden. Das schönste am oberen Ende des Einkaufsboulevards, wo sich im Souterrain des neunstöckigen Baus des Ersten Warenmuster- und Kollektiv-Kaufhauses der 1920 eingerichtete und von der Staatsfürsorgeanstalt (kurz: Stafa) betriebene Zen­tralpalast befand. Das architektonisch außergewöhnliche Kino bestand aus einem runden Saal mit 650 Sitzplätzen, der über eine elegante, in sich gespiegelte Treppe zu erreichen war. 1930, mit der Umstellung auf Tonfilm, wurde es in Stafa-Kino umbenannt. Es blieb lange Zeit das einzige Premierenkino im Bezirk und schloss 1956.



Inzwischen sind bis auf das Haydn sämtliche Kinos von Wiens größter Einkaufsstraße verschwunden, darunter das Flotten Center (geschlossen 2002), das U3 (vormals Maria-Theresien, 1993), das Residenz (vormals Non-Stop-Journal-Kino, 1989) oder das Schäffer (1989) mit seinem alles andere als jugendfreien Programm.



Um einmal Zahlen zu nennen: Anfang der 1920er-Jahre gab es in Wien mehr als 170 Kinos, heute sind es keine 30 mehr. Studiert man in einem Branchenblatt wie der Kinowoche das Programm von vor 100 Jahren, ist man in zweifacher Hinsicht verblüfft: einmal wegen der unfassbaren Kinodichte, zum anderen deshalb, weil man einige der Kinos bis heute kennt, nicht selten noch unter demselben Namen. So spielte das Burg-Kino am Opernring im April 1920 nicht nur „Das Todesurteil“, sondern auch die Burleske „Seff, der Bücherwurm“, im Schottenring-Kino (dem heutigen De France) lief unter anderem Ernst Lubitschs „Madame Dubarry“ mit Pola Negri, das Schikaneder in der Margaretenstraße brachte „Mysterieuse“ und Henny Porten in „Kohlhiesls Töchter“, im Haydn gab es „Alkohol“ und im Admiral in der Burggasse einen „Fürst der Nacht“ sowie „Die Schlange mit dem Mädchenkopf“.



Kino war ein kulturell heiß umkämpftes Terrain, zumal im Roten Wien. Mit der Parole „Hinein in das Kino!“ sollte die Arbeiterschaft zum Besuch hochwertiger Filme animiert und mit der Gründung einer eigenen Kinobetriebsgesellschaft, der Kiba, für eine entsprechende Programmierung gesorgt werden. Dank finanzieller Rückendeckung der Arbeiterbank gelang es, binnen fünf Jahren ein linkes Kinoimperium aufzubauen. Ende 1931 kontrollierte die Kiba über 30 Kinos, fast alle in der Hauptstadt.



Die Theorie war gut, die Praxis war es nicht. Selbst unter den Genossen waren die sozialdemokratisch geführten Kinos keineswegs unumstritten. Fritz Rosenfeld, der junge Filmkritiker der Arbeiter-Zeitung, fand für die kommerziell ausgerichtete Programmpolitik der Kiba klare Worte: „Fast alle diese Kinos spielen nicht nur den üblichen Filmschund, sie spielen von diesem Schund noch das Schlechteste; fast alle diese Kinos vernachlässigen nicht nur ihre Pflicht gegen den künstlerischen Film, sie spielen auch oft und oft Filme, die ihrer politischen Einstellung nach in Arbeiterkinos niemals gespielt werden dürften.“



Rosenfeld wurde vom Parteivorstand zurückgepfiffen und die Kiba-Filme eine Zeitlang von nachsichtigeren Kollegen besprochen. Doch die Geschäftspraktiken von Generaldirektor Edmund Hamber, der einen teuren Lebensstil pflegte und nebenbei Inhaber des Nachtlokals Moulin Rouge war, führten die Kiba im Verein mit ihrer allzu raschen Expansion in eine moralische und ökonomische Krise. 1933 brach die Kiba zusammen, im Jahr darauf wurden die letzten in ihrem Besitz verbliebenen Kinos der Gemeinde Wien übertragen. Nach dem „Anschluss“ löste man das Unternehmen auf.



