Granturismo

von Hanno Millesi

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Verlag: Luftschacht
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 232 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.09.2012


Rezension aus FALTER 13/2013

"Ich muss selbst darüber kichern"

Als Schriftsteller ersinnt Hanno Millesi verschrobene Helden, in seiner Kunst überlässt er sich stärker seinem Spieltrieb

In seiner Vorstellung ist der Angestellte schon unzählige Male aufgebrochen, hat Bekanntes gegen Unbekanntes getauscht, Vertrautes gegen Fremdes."
Weil die Firma, für die er arbeitet, aber von der Krise betroffen ist, wird ihm vorgeschlagen, sich eine Auszeit zu nehmen. "Können wir ihn währenddessen bezahlen? Selbstverständlich nicht, aber das spielt wohl kaum eine Rolle, handelt es sich doch um eine Investition. Eine unbezahlbare Phase der Eigenverantwortung."
In "Granturismo", Hanno Millesis jüngstem Roman, macht sich einer auf den Weg. Es wird allerdings schnell deutlich, dass er nicht der Typ für Reisen ins Ungewisse ist. Er fährt lieber Schnellbahn anstatt zu trampen, und wenn es ihm zu bunt wird, steigt er im nächstbesten Bahnhof in die Bahnlinie ein, die ihn zurück in die Hauptstadt bringt.

Für einen Autor, der im Hintergrund gern die Fäden ziehen würde, ist ein solcher Protagonist ein Problemfall: "Ich frage mich, ob mein Reisender überhaupt der Richtige für das ist, was ich hier vorhabe."
Wobei der Schriftsteller selbst auch nicht ganz auf der Höhe zu sein scheint: Er verschanzt sich in seiner Wohnung und kommt mit der Arbeit nicht voran, weil ihn die Geräusche der anderen Hausbewohner faszinieren.
Nicht zum ersten Mal findet sich in einem Werk des Wiener Schriftstellers ein geplagter Schriftsteller. Man wird ihn nicht mit seinem Erfinder gleichsetzen, aber es sind auch keine "Experimente", um die es Millesi in seinen Büchern geht.
"Bei ,Granturismo' dienen ich und meine Wohnsituation als eine Art Modell", gesteht er ein. "Ich habe dabei aber weniger an einen autobiografischen als vielmehr an einen realistischen Aspekt gedacht. Mir geht es auch darum, die Entstehung dessen, was der Leser schlussendlich als Text in Händen hält, miteinzubeziehen."

Als Autor gehört Millesi einer Zwischengeneration an. 1966 geboren, ist er gut zehn Jahre jünger als Kollegen wie Christoph Ransmayr, Josef Haslinger oder Robert Menasse, die in den 1980ern zu publizieren begannen und bald erste Erfolge feierten. Er ist allerdings auch deutlich älter als die Angehörigen der zuletzt nachrückenden Generation mit Namen wie Clemens J. Setz, Anna Weidenholzer oder Milena Michiko Flašar.
Aber auch ästhetisch setzt er sich mit seinen Erzählungen und Romanen zwischen die Stühle. Weder Avantgardist noch Postmoderner, macht Millesi gleichwohl in der Form seiner Texte keine Zugeständnisse an den Zeitgeist. Stattdessen setzt er auf Sprachwitz und will den Leser weder überfordern noch langweilen: "Als Schreiben über das Schreiben habe ich meine Arbeit eigentlich nie begriffen. Mir geht es in hohem Maße um einen oder sogar mehrere Plots und ich habe keinerlei Angst vor Unterhaltungswerten. Für mich fängt das Problem an, sobald das Erzählen so weit im Vordergrund steht, dass der Sprache kaum noch Bedeutung beigemessen wird."

Dass er etwas Künstlerisches machen würde, war ihm schon als Jugendlichem klar, wobei sich Millesi zunächst nicht zwischen bildender Kunst, Film, Musik und Literatur zu entscheiden vermochte.
"Texte schreiben erschien mir damals nicht gerade als die beeindruckendste Form von kreativer Betätigung", erinnert er sich. Film und Musik schieden als Berufsfelder schließlich aus, da man in diesen Bereichen in der Regel mit anderen Menschen zusammenarbeiten und "diese in gewisser Weise beherrschen muss, wenn man die ureigene Idee verwirklicht sehen will". Musik macht Millesi mit der Band Albers zwar immer noch, am besten kann er seine Ideen allerdings beim Schreiben ("vorzugsweise alleine") verwirklichen.
Verbunden geblieben ist er hingegen der bildenden Kunst. Sein Kunstgeschichtestudium schloss er Anfang der 1990er-Jahre mit einer Dissertation über die fotografische Dokumentation von Aktionskunst an der Angewandten ab. Zu dieser Zeit ergab sich auch eine Anstellung bei Hermann Nitschs Orgien Mysterien Theater, später arbeitete Millesi im Museum moderner Kunst.
Unter dem Titel "Neo-Geo" ist im Literaturhaus Wien nun eine Ausstellung mit Text- und Bildcollagearbeiten Millesis zu sehen. Als Ausgangsmaterial diente ihm ein Stapel amerikanischer Magazine zu den Themen Geografie, Reisen und Naturwissenschaften aus den 60er- und 70er-Jahren, den ihm sein Vater vor vielen Jahren überlassen hatte.
Für Millesi handelt es sich dabei aber nicht unbedingt um eine Fortsetzung oder Erweiterung seiner literarischen Arbeiten.

"Die Arbeit an den Collagen dient mir in gewisser Weise als Ausgleich zum Schreiben. Einerseits kann ich mich meinem Hang zum Bildnerischen stärker überlassen, andererseits gehe ich mit größerer Leichtigkeit an diese Arbeit heran. Versuche ich beim Schreiben meiner Vorstellung so nahe wie möglich zu kommen, lasse ich mich bei den Collagen durchaus vom Material anregen und muss oft selbst über das Ergebnis kichern."
Letzteres kann einem auch bei der Lektüre von Millesis Büchern leicht passieren. Eine der prägnantesten Stimmen der heimischen Literatur ist immer noch zu entdecken.

Sebastian Fasthuber in FALTER 13/2013 vom 29.03.2013 (S. 37)



Rezension aus FALTER 41/2012

Ein problematischer Mitarbeiter

In Hanno Millesis "Granturismo" hat ein Autor große Schwierigkeiten mit seinem eigenwilligen Protagonisten

Granturismo" – so heißen für Langstreckenrennen geeignete Sportwagen, ein Rennsimulationsspiel sowie der neue Roman von Hanno Millesi. Eine Autorenfigur schickt ihren Protagonisten auf Reisen, die für den einen so real sind wie für den anderen fiktiv. Die gesamte Romanhandlung ist somit zwischen äußerem Stillstand und virtueller Bewegung aufgespannt und führt mit mancherlei erfundenen Fortbewegungsmitteln von einer skurrilen Episode zur anderen.
Ausgangspunkt der Handlung ist die Entlassung des Protagonisten, die nach allen zynischen Spielregeln des Neoliberalismus abläuft, und seine Flucht. Um sich neu erfinden zu können, will er seine Vergangenheit abstreifen und landet – wo könnte das Vergessen besser gelingen? – in einer Weinstadt. Nach übermäßigem Konsum des vergorenen Traubensafts stürzt er, verliert sein Bewusstsein und erwacht in der undurchdringlichen Dunkelheit eines unterirdischen Weinkellersystems. Für den Verkaterten ist dieses Labyrinth äußerer Ausdruck seiner inneren Emigration, in der er nichts als Chaos vorfindet.

Chaos und Zufall sind denn auch die paradoxen Ordnungsprinzipien dieses Romans, der zwischen der planlosen Wanderschaft des Protagonisten und der statischen Wohn­existenz seines Schöpfers hin- und herwechselt. Dieser verzweifelt an seinem Protagonisten, weil er immer wieder zu ihm zurückkehren will und kürzt zur Strafe dessen Namen von Reisender zu R. ab. Mehr Buchstaben habe er sich wirklich nicht verdient.
Vier Mal schickt er ihn auf Reisen. R. beschließt: egal wie, aber es soll über die Grenze gehen. Auch das hat symbolischen Gehalt, den er durch regelmäßige Rauschzustände einlöst. Auf jedem seiner Wege gesellt sich ein skurriler Weggefährte hinzu – ein trinkender Dichter, ein gehirngewaschener Vertreter, der den Leuten dabei hilft, "ihr Leben in den Griff zu bekommen", eine weinende Frau mit zwei Rädern oder ein Aussteiger mit seiner Familie, der sich mit Zitaten aus der Finanzwelt selbst so in Rage versetzt, dass er einen Autounfall verursacht. Jeder seiner Fahrten wird ein abruptes Ende gesetzt, und zufällig kommt von irgendwo eine Schnellbahn daher – und R. ist wieder auf dem Rückweg.
Die Wahrnehmung von R. ist dabei so verzerrt und wirklichkeitsfern, dass er etwa einen reglosen Mann im Roggenfeld nicht als Vogelscheuche erkennt. Auch R.s Schöpfer tappt im Dunklen, tut dies aber aus Absicht und in der eigenen Wohnung, weil er sich unter dem Vorwand einer Reise zur Schreibklausur zurückgezogen hat.
Auch der Autor nimmt vermeintliche Dinge wahr – harmlose Vorkommnisse in der Nachbarschaft interpretiert er zu einem Kriminalfall um – und übt sich in den skurrilsten Sitzweisen, die man sich nur vorstellen kann. Die Emanzipation seiner Hauptfigur macht ihm schwer zu schaffen. Mit einer Kummernummer-Psychologin bespricht er deshalb Strategien, um mit dem "problematischen Mitarbeiter" besser zurechtzukommen.

Millesi treibt ein grandioses Spiel mit den Textebenen, die einander ironisch bespiegeln und unterlaufen. Als R. auf magic mushrooms eine Horrorfahrt erlebt, gelingt dem Autor die Engführung der Romanhandlung mit dem im Titel zitierten Computerspiel und der lapidare Verweis auf die Virtualität menschlicher Erfahrung. Wie alle klugen Beobachtungen in diesem Text kommt auch dies ganz nebenbei.
Man könnte den Roman auch völlig anders beschreiben und die vielen Fährten, die er durch inner- und außerliterarische Bezüge legt, aufnehmen; könnte ihn als Schlüsseltext über eine bestimmte Kulturszene lesen; könnte die Schauplätze in den vier Vierteln Niederösterreichs erörtern. In erster Linie aber sollte man sich an den zutiefst komisch-absurden Einfällen des Autors, seinen schönen Bildern und Sätzen delektieren.
"Granturismo" ist ein Roadmovie über die Gedanken- und Rastlosigkeit seltsamer Romanfiguren und ein klaustrophobischer Einblick in die einsame Gedankenwelt einer Autorenfigur. Die Dialektik dieser Vita activa und Vita contemplativa wird am Ende auf skurrile Weise aufgelöst.

Alexandra Millner in FALTER 41/2012 vom 12.10.2012 (S. 7)


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