Bei einem Bombenangriff im Juni 1944 wurde fast ein Viertel der Wiener Kinos zerstört, darunter das gigantische Busch-Kino im Prater, der Sascha-Filmpalast im Dritten und das Schweden Kino am Anfang der Taborstraße. Die übrigen Kinos spielten auch noch weiter, als die Theater bereits geschlossen hatten; die Volksoper wurde kurzzeitig in ein Kino verwandelt.



„1945 gab es kein Kino mehr und noch kein Kino in Wien“, erinnerte sich Ilse Aichinger, die große Dichterin und passionierte Kinogeherin, „der Film spielte sich ohne Kino ab.“ Doch sofort nach Kriegsende erhielt die Kiba ihre Betriebe zurück, außerdem noch solche, die im Zuge der Entnazifizierung entzogen worden waren. Auf den Gedanken, sie ihren in der Regel jüdischen Vorbesitzern zu restituieren, kam die Gemeinde freilich nicht.



Den absoluten Besucherrekord verzeichneten die Wiener Kinos im Jahr 1953 mit 48,8 Millionen verkauften Tickets, zehnmal so viele wie aktuell. Dann löste das Fernsehen die unabdingbar gültige Einheit von Film und Kino auf – der Rest ist ziemlich rasch erzählt.



Kinosterben folgt auf Kinosterben, selbst die modernen Nachkriegsbauten von Robert Kotas, dem Hausarchitekten der Kiba, hatten einen schweren Stand. Das prächtige Forum-Kino in der Stadiongasse, erbaut 1950, wurde 1973 schon wieder abgerissen, sodass von den einstigen Premierenpalästen der Stadt einzig das 1960 eröffnete Gartenbau noch existiert.



Parallel dazu fängt sich das Kino zu spezialisieren an. Bevor die alten Bezirkskinos leerstehen, wurden sie als Pornoschuppen weitergeführt oder setzten auf anspruchsvolles Programm. Eine alternative Filmszene erblüht, legendär: das action in der Lerchenfelder Straße (ab 1976), das Star-Kino in der Burggasse oder das Movie in der Margaretenstraße (beide ab 1977).



Keines dieser erfolgreichen Repertoire­kinos hat überlebt, und auch die Kiba wurde 1998 abgewickelt. Stattdessen überließ die Stadt die Traditionskinos allzu leichtfertig ihrem Schicksal, soll heißen: der Konkurrenz durch meist ausländische Konzerne, die völlig willkürlich neue Großkinoprojekte nach US-Vorbild wälzten.



Nicht weniger als neun Multiplexe wurden tatsächlich realisiert. Innerhalb von nur zwei Jahren erhöhte sich die Zahl der Leinwände in Wien drastisch, von 93 (im Jahr 1998) auf 150 (im Jahr 2000). Noch deutlicher wird das krasse Over-Screening anhand der Sitzplatzkapazität: Diese nämlich verdoppelte sich im selben Zeitraum schlicht von 15.783 auf 30.306. Damit war Wien, wie der Kino-Chronist Andreas Ungerböck durchaus treffend bemerkte, zur „Multiplex-Hauptstadt Europas“ geworden.



Zurück zu den Anfängen? Nein, nicht ganz. Es stimmt zwar, dass das Kino bis auf ein paar wenige Häuser aus dem Stadtbild verdrängt wurde, zurück an die Peripherie, von der aus es zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Siegeszug angetreten hatte.



Allerdings sind die Multiplexe kein Ersatz für die historischen Kinos, sondern geschichtslose Bauten mit maximaler ökonomischer Ausrichtung. Das gilt selbst für das Cineplexx Palace von Harry Seidler an der Reichsbrücke, das eleganteste Plex der Stadt. Sie sind Teil einer global standardisierten Infrastruktur, die auf Lokales kaum Rücksicht nimmt. Mit ihnen hat das Kino in Wien viel von seiner Aura und seiner Eigenart verloren.

Michael Omasta in FALTER 10/2020 vom 06.03.2020 (S. 30)


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